Komische Ordnung.

Frompy, Gott der Unordnung, sprach zu Hippo: Ich weiß, es ist hoffnungslos.

Hippo, Gott der sinnlosen Einfälle, antwortete: Ich denke, du hast recht, man kann einen Pudel und einen Beutel Kochreis nicht einfach in eine Mikrowelle stopfen und hoffen, dass dabei etwas Geschmackvolles herauskommt.

Frompy, unwirscher Gott der Verständnislosigkeit: Ich hasse dich! Du weißt, wie gern ich Pudel mag. Pudel sind super.

Hippo, Gott der Ablenkung: Dann nimm doch Mops mit Kartoffeln.

Um die Ecke stackselten Pummel und Hotte, ihres Zeichen Pudel und Mops, quicklebendig und frohgemut. Pummel blieb vor Hippo stehen und starrte anklagend an dessen linkem Knie vorbei ins Nichts, bis dieser ein kleinliches: War doch nur ein Scherz! von sich gab.

Das ist die komische Ordnung der Welt, dass es Situationen gibt, in denen die starrenden Augen eines Pudels einen Gott in die Knie zwingen.

Frompy, Gott der Lippe, schmollte: Kartoffelmops? Reispudel? Das ich nicht lache. Pah.

Ist das alles?

Frompy, Gott der Einfachheit und der Vereinfachung, beantwortete jede Frage grundsätzlich mit: Ja, das ist alles! Da gibt es nichts sonst. Weiß ist weiß und schwarz schwarz.
Schwarz schwarz? Was soll das denn heißen, fragte Hippo, Gott der Wiederholung und ungnädigen Erwiderung. Hippo versuchte seit Jahren, Frompy mit sinnlosen Fragen in den Wahnsinn zu treiben.
Frompy, Gott des ignoranten Vergessens, erinnerte kein ’schwarz schwarz‘ und zuckte mit den Schultern: Wer Rat braucht, kann mich mal kreuzweise.
Unversehens erblickte Hippo, Gott der unergründlichen Gedankengänge, eine Maus. Er seufzte melancholisch hinüber zu Frompy, Gott der tief wurzelnden Freundschaft: Ich wollt, ich wäre ein Stück Käse.
Frompy, Gott des zustimmenden Gemüts, nickte: Ich auch.
Mehr geht einfach nicht.

Die Luft um meinen Körper

Drückende Enge in der S-Bahn morgens um acht. Die Luft um meinen Körper wird dünner, T-Shirts und Mitfahrende liegen enger an. Ich glaube, ich habe zugenommen.

S-Bahn voll, Mann, sitzend, neben ihm sein Rucksack, kümmert sich einen Scheiß um stehende Fahrgäste. Fragt ihn jemand mit tiefer Stimme: Kann ich bitte mal ihre zwei Fahrkarten sehen?

Mittagessen in der S-Bahn: Junger Mann mit einem dampfenden Döner setzt sich und isst. Dieselbe tiefe Stimme von vorher: Danke, dass Sie uns alle an Ihrem Essen teilhaben lassen.

Der S-Bahnfahrgast, das menschlich Wesen: Ich rieche, also bin ich.

Haare. Ich habe mein Haupthaar in der S-Bahn verloren.

Bandscheibenvorfall in der S-Bahn: Mann ohne Haarteil beim Türöffnen von Kinderwagen gebissen.

Inseltheater.

Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…
Rechts am Strand liegt eine leere Kekstüte, ehemals Heimat wohlschmeckender Zuckerkränze, jetzt das Büro einer Gruppe Wanderameisen. Daneben hat Armin der Inselkrebs seine Idee für ein Strandschloss umgesetzt: zwei Dosen Cola ohne Cola, ohne Zucker, ohne Farbe. Auf einer schrägen Strandkiefer hocken drei Überlebende eines Tankerunglücks und karaoken indonesische Liebeslieder über ein Mädchen namens Lisa. Lisa ist eine Fast-Miss-Nordrhein-Westphalen und Ex-Betreiberin einer Pommesbude, gestrandet und geblieben, Liebling aller Inselbewohner und Objekt der Anbetung der indonesischen Schiffbrüchigen. Lisa besitzt die einzigen beiden Esel der Insel, Montgomery und Clift. Montgomery macht meistens nichts, Clift brüllt gerne. Am Ende der ehemaligen Landebahn für Militärflugzeuge verschenkt ein Elvisdouble hawaiianische Blumenkränze an indigene Völkerschaften, die sich in der Regenzeit mit trockenen Witzen über Wasser halten. Die Lebenspartnerin des Künstlers mit der Coladose ist Ethnologin und wird Rene Magritte gerufen. Ihr derzeitiges Forschungsobjekt ist der Sozialpolitiker Robert, der nach seiner Anlandung versucht hatte, eine Gesundheitskasse für Gibbonaffen einzuführen. Mangels Affen zeichnet Robert seitdem mit seinem großen Zeh jeden Nachmittag ein Smiley in den Sand, was Rene Magritte sorgfältig in einem schwarzen Büchlein vermerkt. Jenseits der Smileys in den Kiefernwäldern verbringt der einzige halbwegs vernünftige Humboldtpinguin der Insel seine Zeit mit dem Aufbau eines Homeshopping TV-Senders. Sein Motto für den Start des Senders und alle anderen Fälle ist „White Christmas“, was gleichzeitig der Lieblingssong des Künstlerkrebses mit der Coladose ist, wenn er im Sonnenuntergang als Bing Crosby auftritt. Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…

Everything will be alright.

