Die drei V’s

Ich sage es an dieser Stelle nur einmal, laut und vernehmlich: Die drei V’s – Verdrängen, Vergessen, Verlieren – retten Leben. Und machen schön. Und intelligent. Und reich. Und das kommt so…

Hach, diese Schwimmer. Was für Körper. V-förmig. V steht in diesem Fall für „flügelförmig“, gemeint ist nämlich nicht das in solchen Fällen immer wieder gern gebrauchte Vogel-V, sondern das nicht minder interessante Fogel-F. Fogel! Jawohl. Als wir noch einen Kaiser hatten und er bestimmte, wie die Dinge so zu laufen haben, schrieb man Vogel noch mit F, Fogel eben.

 Aber zurück zu den Schwimmern. Da ist doch gerade diese Schwimm-Europameisterschaft im Fernsehen, eigentlich in Budapest, die meiste Zeit aber im Fernsehen. Und nach den Rennen stehen dann immer diese V-förmigen Schwimmer vor den Reportern und müssen begründen, warum sie die Goldmedaille mal wieder verpasst haben. Als ob sie das ganze letzte Jahr irgendwie nichts besseres zu tun gehabt hätten, als ihren V-förmigen, flügelsauerierähnlichen Auftriebskörper noch V-förmiger zu formen. Wobei mir gerade etwas einfällt: Da hab ich doch tatsächlich verdrängt (das erste V!), dass ich letztes Jahr bei den Weltmeistschaften der fF’s (der fast Fünfzigjährigen) in der Disziplin der P-förmigen Rückenschwimmer (das sind die, die einen Körper geformt wie ein P haben, wobei das P beim Schwimmen auf dem Rücken besonders gut zur Geltung kommt), dass ich also in der Riege der weltbesten P-förmigen Rückenschwimmer den zweiten Platz über eine Schwimmbadbreite (8 Bahnen á 2 Meter macht sechzehn Meter und ein paar zerquetschte) errungen habe. Da stand ich also, P-förmigen Luftanhaltens auf dem Silberplatzpodest und war froh, dass mich keiner zu den Ö-förmigen geschickt hatte. Ö-förmiges Schwimmen ist ungefähr so bestrafend wie Q-förmiges Springen vom Drei-Meter-Brett.

Nun zum zweiten V. Ich hatte natürlich vergessen, dass mein Körper in den letzten zwanzig Jahren sich ebenso entwickelt hat wie mein Geist: Er ist gewachsen, gewachsen, gewachsen – aber nicht überall. Zum Beispiel wachsen mir ja keine Haare mehr auf dem Kopf. Ist klar. Weiß ja jeder. Ist ein bekanntes Phänomen. (Ich glaube, man kann mittlerweile auch Fänomen schreiben, aber das sieht wirklich super seltsam aus.) Was relativ unbekannt ist (ähnlich wie das Fogel-F), ist, dass mir dafür oben auf dem rechten Ohr, ganz oben auf der Ohrkante sozusagen, ein gar borstig widerwertiges Härchen wächst, heimlich still und leise. Ich kann es abschneiden, rausreißen oder abschneiden und rausreißen lassen – es kommt immer wieder. Und seit ich das einfach vergesse, stört es mich auch nicht mehr. Sieht zwar komisch aus, so ein P-förmiger Rückenschwimmer, der eine Art Seil hinter sich her durchs Wasser zieht, aber immer noch besser als ein Q-förmiger, der nach dem Sprung vom Zehnmeterturm eine Minute auf seinen Haarrest warten muss.

Am Besten gefällt mir jedoch die Behauptung, dass man im Alter Gewicht verlieren soll (das dritte V!). Muskelschwund, etc. Ich kann nicht behaupten, dass ich da irgendwas verliere. Ich würde eher sagen, dass ich das, was andere verlieren, auch noch mitnehme.

Das mit dem Leben retten und dem Rest, erkläre ich dann irgendwann mal. Irgendjemand zupft gerade an meinem Ohrhaar.

Ach, ja. Und dann ist da noch die Sache mit meinen Trottelschuhen. Seit ich damit bei der Arbeit herumlaufe (ich bin Bademeister im Freibad Boltenhagen), quatscht mich niemand mehr von der Seite an. Das hat was mit Respekt zu tun. Respekt vor mir, meiner Arbeit und den Trotteln an meinen Schuhen. P- oder Q-förmig spielt da überhaupt keine Rolle.

One comment on “Die drei V’s

  1. schindelschwinger sagt:

    ö-förmiges schwimmen und q-förmiges springen also, ja? das hat mir zum wochenbeginn gerade noch gefehlt.
    ja, verdrängen, vergessen…das möcht ich auch grad. verdrängen, dass vier wochen urlaub vorbei sind, vergessen, dass ich in munster mein dasein friste. aber hey, sind nur noch 11 monate bis zum nächsten urlaub. nein, halt – in dreieinhalb wochen geht es nochmal für 8 tage nach mallorca, hurra!

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