Morgenmelancholie

Melancholie ist, wenn man mit der S-Bahn durch Hamburg fährt und im Vorbeifahren einen alten Mann alleine in seiner Küche am Fenster sitzen sieht. Der Mann hat einen bordeaux-roten Trainingsanzug von Adidas an und ißt ein Brot. Die S-Bahn ist fast leer. Wenn dann ein Wortschwall durch den Kopf schießt: hoffnungslos, traurig, einsam, graues kaltes Schneeregenwetter, dann könnte man von Melancholie sprechen.

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Nicht ganz eine Minute später möchte jemand in der S-Bahn wissen, wie es Ludo geht. Am Handy. „Und? Wie geht’s Ludo?“ Ludo könnte der Hund von dem Mann am Fenster sein. „Ach, alles wieder gut?“ Ludo geht’s also wieder besser. „Na, denn. Bin gleich da.“, sagt also jemand in Hamburg in der S-Bahn zum Allgemeinzustand von Ludo, der der Hund von dem Mann im Trainingsanzug sein könnte. Das nennt sich dann nicht Melancholie, sondern Zufall.

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Zum Schluss dieses melancholischen Moments in der S-Bahn noch die ersten zwei Zeilen eines Morgenlieds:

Am Morgen gibt es schlimme Dinge,
zum Beispiel dunkle Augenringe.

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