Brot von oben.

Der kleine Mann hatte einen neuen Job als Bäckereifachverkäufer beim Supermarkt am Eingang. Die erste Aufgabe war einfach: Immer freundlich sein. Dann folgte Brot verkaufen, Brötchen, Schnittchen, Kuchen und Rumkugeln. 

Der kleine Mann arbeitete vorne mit einem Tritt, nach hinten mit einer Leiter. Vorne langte es gerade für einen Blick über den Tresen hinüber zum Kunden, nach hinten war selbst mit Leiter das Brot von oben auf dem Brotregal eine Herausforderung. Nicht nur, dass der kleine Mann den ganzen Tag Tritt rauf, Tritt runter, Leiter rauf, Leiter runter klettern musste, nein, die Kunden bemerkten das und amüsierten sich. 

Eines Tages kam jemand auf die Idee, nur noch Brot von oben zu bestellen und die Ausführung der Bestellung mit einem breiten Grinsen zu begleiten. Der kleine Mann vermutete dahinter eine böswillige Absicht, er wütete, grimmte, schäumte wie ein Rumpelstilzchen und beschimpfte den Gott der Regalbauer als humorlosen Nichtsnutz. Aber immer mehr Kunden bestellten Brot von oben und freuten sich wie Bolle, wenn der kleine Mann seine Leiter hinauf kraxelte und mit einem Stock durch die Regalbretter hindurch das Brot an den Rand stocherte und mit Geschick in einer Tüte auffing. 

Irgendwann bildeten sich Schlangen vor dem Bäckertresen, alle wollten Spass, Brot von oben und den kleinen Künstler bei der Arbeit sehen. Der Bäcker ging dazu über, nur noch Oben-Brot anzubieten und war kurz davor, einen weiteren Regalboden aufzustocken, da kippelte eines Tages der kleine Mann, im Moment der größten Unlust und Frustration, auf seiner Leiter raus aus dem Supermarkt und ward nie wieder gesehen. Er aß dann zwei Monate lang nur Nudeln mit Ketchup.

Der kleine Mann.

Der kleine Mann hatte sich etwas ausgedacht und das ging so. Wenn er sich vier Joghurts kaufte, auslöffelte, auswusch und die Plastikbecher unter seine guten Schuhe schnallte, wäre er um bestimmt fünf Zentimeter größer. Gesagt getan, an einem heißen Sommerwochenende wurden die Joghurts gekauft, gegessen und die leeren Becher mit Gummiringen unter die Füße geschnallt. Beim ersten Gang hinaus auf den heißen Teer schmolzen die Becher dahin und der kleine Mann war wieder so klein wie allzumaldereinst vor seiner Idee. Irgendwann ging dem kleinen Mann der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht nur klein, sondern auch blöd war. Kein Mensch läuft auf Kirschjoghurtbechern wie auf Stelzen durch die Gegend und wird ernst genommen. Das geht nur mit Erdbeerjoghurt.

Samba.

Ich habe mir Samba beigebracht, allein, in eine Holzhütte am Strand, ohne Musik, aus einem Buch ohne Bilder. Das war anstrengend, schmerzhaft und ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich da mache, tatsächlich Tanzen ist. Vielleicht tanze ich gar nicht, sondern Summse oder Swompe.

Nach drei Tagen habe ich mich für Swompen entschieden. Ich swompe nicht nur, ich bin der Erfinder des Swompens. Swompen hat etwas mit Schüttelfrost zu tun und Wackelpudding. Ich hinke danach.

Endlich verdiene ich auch wieder Geld. Ich animiere das Publikum als verkleidete Riesenrübe und gebe Kurse „Swompen für alle“ und „Swompen ohne Reue“. Swompen ist besser als Kohldiät. Meistens muss ich mich vor und nach den Auftritten übergeben. Ich habe sehr abgenommen.

Ab sofort geht nur noch Summsen, wegen der Kniegelenke, Hüften, Rücken oben und unten eine ganz einfache Entscheidung. Summsen ist gut gegen Mückenstiche.

Balance.

