Smurgel Gurgel Allzuweit.

Es zwitscherte herzlich Rührendes im winterlichen Abendland. Ein Königchen ward geboren, freundlich und frischen Gemüts, mit güldenem Haar im Wind…

Von rechts betritt Lorenzo Figurament die Bühne, seines Zeichens Taufbecken- und Schaldesigner, und erster königlicher Festvitätenzampano. Er hätte gerne über die allgemeine Zeitschiene gesprochen, die Pläne, den Text undsoweiterundsofort. Leider fällt ihm, wie immer, kein rechter Satzanfang ein: Madame, Madame, ihr Schal sitzt schief! Lorenzo spricht mit der Königinmutter nur über Dinge, von denen er etwas versteht.

Der grenzdebile Chefkönig kichert in sein hohles Händchen, ein Ergebnis jahrhundertelanger familieninterner Anverbamselungen. Königinmutter hüstelt. Ein Kronleuchter zittert leise. So ist das bei Königs zu Hause am heiligen Abend.

Herauf auf diese Bühne feeht ätherisch verwirrt Prinzesschen Grete und haucht mit Würde und Sexapeal die Worte, um die sich alles dreht: Smurgel Gurgel Allzuweit. Niemand verstehts und dann fällt der Vorhang. So’n Mist.

Kleine Finger.

Der kleine Mann stand am Zaun, als unversehens der Kaiser auf einem Pferd, gefolgt von seinem Hofstaat, vorbeieilte. Gut, dachte der kleine Mann und folgte mit seinem kleinen Zeigefinger dem Kaiser, den gibt es gar nicht, das weiß doch jeder. Als alles vorbei war, überlegte der kleine Mann, wie er diese Situation überspielen sollte. Was konnte er machen, um so zu tun, als sei gar kein Kaiser an seinem Gartenzaun vorbei geritten? Er könnte, nur als Beispiel, mit seinen kleinen Fingern verlegen in Käselöchern herumpuhlen oder Löcher in Zeitungsbuchstaben kratzen, vor allem in kleine e’s. Oder Glitzischwämme anknabbern und mit den Schwammkrümmeln Mikroben putzen. Oder ganz normal eine Gabel in die Hand nehmen, Kartoffelpü mit Erbsen essen und „Oh, wie lecker!“ sagen, das ginge natürlich auch. Da würde nie jemand nach dieser Sache mit dem Kaiser fragen. Also machte er das.

Behauptungen.

Flusswasser von der Quelle ist gesünder als Wasser aus der Leitung. Und Quellwasser aus einem Bergfluss ist gesünder als das aus einem Flachlandfluss. Flachlandflussquellen sind folglich böse und Quasibergbachquellfische die Guten. Es gibt Mündungsgurken und Bergquellenrettiche, die sich zwecks Familenzusammenführung besuchen, weil ja alle Lebewesen irgendwie verwandt sind. Die echten Rangeher sind natürlich die Leitungswasserbazillen, von denen immer behauptet wird, dass es sie gar nicht gibt. Föhnquallen leben ausschließlich an alpenländischen Bergquellen mit Stromanschluss. Und Queller sind die Erfindung einer kleinen Gruppe von defaitistischen Grünkohlfanatikern. Das wird jedenfalls behauptet.

Hocker II

Samstags fuhr der kleine Mann mit der Linie Drei bis zum Rathausmarkt, ein orangenfarbenes Metallhöckerchen untergeklemmt, und startete einen nicht öffentlichen, sehr leicht zu übersehenden, ziemlich erfolglosen Sitzhockerflashmob. Eine ganze Viertelstunde saß der kleine Mann von niemandem beachtet vor dem Rathaus und fuchtelte mit den Armen, als hieße es, die Welt zu bewegen, bis er endlich auf das Höckerchen stieg und dem nächstbesten an die Brust reichend ein mißliebiges Ächzen entgegenschleuderte. Da auch das nicht beachtet wurde, fuhr er wieder nach Hause. Diese Momente, so reimte er sich das zusammen, waren es, die jemanden wie ihn auf das wirklich harte Leben vorbereiteten. Das war ganz großer Protest.

Hocker.

Der kleine Mann mochte Hockermöbel jedweder Form. Kleine Hocker waren ihm naturgemäß die liebsten, aber auch Dreibeiner, Metallhocker, Sitzpilze und sogar die Sackartigen fasste er in der Gruppe der geliebten Hockerförmigen zusammen. Abneigung, gar haarsträubende Angstanfälle verursachten ihm alle Arten von Klappmöbeln, besonders Plastikklappstühle, Klapptritte und die handtaschenfähigen, einbeinigen, meist waldgrün gemusterten Wanderer-Faltsitze. Alles Faltbare war ihm abhold und stapelfähige Nutzmöbel verachtete er sowieso. In Faltbarem konnte man als kleiner Mann sehr schnell und ganz einfach verschwinden. Alles Stapelbare war groß, hoch und unheimlicherweise immer bereit über kleinen Männern zusammenzubrechen. In der Regel in Filmen mit humoristischem Anspruch.
Fortsetzung folgt…

Omelett.

Gisela?
Ja, Günter?
Wie kocht man eigentlich Haferkekse?
Haferkekse werden gebacken, Günter. Denk doch mal nach.
Mach ich doch.
Ach.

