Hundertmeterlauf

Füße lüpfen,
federnd hüpfen,
komm‘ ich hampelnd nach dem Start
bei 20 Metern schon in Fahrt.

Die nächsten 15 lauf ich flott,
elfengleich, ein junger Gott.
Knapp hinter 40 fehlt mir Luft,
gottgleiches Elfentum verpufft.

Bei 45 und bei 50
stehts mit mir nicht allzu günstig.
Verflixt, verzweifelt, zugenäht,
dass Wind immer von vorne weht!

Die 60 nehme ich enthemmt,
bin ich der letzte, der noch rennt?

70 strauchelnd, 80 fliegend,
den Rest zum Ziel verbring‘ ich liegend.

Bei 95 im Abendrot,
sterb ich dann den Schwanentod.
5 Meter zum geplanten Ziel,
meine Güte, da fehlt nicht viel.

Großstadtgeflüster.

Im Wasserglas vibrieren die Wellen, der Verkehr ist erschütternd. Es zittert der Badezimmerspiegel, oben rockt Familie Büffel das Abendparkett. Abwasser rauscht durch die innenliegende Küchenregenrinne, es gab Suppe. Drei Stockwerke tiefer hüstelt jemand in Dolby Surround. Im Souterrain werden mit gebrauchtem Fett gebrauchte Würstchen erhitzt. Es riecht nach veganer Revolution. Auf der anderen Straßenseite streiten sich drei trunkene Japaner über die japanische Energiewende, vermute ich. Ich drehe mich entrüstet zur Seite und seufze sinnloses Zeug über das rauhe Leben auf dem Lande. Draußen nebelt es leise, der Hafen zischt im Hintergrund, der Mond meldet sich an.

Smurgel Gurgel Allzuweit.

Es zwitscherte herzlich Rührendes im winterlichen Abendland. Ein Königchen ward geboren, freundlich und frischen Gemüts, mit güldenem Haar im Wind…

Von rechts betritt Lorenzo Figurament die Bühne, seines Zeichens Taufbecken- und Schaldesigner, und erster königlicher Festvitätenzampano. Er hätte gerne über die allgemeine Zeitschiene gesprochen, die Pläne, den Text undsoweiterundsofort. Leider fällt ihm, wie immer, kein rechter Satzanfang ein: Madame, Madame, ihr Schal sitzt schief! Lorenzo spricht mit der Königinmutter nur über Dinge, von denen er etwas versteht.

Der grenzdebile Chefkönig kichert in sein hohles Händchen, ein Ergebnis jahrhundertelanger familieninterner Anverbamselungen. Königinmutter hüstelt. Ein Kronleuchter zittert leise. So ist das bei Königs zu Hause am heiligen Abend.

Herauf auf diese Bühne feeht ätherisch verwirrt Prinzesschen Grete und haucht mit Würde und Sexapeal die Worte, um die sich alles dreht: Smurgel Gurgel Allzuweit. Niemand verstehts und dann fällt der Vorhang. So’n Mist.

Kleine Finger.

Der kleine Mann stand am Zaun, als unversehens der Kaiser auf einem Pferd, gefolgt von seinem Hofstaat, vorbeieilte. Gut, dachte der kleine Mann und folgte mit seinem kleinen Zeigefinger dem Kaiser, den gibt es gar nicht, das weiß doch jeder. Als alles vorbei war, überlegte der kleine Mann, wie er diese Situation überspielen sollte. Was konnte er machen, um so zu tun, als sei gar kein Kaiser an seinem Gartenzaun vorbei geritten? Er könnte, nur als Beispiel, mit seinen kleinen Fingern verlegen in Käselöchern herumpuhlen oder Löcher in Zeitungsbuchstaben kratzen, vor allem in kleine e’s. Oder Glitzischwämme anknabbern und mit den Schwammkrümmeln Mikroben putzen. Oder ganz normal eine Gabel in die Hand nehmen, Kartoffelpü mit Erbsen essen und „Oh, wie lecker!“ sagen, das ginge natürlich auch. Da würde nie jemand nach dieser Sache mit dem Kaiser fragen. Also machte er das.

Behauptungen.

Flusswasser von der Quelle ist gesünder als Wasser aus der Leitung. Und Quellwasser aus einem Bergfluss ist gesünder als das aus einem Flachlandfluss. Flachlandflussquellen sind folglich böse und Quasibergbachquellfische die Guten. Es gibt Mündungsgurken und Bergquellenrettiche, die sich zwecks Familenzusammenführung besuchen, weil ja alle Lebewesen irgendwie verwandt sind. Die echten Rangeher sind natürlich die Leitungswasserbazillen, von denen immer behauptet wird, dass es sie gar nicht gibt. Föhnquallen leben ausschließlich an alpenländischen Bergquellen mit Stromanschluss. Und Queller sind die Erfindung einer kleinen Gruppe von defaitistischen Grünkohlfanatikern. Das wird jedenfalls behauptet.