Ich versuche, meinen Ellbogen so nach oben zu drücken, dass ich ihn, wenn ich müsste, küssen könnte, während meine Hand einen meiner Füße langsam von hinten über den Rücken hoch zum Kopf zieht. Ich wippe locker mit meinem Standbein auf und ab, das Kniegelenk dabei leicht rheumatisch angewinkelt durchgestreckt. Mein Blick geht versuchsweise arrogant ins Nirgendwo, während ich auf einem Brett stehe, welches auf dem Kopf eines Elefanten von einem Nasenbär so ausbalanciert wird, dass auf der gegenüberliegenden Seite eine Familie Erdmännchen eine Gruppe Synchronschwimmerinnen in Badeanzug und Flitterflatter imitieren kann. Es ist schwer vorstellbar, aber unter dem Elefanten fährt unser Biogemüselieferant auf seiner Mofa eine Steigung freihändig herauf, die andere nicht mal rückwärts sitzend geschoben in einer Schubkarre geschafft hätten. Mit dem linken Vorderfuß dribbelt er eine Kiste Karotten den Berg hoch, rechter Hand schwenkt er die Fahne eines drittklassigen indischen Cricketclubs, hinten spielt er mit einem der Elefantenfüße Doktor Bibber. Ein Bein des Elefanten verleiht durch seine kreisenden Bewegungen einem regenbogenfarbenen Hulahoopreifen Schwung und damit diesem undurchsichtigen Ganzen eine Anmutung vom Glanz einer untergegangenen Epoche der Wunder und Übertreibungen. Vorne am Elefanten hängt übrigens diese Frau von Pink Nails, feilt ihm die Zehennägel und verziert sie mit bunten Strasssteinen. Neben ihr schwingt ihr Mann den Rest der Familie in einem überdimensionierten Kleiderbügel sitzend vor und zurück. Der Mann hält eine Papiertüte, die den Esel, der sich an den linken Elfenbeinzahn des Elefanten klammert, am hyperventilieren hindern soll. Während ich mich an den Gedanken gewöhne, Teil einer außerordentlichen Performance zu sein, verirre ich mich langsam in dieser Ansammlung von Unmöglichkeiten. Ein zufällig vorbeieilender Schamottesammler, was auch immer das sein mag, ein Schamottesammler, deutet mit einem Kopschütteln an, dass ich insgesamt den Eindruck erwecke, als hätte ich mein Leben nicht im Griff. Ich nicke und stimme ihm von Herzen zu. Einer dieser seltsamen Filme fällt mir ein, vielleicht von Jaques Tati oder Frederico Fellini.

Im November

Mittags, als die Sonne der Kälte wegen knackte, während zu einer anderen Zeit ein Polarfuchs seiner geraden Spur über den verschneiten Platz gefolgt wäre, also mittags an diesem Tag im November trat Frompy, angetan im edlen Kettenhemd des kämpfenden Gottes aus alten Tagen, im kurzen Kriegsrock, Sandalen, den traditionellen Ritualspeer des Eroberers in der Linken, neben ihm Hotte und Pummel, Mops und Pudel, treue Begleiter seit jeher, hinter ihm Hippo, Gott der Angestellten und Knechte, mittags also stand Frompy vor dem Hamburger Rathaus und sprach die ersten Worte des Neuankommenden in diesem ihm fremden Land zu diesem ihm fremden Volk, Menschen, die er für nackte Eingeborene hielt (obwohl Jedermann und Jedefrau warme Kleidung trug), und sprach also wie dermaleinst Kolumbus bei jener Ankunft in der neuen Welt die Worte des ersten Inbesitznehmens: Mann, ist das arschkalt hier. (Das war nicht das, was er sagen wollte, entsprach jedoch seiner aktuellen Stimmung.)
Hippo, Gott der Diplomatie, zupfte an Frompys Kriegsrock: Du wolltest etwas über Inbesitznahme sagen, Begrüssung im Namen und Willkommen im Reich von König und Königin, undsoweiter undsofort.
Frompy, Gott des furchtbefreiten Auftretens, nahm sich ein Herz und brüllte dem erstbesten Hamburger ins Angesicht: Mein Herr, betrachten Sie sich als erobert und in Besitz genommen.
Zuerst mal heißt das bei uns Moin, sprach der Mann, ein Rechtsanwalt und bekannt mit Gott und der Welt in Hamburg und bewandert in den Gesetzen, die die Eroberung und Inbesitznahme Hamburgs vollkommen und komplett ausschließen, nickte kurz und ging seines Weges: Eroberungen Montags und Dienstags von zehn bis elf Uhr und nur nach vorheriger Anmeldung. Außerdem empfehle ich, am Eingang eine Nummer zu ziehen. Moin, moin.
Frompy, Gott der unterdrückten Wut, biss sich auf die Unterlippe, gnabbelte an seinen Fingernägeln und tat das, was Götter in solchen Situationen immer machen: Er zog eine Flunsch und gab Hippo die Schuld.