Du, Gisela? Kannst du eigentlich kochen?
Natürlich kann ich kochen. Was für eine Frage.
Ommelette?
Omelett, Günter, das heißt Omelett.
Bukst du mir einst eins?
Was?
Ach, nichts.

Und Melonen? Kannst du die machen?
Ja, Günter, kann ich. Das kann jeder.

Ok. Dann hätte ich gerne ein Melonenomelett mit Haferkeks, wenns recht ist.
Kein Problem, Günter. Aber vorher bringst du den Müll raus.
Manno.

Berufswahl.

Ich werde ein Riesenflips, aus Erdnuss, so einer. Schon in der Kindheit kam die Frage auf, was denn mal aus dem Jungen werden soll, jetzt, im reifen Alter weiß ich es: ein Riesenflips. Entweder das oder ein schwarzes Loch. Schwarzes Loch hat den Vorteil, dass man nicht so im Mittelpunkt steht und trotzdem tragisch rüberkommt.

Friedhofsmauer war eine flüchtige Idee von mir. Geht auch nicht, Friedhofsmauern machen nur Ewigkeitsfanatiker, das ist doch kein Lebensinhalt. Kurzzeitig hatte ich mich als Hornhautraspel gesehen, bis ich rausgefunden habe, was das ist und was man damit macht. Rampensau, Gartenzwerg und zahntechnischer Assistent war schon vergeben, also bleibt Riesenflipsdarsteller. Elegante Rundungen und Größe spielen eine Rolle. Und Geschmack. Geschmack hab ich.

Linda.

Oh, Linda, du, die so heißt wie eine Kartoffelsorte, die du dein glänzendes Haar auf jeder Seite hundert mal bürstest, du nachrichtensprechender Glückskeks, du Hals, du Schwan, du dünner.

Oh, Mona Linda, dein Lächeln beim ‚Gudnahmd‘, dein Spitzmund bei Holundermonopol und Ohrmondrotlose, deine kräuselnde Oberlippe kurz vor dem Wetter. Oh Linda, du kuhäugige Sondernachricht.

Oh, Linda, tu mal lispeln für mich. Mach mal einen Slick in die Zunge, zeig mal einen Silberblick. Sei einfach mal wie eine Kartoffel, sei bitte nicht so ganz perfekt. Oder bleib so wie du bist.

Brot von oben.

Der kleine Mann hatte einen neuen Job als Bäckereifachverkäufer beim Supermarkt am Eingang. Die erste Aufgabe war einfach: Immer freundlich sein. Dann folgte Brot verkaufen, Brötchen, Schnittchen, Kuchen und Rumkugeln. 

Der kleine Mann arbeitete vorne mit einem Tritt, nach hinten mit einer Leiter. Vorne langte es gerade für einen Blick über den Tresen hinüber zum Kunden, nach hinten war selbst mit Leiter das Brot von oben auf dem Brotregal eine Herausforderung. Nicht nur, dass der kleine Mann den ganzen Tag Tritt rauf, Tritt runter, Leiter rauf, Leiter runter klettern musste, nein, die Kunden bemerkten das und amüsierten sich. 

Eines Tages kam jemand auf die Idee, nur noch Brot von oben zu bestellen und die Ausführung der Bestellung mit einem breiten Grinsen zu begleiten. Der kleine Mann vermutete dahinter eine böswillige Absicht, er wütete, grimmte, schäumte wie ein Rumpelstilzchen und beschimpfte den Gott der Regalbauer als humorlosen Nichtsnutz. Aber immer mehr Kunden bestellten Brot von oben und freuten sich wie Bolle, wenn der kleine Mann seine Leiter hinauf kraxelte und mit einem Stock durch die Regalbretter hindurch das Brot an den Rand stocherte und mit Geschick in einer Tüte auffing. 

Irgendwann bildeten sich Schlangen vor dem Bäckertresen, alle wollten Spass, Brot von oben und den kleinen Künstler bei der Arbeit sehen. Der Bäcker ging dazu über, nur noch Oben-Brot anzubieten und war kurz davor, einen weiteren Regalboden aufzustocken, da kippelte eines Tages der kleine Mann, im Moment der größten Unlust und Frustration, auf seiner Leiter raus aus dem Supermarkt und ward nie wieder gesehen. Er aß dann zwei Monate lang nur Nudeln mit Ketchup.

Der kleine Mann.

Der kleine Mann hatte sich etwas ausgedacht und das ging so. Wenn er sich vier Joghurts kaufte, auslöffelte, auswusch und die Plastikbecher unter seine guten Schuhe schnallte, wäre er um bestimmt fünf Zentimeter größer. Gesagt getan, an einem heißen Sommerwochenende wurden die Joghurts gekauft, gegessen und die leeren Becher mit Gummiringen unter die Füße geschnallt. Beim ersten Gang hinaus auf den heißen Teer schmolzen die Becher dahin und der kleine Mann war wieder so klein wie allzumaldereinst vor seiner Idee. Irgendwann ging dem kleinen Mann der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht nur klein, sondern auch blöd war. Kein Mensch läuft auf Kirschjoghurtbechern wie auf Stelzen durch die Gegend und wird ernst genommen. Das geht nur mit Erdbeerjoghurt.