Frisch auf!

Montagmorgen, 7:28 Uhr am S-Bahnhof Holstenstraße, Altona, Hamburg, Deutschland, Europa, Welt und weit darüber hinaus.

An der Bushaltestelle steht ER und wartet auf den Bus. ER ist selbstverständlich nicht Gott (früher schrieb man IHN groß, damit auch jeder wußte, von wem die Rede war). ER ist also nicht Gott, sonst würde ER ja nicht auf den Bus warten. ER wäre dann der Bus oder zumindest so etwas Ähnliches wie ein Bus. Und ER wäre der Busfahrer. Und die Straße. Und überhaupt alles.

Zurück zu ER oder vielmehr IHM. Wie ER da so wartet und ohne dass ER ES örtlich zuordnen kann, taucht plötzlich dieses Geräusch auf. Von irgendwoher aus diesem monumentalen Kreuzungsbereich vor dem S-Bahnhof Holstenstraße ist diese quäkend-blecherne, laut blökende Stimme zu vernehmen, alles durchdringend, hochtönig sich über den Straßenlärm legend, und doch vollkommen unverständlich. ER sieht sich um und forscht, ob SIE, die Stimme, irgendwo zu erkennen ist. ER blickt den neben ihm Wartenden in die Augen und schüttelt, begleitet von einem leisen „Ts, ts.“, den Kopf. Die Umstehenden gucken unbeteiligt zu Boden. Sie haben damit nichts zu tun, das ist nicht ihre Baustelle.

Dann, immer noch ohne einen Hinweis auf ihren Ursprung, brüllt diese Stimme, also SIE, wie aus dem Off, dem Theater-Off, nicht dem Fernsehfernbedienungs-Off, ruft diese Stimme, sie gehört einer nicht mehr ganz jungen Frau, wie alle ausser IHM mittlerweile wissen, quäkt die Stimme dieser Frau, die ungefähr so groß wie ein hoher Tisch hoch ist, deshalb hat ER SIE auch noch nicht gesehen, schreit diese Stimme also ihren Frust über die Welt, die Straßenkreuzung, den S-Bahnhof Holstenstraße, das Wetter, den nicht beginnenden Frühling und den Rest, in die sich über ihrem Kopf tummelnde Masse: „FRISCH AUF!“

Glaubt ER. Noch. ER hört „FRISCH AUF!“ Ganz deutlich.

Als ER sie dann endlich sieht, zuckt ER kurz und geht in IHRE Richtung. Unter dem Vorwand etwas Heruntergefallenes mit lässiger Handbewegung wieder aufzuheben, beugt er sich nach unten. Mit einem klaren, deutliche Irritation zeigenden Blick guckt ER IHR ins Gesicht: „Gerti! Ich hab‘ Dir gesagt, ich finde den Weg zur Bushaltestelle alleine. Immer. Wie jeden morgen.“ Sie nickt wissend und deutet auf die Plastikdose in ihrer Hand: „Aber FRIDTJOFF!, du hast dein Mittagessen stehen lassen. Da mußte ich doch los.“

ER steht wieder an der Haltestelle. Der Verkehr rauscht vorbei als wäre nichts gewesen. ER guckt unbeteiligt zu Boden, als alle anderen ihn angucken und leise „Ts, ts.“ von sich geben. Jeden Morgen dasselbe Spiel. Immer dieses „FRIDTJOFF!“ von seiner Frau. Warum ruft SIE nicht wirklich einfach „FRISCH AUF!“?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.