Am Sabbersee

Also.
Heute für zwanzig Minuten eingenickt auf dem Sofa. Aufgewacht in der Haltung eines Winterigels: Kopf seitlich nach oben verdreht, Mund offen, aus dem Mundwinkel ran (rinntete? ronn? rannte? ran?)  eine Flüssigkeit, die entfernt aussah wie das Innere einer Kokosnuss mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Diese Flüssigkeit hatte sich also die letzten zwanzig Minuten in einer kleinen Kissenkuhle gesammelt, romantisch gelegen zwischen Mundwinkel und Kinn. So entstand der Sabbersee.

Am Mundwinkel selbst, dort wo sich der Speichel zu kleinen, grau-weiß getrockneten Krustenstückchen zusammengerottet hat, wird als erstes aufgewacht. Mundwinkel zuckt und bricht einige Stückchen Trockenspeichel, die sich in Zeitlupe in den Sabbersee kullern. Kleine Wellen schlagen auf dem Sabbersee und plätschern leise ans andere Ufer. Droben vom Kissenberge herab läuft ein Staubkügelchen den Hang herunter (und, sobald ausgeatmet wird, wieder herauf). Eine Bergsee-Idylle. Draußen schneit es wie Hölle.

Die Zungenspitze versucht sich aus dem vollkommen (weil offenstehenden) trockenen Mund herauszuwühlen und erspürt ohne Umschweife die Krümelchen am Wegesrand des Mundwinkels hinunter zum Kinn. Aufgeraut, leicht pelzbesetzt dem draußen tobenden Schneesturm trotzend, macht die Zunge sich auf, den Sabbersee zu erkunden. Da bemerken wir das zugeklebte linke Auge. Es grisselt. Das Auge grisselt. Es läßt sich nur halb oder viertel öffnen. Der Blick aus diesem Auge (es ist dasjenige, das oberhalb des verkrümelten Mundwinkels, halb vom Sofakissen verdeckt, auf der Seite des Sabbersees geschlafen hat), der Blick ist neblig, verschwommen, grau in grau. Vergrisselt eben.

Das Letzte, was das vergrisselte Auge vor dem endgültigen Aufwachen erkennt, ist eine Zungenspitze, die, einem eleganten Schwimmer gleich, in das wohltuende Nass des Sabbersees eintauchen und Schimmhallen-geübt ihre Bahnen ziehen will. Das Erste, was der Kopf dazu sagt, ist: „Oh, mein Gott. Wie eklig ist das denn?“

2 comments on “Am Sabbersee

  1. firstfloorfan sagt:

    Ja : Oooh mein Gotttt! Und: Melde dich! Vielleicht können wir noch irgendwas f ür dich tun!
    Abgesehen davon: wann suchen wir einen Verleger?

  2. schindelschwinger sagt:

    rinnen, rann, geronnen. sprächest du im konjuktiv, verwendetest du rönne oder ränne. also, eine flüssigkeit, die entfernt aussah wie das innere einer kokosnuss mit abgelaufenem haltbarkeitsdatum rönne oder ränne dir aus deinem mundwinkel. kennte ich noch mehr echte konjunktive, würfe oder wöbe ich sie in diese textzeilen mit ein. jedenfalls, ja, ein bisschen eklig aber kurzweilig.
    dein leicht deprimierter bruder

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