Hocker II

Samstags fuhr der kleine Mann mit der Linie Drei bis zum Rathausmarkt, ein orangenfarbenes Metallhöckerchen untergeklemmt, und startete einen nicht öffentlichen, sehr leicht zu übersehenden, ziemlich erfolglosen Sitzhockerflashmob. Eine ganze Viertelstunde saß der kleine Mann von niemandem beachtet vor dem Rathaus und fuchtelte mit den Armen, als hieße es, die Welt zu bewegen, bis er endlich auf das Höckerchen stieg und dem nächstbesten an die Brust reichend ein mißliebiges Ächzen entgegenschleuderte. Da auch das nicht beachtet wurde, fuhr er wieder nach Hause. Diese Momente, so reimte er sich das zusammen, waren es, die jemanden wie ihn auf das wirklich harte Leben vorbereiteten. Das war ganz großer Protest.

Hocker.

Der kleine Mann mochte Hockermöbel jedweder Form. Kleine Hocker waren ihm naturgemäß die liebsten, aber auch Dreibeiner, Metallhocker, Sitzpilze und sogar die Sackartigen fasste er in der Gruppe der geliebten Hockerförmigen zusammen. Abneigung, gar haarsträubende Angstanfälle verursachten ihm alle Arten von Klappmöbeln, besonders Plastikklappstühle, Klapptritte und die handtaschenfähigen, einbeinigen, meist waldgrün gemusterten Wanderer-Faltsitze. Alles Faltbare war ihm abhold und stapelfähige Nutzmöbel verachtete er sowieso. In Faltbarem konnte man als kleiner Mann sehr schnell und ganz einfach verschwinden. Alles Stapelbare war groß, hoch und unheimlicherweise immer bereit über kleinen Männern zusammenzubrechen. In der Regel in Filmen mit humoristischem Anspruch.
Fortsetzung folgt…

Omelett.

Gisela?
Ja, Günter?
Wie kocht man eigentlich Haferkekse?
Haferkekse werden gebacken, Günter. Denk doch mal nach.
Mach ich doch.
Ach.

Du, Gisela? Kannst du eigentlich kochen?
Natürlich kann ich kochen. Was für eine Frage.
Ommelette?
Omelett, Günter, das heißt Omelett.
Bukst du mir einst eins?
Was?
Ach, nichts.

Und Melonen? Kannst du die machen?
Ja, Günter, kann ich. Das kann jeder.

Ok. Dann hätte ich gerne ein Melonenomelett mit Haferkeks, wenns recht ist.
Kein Problem, Günter. Aber vorher bringst du den Müll raus.
Manno.

Berufswahl.

Ich werde ein Riesenflips, aus Erdnuss, so einer. Schon in der Kindheit kam die Frage auf, was denn mal aus dem Jungen werden soll, jetzt, im reifen Alter weiß ich es: ein Riesenflips. Entweder das oder ein schwarzes Loch. Schwarzes Loch hat den Vorteil, dass man nicht so im Mittelpunkt steht und trotzdem tragisch rüberkommt.

Friedhofsmauer war eine flüchtige Idee von mir. Geht auch nicht, Friedhofsmauern machen nur Ewigkeitsfanatiker, das ist doch kein Lebensinhalt. Kurzzeitig hatte ich mich als Hornhautraspel gesehen, bis ich rausgefunden habe, was das ist und was man damit macht. Rampensau, Gartenzwerg und zahntechnischer Assistent war schon vergeben, also bleibt Riesenflipsdarsteller. Elegante Rundungen und Größe spielen eine Rolle. Und Geschmack. Geschmack hab ich.

Linda.

Oh, Linda, du, die so heißt wie eine Kartoffelsorte, die du dein glänzendes Haar auf jeder Seite hundert mal bürstest, du nachrichtensprechender Glückskeks, du Hals, du Schwan, du dünner.

Oh, Mona Linda, dein Lächeln beim ‚Gudnahmd‘, dein Spitzmund bei Holundermonopol und Ohrmondrotlose, deine kräuselnde Oberlippe kurz vor dem Wetter. Oh Linda, du kuhäugige Sondernachricht.

Oh, Linda, tu mal lispeln für mich. Mach mal einen Slick in die Zunge, zeig mal einen Silberblick. Sei einfach mal wie eine Kartoffel, sei bitte nicht so ganz perfekt. Oder bleib so wie du bist.