Komische Ordnung.

Frompy, Gott der Unordnung, sprach zu Hippo: Ich weiß, es ist hoffnungslos.

Hippo, Gott der sinnlosen Einfälle, antwortete: Ich denke, du hast recht, man kann einen Pudel und einen Beutel Kochreis nicht einfach in eine Mikrowelle stopfen und hoffen, dass dabei etwas Geschmackvolles herauskommt.

Frompy, unwirscher Gott der Verständnislosigkeit: Ich hasse dich! Du weißt, wie gern ich Pudel mag. Pudel sind super.

Hippo, Gott der Ablenkung: Dann nimm doch Mops mit Kartoffeln.

Um die Ecke stackselten Pummel und Hotte, ihres Zeichen Pudel und Mops, quicklebendig und frohgemut. Pummel blieb vor Hippo stehen und starrte anklagend an dessen linkem Knie vorbei ins Nichts, bis dieser ein kleinliches: War doch nur ein Scherz! von sich gab.

Das ist die komische Ordnung der Welt, dass es Situationen gibt, in denen die starrenden Augen eines Pudels einen Gott in die Knie zwingen.

Frompy, Gott der Lippe, schmollte: Kartoffelmops? Reispudel? Das ich nicht lache. Pah.

Ist das alles?

Frompy, Gott der Einfachheit und der Vereinfachung, beantwortete jede Frage grundsätzlich mit: Ja, das ist alles! Da gibt es nichts sonst. Weiß ist weiß und schwarz schwarz.
Schwarz schwarz? Was soll das denn heißen, fragte Hippo, Gott der Wiederholung und ungnädigen Erwiderung. Hippo versuchte seit Jahren, Frompy mit sinnlosen Fragen in den Wahnsinn zu treiben.
Frompy, Gott des ignoranten Vergessens, erinnerte kein ’schwarz schwarz‘ und zuckte mit den Schultern: Wer Rat braucht, kann mich mal kreuzweise.
Unversehens erblickte Hippo, Gott der unergründlichen Gedankengänge, eine Maus. Er seufzte melancholisch hinüber zu Frompy, Gott der tief wurzelnden Freundschaft: Ich wollt, ich wäre ein Stück Käse.
Frompy, Gott des zustimmenden Gemüts, nickte: Ich auch.
Mehr geht einfach nicht.

Die Luft um meinen Körper

Drückende Enge in der S-Bahn morgens um acht. Die Luft um meinen Körper wird dünner, T-Shirts und Mitfahrende liegen enger an. Ich glaube, ich habe zugenommen.

S-Bahn voll, Mann, sitzend, neben ihm sein Rucksack, kümmert sich einen Scheiß um stehende Fahrgäste. Fragt ihn jemand mit tiefer Stimme: Kann ich bitte mal ihre zwei Fahrkarten sehen?

Mittagessen in der S-Bahn: Junger Mann mit einem dampfenden Döner setzt sich und isst. Dieselbe tiefe Stimme von vorher: Danke, dass Sie uns alle an Ihrem Essen teilhaben lassen.

Der S-Bahnfahrgast, das menschlich Wesen: Ich rieche, also bin ich.

Haare. Ich habe mein Haupthaar in der S-Bahn verloren.

