Alptraum mit Paranuss und Wandschrank

Ich hatte mir vor einigen Jahren einen Alptraum ausgedacht und der ging so…

Niemand ist eine Insel, niemand ein Wolkenkratzer und niemand ein brauner Wandschrank in einem roten Tretboot in den weiten Fernen des atlantischen Ozeans. Und doch sitzt ein gelangweilt aussehender Wandschrank genau in diesem Moment in einem Tretboot auf dem besagten Ozean und versucht einer Paranuss mit seinem Wandschrankscharnier die Schale zu knacken. Der dreiundzwanzigste Versuch gelingt.

In der Paranuss liegt ein kleiner Zettel auf dem in Sanskrit die Zahl 2422 steht. Da der braune Wandschrank zufällig Sanskrit und Mathematik beherrscht, versteht er den Hinweis augenblicklich. 24 plus 22 ist 46 und 46 durch zwei ist 23, genau die Zahl, die zwischen 24 und 22 fehlt, und genau die Anzahl der Versuche, die benötigt werden, um eine Paranuss an einem Wandschrankscharnier aufzuknacken. Jemand, der eine Paranuss nach zwei Versuchen mit einem Nussknacker öffnete, hätte den Hinweis nie verstanden.

Weniger gelangweilt fängt der braune Wandschrank an die amerikanische Nationalhymne zu summen, wobei er versucht so auszusehen wie Jimi Hendrix einst in Woodstock. Die Paranuss beginnt im Hintergrund den Basslauf zu intonieren, kommt jedoch beim Refrain jedes Mal ins Schleudern, weil sie von einem anhaltendem Sodbrennen gequält wird. Das rote Tretboot erinnert sich derweil seiner sozialistischen Vergangenheit, streckt einen der Paddel zur Faust gereckt in die Höhe und brüllt die erste Strophe des Liedes „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“.

Der französische Koch im hinteren Teil des Bootes unterhält sich mit dem weißen Hai über Nouvelle Cuisine und verdrängt das erste Mal in seinem Leben den Gedanken, er sei Paul Bocuse. Käpt’n Ahab, Napoleon und Gulliver unterhalten sich derweil über die wahre Größe der menschlichen Existenz, die bekanntlich nicht in der Länge liegt, während Albert Einstein und Arnold Schwarzenegger über Robert Redford herziehen. Beide sehen ungeheuer glücklich aus, und es macht sie noch glücklicher, dass ihrer beider Vornamen mit A anfangen. Was wäre, wenn sie beide mit B anfingen: Blbert und Brnold die siamesischen Zwillinge?

Zweitausend Meter unter ihnen, in einem russischen Atomunterseeboot, diskutiert der russische Kapitän mit einem Schwertfisch über die Qualität von schwarzem Afghanen, wenn man ihn mit einer Prise Strychnin verlängert. Sie machen einen der wenigen Selbstversuche, den Timothy Leary ausgelassen hatte, und verräuchern das Schiff. Im Vollrausch entschärfen sie alle Atomsprengköpfe und bereiten die feierliche Übergabe einer Tüte Kartoffelchips an den Präsidenten der Vereinigten Staaten vor. Von der russischen Kommandozentrale kommt der Befehl, ein wenig von dem Rauschgift unter dem Nordpol hindurch nach Hause zu bringen, denn dort herrsche mal wieder akuter Mangel.

Mangelbewusstsein, Bewusstsein der Ermangelung, das Sein, das Etwas und das Nichts, das In-die-Welt-geworfen-Sein-und-nicht-wieder-rauskommen, Hegel, Kant und Metternich, Krokodilledertaschen, Froschschenkel, Schildkrötenflossensuppe und Nashornhörner – etwas Anderes kommt Einstein nicht in den Sinn, als er begreiflich zu machen versucht, wie er seine Thesen verstanden haben möchte. Nach einer Weile bemerkt er die Verwechslung mit den ökologisch orientierten Gedanken von Callenbach, Postman und Irving.

Irving hat, nachdem der französische Koch sein erstes ungarisches Gulasch zustande bringt, den Mut verloren noch einmal auf den Berg Ararat zu steigen, um diese blöde Arche zu suchen. Postman prostet ihm mit der letzten Flasche Champagner zu und springt in einem Anflug von sexueller Aktivität dem Weißen Hai auf die Flosse. Callenbach träumt ununterbrochen von einer hyperaktiven Solarzelle, die in der Lage sein müsste, selbst Einstein zum Schweigen zu bringen. Innerlich ringt er mit dem Gedanken, Postman hinterher zu hüpfen, äußerlich gibt er sich gelassen. Sein sexuelles Trauma ist das Verhältnis zu seiner Großmutter, die er in unzähligen Alpträumen nachts im Schlafzimmer besuchte, um das Geheimnis des Ödipuskomplexes auf ökologische Weise zu lösen. Er hat nie darüber gesprochen, was er mit seiner Großmutter gemacht hat.

Der braune Wandschrank indessen feuert die Paranuss, das Tretboot und sich selbst an, mit vollen Kräften den fliegenden Holländer zu besingen. Im Grunde seines Herzens sehnt er sich jedoch zurück zu jener alten Jugenstilkommode, die er einmal in Paris beim Besuch des Herrenendspiels im Tennis kennenlernte. In der Vip-Lounge hatten sie dann ein kleines Tête-à-Tête, welches in gemeinschaftlichen Juchzern endete.

Sex, Sex, Sex denkt Arnold Schwarzenegger ununterbrochen. Sex, Sex, Sex denken Callenbach, Postman und Irwing andauernd. Welt, Wissen, Wasser, Wams und Warme Socken denkt Albert Einstein.

Das also war die damalige Idee zu einem Alptraum. Heute würde ich das sicherlich ganz anders erfinden.

One comment on “Alptraum mit Paranuss und Wandschrank

  1. schindelschwinger sagt:

    das scheint guter stoff zu sein, den du da konsumierst. beflügelt die gedanken und verhindert doch ein ungewolltes abdriften. hast du noch was über?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.