Eines Tages wird alles gut sein. Dann wird ein großer Müllschlucker durch die Welt wandern und Müll schlucken. Anschließend wird es nichts Braunes mehr geben, keinen Hundekot, keine rechte Suppe, keine Rassisten, keine fremdenfeindlichen Theorienfanatiker. Keine Hasskommentare auf Facebook, keine Menschenfänger, keine Feuerleger. Alles, was man sieht, ist bunt und echt. Es ist hell und nichts liegt im Verborgenen. Wir kennen und verstehen uns.

Jeden Tag gibt es Shrimps. Oder Grünkohl und Obstsalat mit und ohne Vanillesoße, freie Wahl für jeden Flüchtling. Liebe geht durch den Magen.

Es gibt keine Kriege mehr. Krieg wird ersetzt durch Kampf gegen den Krebs. Und gegen Alzheimer und MS. Drohnen werden gestartet um Wüsten zu bewässern.

Religion verabschiedet sich vom Fanatismus. Die Kirche spendet Geld zum Bau von Moscheen. Gut sein ist Bestandteil des Glaubens. Alle Menschen werden Brüder.

Wir fahren Autos ohne darüber nachzudenken, ob sie auch das machen, was uns versprochen wurde. Auf Produktverpackungen steht, was das Produkt enthält. Zucker ist Zucker und Salz ist Salz.

Fußball findet wieder auf dem Platz statt, bei Olympia wird nicht gedopt, und die Tour de France ist ein ganz normales Radrennen.

Russland ist eine friedliche Demokratie, die Krim gehört allen und in Ungarn ist Gulasch wichtiger als Zaun. Syrien ist eine kulturelle Touristenhochburg, die größte direkt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Eines Tages wird alles gut sein.

Flughörnchenmann.

George übte. Er tänzelte auf dem Geländer des Balkons und visualisierte seinen geplanten Flug. Man sollte ihn fliegen sehen, den Flughörnchenmann, den Helden der Nachbarschaft, den Jäger der hopsenden Erdnuss. Das Heldenkostüm hatte den pelzigen Belag von Eichhörnchenflaum im frühen Herbst und die Farben des Indian Summer. George lippenmurmelte, so nannten Flughörnchenexperten das Zusammenpressen der Lippen mit gleichzeitigem Kraulen der Flughörnchenöhrchen. Unten im Hinterhof vermuteten sie eine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation, was der Wahrheit recht nahe kam. George murmelte, kraulte und unter seinem Kostüm ran der Schweiß. Sein Problem war nicht der Flug oder die Landung, unten wartete sowieso das Sprungkissen der Feuerwehr. Nein, es ging um das Fluggeräusch. Was machte Flughörnchenmann, wenn er sich ansatzlos in die Tiefe stürzte? Jubilieren? Grunzen? Vielleicht sollte er ‚Timber!‘ rufen oder ‚Da bläst er!‘? Superman saust lufthauchmäßig unhörbar herbei, Batman ssssssttttet sich von oben nach unten in die Häuserschluchten, aber was macht Flughörnchenmann? Knurren?

George stürzte sich leise pupsend in die Tiefe. Dann landete er unverletzt und zufrieden im Luftkissen der Feuerwehr.

Rollkragenpullover.

Dufte, die bekannte schwarzbunte Kuh aus der Gegend um Niebüll, scheuerte gerne ihr Horn am Türrahmen bei uns im vierten Stock. Sie hörte in der Bibliothek Dylan-Bootlegs und trug zu ihrem Batmankostüm schwarze Rollkragenpullover. Gestern erklärte sie sich solidarisch mit-was-auch-immer und baute bei uns im Wohnzimmer eine Lehmhütte. Der Lehm kam von einem russischen Exilanten aus der Schanze, der sein Geld mit Aufräumarbeiten nach den vierteljährlichen Krawallen verdiente. Duftes Rollkragenpullover verbandelte sie ganz existentialistisch nicht nur mit dem alten Satre, sondern auch mit dem aktuellen Bond, diesem Rollkragenfetischisten, diesem philosophischen. Rollkragen ist nämlich In, Inner geht nicht. Noch Inner war nur unser abendliches Lagerfeuer vor der Lehmhütte im Wohnzimmer mit gegrillten Vegieburgern, und spontan entwickelten, völlig absurden Spukgeschichten. Zum Nachtisch erwartete Dufte gerne in „Fiji Natural Artesian Bottled Water“ gegarte Bioshrimps aus einer Naturwasseraufzucht nahe Brunei. Dazu hauchdünn geschnittene hawaiianische Zitronenscheibchen in einer Anmutung von Vinaigrette aus den Niederungen der französischen Alpen. Dufte war, man darf es so sagen, eine lebenslustige Luxuskuh. Und wenn ihr danach war, hauchte sie ein leises „Hach, Kuhsein ist wunderbar.“ Das fand ich dann auch.