Bandscheibenvorfall in der S-Bahn: Mann ohne Haarteil beim Türöffnen von Kinderwagen gebissen.

Inseltheater.

Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…
Rechts am Strand liegt eine leere Kekstüte, ehemals Heimat wohlschmeckender Zuckerkränze, jetzt das Büro einer Gruppe Wanderameisen. Daneben hat Armin der Inselkrebs seine Idee für ein Strandschloss umgesetzt: zwei Dosen Cola ohne Cola, ohne Zucker, ohne Farbe. Auf einer schrägen Strandkiefer hocken drei Überlebende eines Tankerunglücks und karaoken indonesische Liebeslieder über ein Mädchen namens Lisa. Lisa ist eine Fast-Miss-Nordrhein-Westphalen und Ex-Betreiberin einer Pommesbude, gestrandet und geblieben, Liebling aller Inselbewohner und Objekt der Anbetung der indonesischen Schiffbrüchigen. Lisa besitzt die einzigen beiden Esel der Insel, Montgomery und Clift. Montgomery macht meistens nichts, Clift brüllt gerne. Am Ende der ehemaligen Landebahn für Militärflugzeuge verschenkt ein Elvisdouble hawaiianische Blumenkränze an indigene Völkerschaften, die sich in der Regenzeit mit trockenen Witzen über Wasser halten. Die Lebenspartnerin des Künstlers mit der Coladose ist Ethnologin und wird Rene Magritte gerufen. Ihr derzeitiges Forschungsobjekt ist der Sozialpolitiker Robert, der nach seiner Anlandung versucht hatte, eine Gesundheitskasse für Gibbonaffen einzuführen. Mangels Affen zeichnet Robert seitdem mit seinem großen Zeh jeden Nachmittag ein Smiley in den Sand, was Rene Magritte sorgfältig in einem schwarzen Büchlein vermerkt. Jenseits der Smileys in den Kiefernwäldern verbringt der einzige halbwegs vernünftige Humboldtpinguin der Insel seine Zeit mit dem Aufbau eines Homeshopping TV-Senders. Sein Motto für den Start des Senders und alle anderen Fälle ist „White Christmas“, was gleichzeitig der Lieblingssong des Künstlerkrebses mit der Coladose ist, wenn er im Sonnenuntergang als Bing Crosby auftritt. Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…

Everything will be alright.

Eines Tages wird alles gut sein. Dann wird ein großer Müllschlucker durch die Welt wandern und Müll schlucken. Anschließend wird es nichts Braunes mehr geben, keinen Hundekot, keine rechte Suppe, keine Rassisten, keine fremdenfeindlichen Theorienfanatiker. Keine Hasskommentare auf Facebook, keine Menschenfänger, keine Feuerleger. Alles, was man sieht, ist bunt und echt. Es ist hell und nichts liegt im Verborgenen. Wir kennen und verstehen uns.

Jeden Tag gibt es Shrimps. Oder Grünkohl und Obstsalat mit und ohne Vanillesoße, freie Wahl für jeden Flüchtling. Liebe geht durch den Magen.

Es gibt keine Kriege mehr. Krieg wird ersetzt durch Kampf gegen den Krebs. Und gegen Alzheimer und MS. Drohnen werden gestartet um Wüsten zu bewässern.

Religion verabschiedet sich vom Fanatismus. Die Kirche spendet Geld zum Bau von Moscheen. Gut sein ist Bestandteil des Glaubens. Alle Menschen werden Brüder.

Wir fahren Autos ohne darüber nachzudenken, ob sie auch das machen, was uns versprochen wurde. Auf Produktverpackungen steht, was das Produkt enthält. Zucker ist Zucker und Salz ist Salz.

Fußball findet wieder auf dem Platz statt, bei Olympia wird nicht gedopt, und die Tour de France ist ein ganz normales Radrennen.

Russland ist eine friedliche Demokratie, die Krim gehört allen und in Ungarn ist Gulasch wichtiger als Zaun. Syrien ist eine kulturelle Touristenhochburg, die größte direkt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Eines Tages wird alles gut sein.