Dufte schriftstellert.

Mittlerweile hatte Dufte fünfzig Kilo abgenommen, es verblieben die für eine Kuh recht ansehnlichen fünfhundertsechzig Kilo Restgewicht. Die Tage verbrachte Dufte deswegen meist im Bad. Sie hockte in ihrem Batman-Anzug in kaltem Wasser in der Badewanne und wartete auf den Jeanshosen-Effekt: Der Anzug sollte für Halloween wie angegossen sitzen. Außerdem hatte sie einmal das Frühstück ausgelassen.

Nebenbei bereitete Dufte eine schriftstellerische Laufbahn in der Art von Jonathan Franzen vor. Sie behauptete, Franzen hätte für sein erstes Buch zehn Jahre in einem kleinen fensterlosen Büro gehaust und von Freundesgaben gelebt. Auf klein und fensterlos könne sie ja verzichten, aber eine Unterstützung meinerseits wäre ein ‘must have’. Ich verwies sie als Alternative auf die künstlerische Laufbahn eines Vincent van Gogh, ausreichend Ohr wäre ja vorhanden. Das nahm sie mir irgendwie übel.

Heute haben Dufte und ich einen Termin bei der Agentur für Arbeit oben in der alten Grundschule am Kaltenkirchener Platz. Ich träumte noch von einem Ausbildungsberuf, vielleicht Landschaftsgärtnerin oder Fachkraft für Abwassertechnik, als Dufte schon den zuständigen Herrn Müller bestürmte, wie man möglichst schnell Topmodel oder ganz einfach reich und berühmt wird.

Morgen hat Dufte ein Vorsprechen bei einem privaten Fernsehsender für eine Daily Scripted Reality Doku Soap.

Dufte.

Die Kuh hieß Abraxas Madame von Hohenlohe-Duffenstein, genannt Dufte, und stand letzten Donnerstag im vierten Stock vor der Tür. Warum, erklärte mir dann der DHL-Mann: ‚Wir liefern alles, inklusive geerbte Tiere. Vermutlich ist eine Tante verstorben? Bitte hier quittieren.‘ Es dauerte zwei Tage bis ich Dufte nicht mehr als „die Kuh“ bezeichnete.

Eine Woche später machten Dufte und ich den ersten Ausflug in die Innenstadt. Ich brauchte Tee, Dufte bestand auf einen Abstecher zum Karstadt, sie suchte Stoff für ein Batman-Kostüm zu Halloween. Der Kauf scheiterte schon am Eingang da Dufte gerade verdaute und entsorgte. Wir wurden von einer freundlichen Stoffefachverkäuferin abgewiesen: ‚Oh, unser Häufchen machen wir heute lieber draußen, ok?‘

Gestern war ich mit Dufte im Schwimmbad, anschließend gab es vegane Döner in der Schanze und einen Besuch im Haus 73 mit zwei Stunden Improtheater. Taxi zurück nach Hause ging nicht, in den Bus passte Dufte weder vorne noch hinten, also eine Station S-Bahn von Sternschanze bis Holstenstraße.

Mittlerweile ist Dufte meine beste Freundin. Hatte ich schon erwähnt, dass ich kein Fleisch mehr esse?

Spatz.

Eines Tages im Abendrot beim Abendbrot verlangte Armin Anregung und artikulierte ahnungslos: Spatz! statt Schmatz! Armin, Schwarzbart und amateurhafter Angeber, aß spatzend schmatzend schlammartigen Schmand, schlabberte schalkhaft salzigen Schmalz, schlatzte spatzig einen Schmatz, schnappte schmatzend nach einer Spacke, spackte schlatzend eine Tasse Malz, schmatzte sparsam einen Schlatz und schnalzte einen langsamen Spackoletti. Er schnackelte einen Spagat und ratzte einer Schnake mit einer Schnalle den Schland. Zum Nachtisch schlackerte er eine Ralle, kalkte eine Spanne, kratzte am Lack, atmete am Arm und knackte eine Schlacke Apfelspalten. Er schlappte schamhaft Spagettihalme, spatelte am Amalgam, attackierte asthmatisch Amaranthschlanz und arrangierte rastlos rasend ramponierte Ranunkeln. Dann schrammte seinen hammerkahlen Spatenschädel schmatzend ein Spatz. Was für ein Satz!