Nackicht

„Hallo, hallo Hans! Wie siehst Du denn aus? So, so -“
„Nackicht?“
„Das trifft es ziemlich genau, Hans. Im Prinzip, also auf den ersten Eindruck, wenn man nicht so genau hinguckt, siehst du vollkommen exakt und in aller Totalheit absolut und übersichtlich nackt aus. Das hat bestimmt einen Grund, oder?“
„Ja. Genaugenommen zwei Gründe. Der erste ist, dass meine Unti zur Wäsche musste.“
„Moment, Hans. Was meinst Du mit ‚meine Unti‘? Doch nicht wohl das, was wir jetzt vermuten?“
„Doch, doch. Ist natürlich auch ein ungünstiger Zeitpunkt, jetzt, hier im Waschsalon. Aber sie wollte unbedingt gewaschen werden.“
„Und da hast Du die Chance genutzt und gleich alles andere mit gewaschen.“
„Ja. Da fühlt sie sich auch gleich wohler. Nicht so allein in der Waschtrommel und so. Ihr wisst schon.“
„Deine Unti. Wir reden hier im Ernst von Deiner Unti?“
„Unti und Hemdi und Hosi und Socki links und rechts. Und Unterhemdi natürlich.“
„Unterhemdi. Und deshalb stehst Du also schöpfungsentsprungen, gleichsam selbstnatürlich auf den Grundlagen dieses unseres freiheitlichen Waschsalons und wartest nackicht auf deine Wäsche?“
„Ja, wenn ihr das so sehen wollt. Im Prinzip schon. Aber eigentlich steh ich hier barfuß auf den Fliesen und frier mir einen ab. Außerdem gucken die Leute schon komisch.“
„Tja, Hans. Wie das wohl kommt.“
„Hab ich auch schon gedacht. Und deshalb habe ich mir diesen zweiten Grund ausgedacht. Nämlich mehr so künstlerisch-existentialistisch. Grundlage ist der Gedanke der persönlichen Unabhängigkeit von allem und der freie Wille.“
„Von allem?“
„Von all dem und allem anderen. Ich stehe hier, weil ich nicht anders kann und nicht, weil meine Unti dreckig ist. Ich bin eine Art Protest als Kunstwerk.“
„Genau das denkt man als erstes, wenn man Dich hier so sieht: Mein Gott, was für ein Kunstwerk!“
„Seht ihr, das hab ich mir nämlich auch überlegt. Wenn man sich den Leuten so zeigt, wie man wirklich ist, dann kommt dabei auch echt was rüber.“
„Und was kommt da so rüber?“
„Philosophie. Impressionismus. Existenzminimum. Nähe und Zuversicht.“
„Kostenloser, grenzenloser Spaß?“
„Ja genau. Kost ja nix, ist alles umsonst.“
„Umsonst, Hans. Das kann man sehen. Oh, ich glaube deine Unti ist fertig.“
„Ja, jetzt kommt der Trockner. Halbe Stunde. Dann ist alles erledigt.“
„Gut Hans. Wir gehen jetzt erst mal nach draußen und klären die Leute auf. Die haben schließlich auch ein Recht auf das, was wir jetzt wissen.“
„Ok. Alles klar. Soll ich noch ein bisschen Zappeln oder Steppen?“
„Nee, nee, bloß nicht Hans. Das lass jetzt mal. Man soll es auch nicht übertreiben. Nackicht an sich reicht schon. Zappeln stört da nur diesen immanenten Prozess des Protestes, wenn Du verstehst, was wir meinen.“
„Immanent ist gut. Dann setz ich mich einfach ans Fenster und winke den Leuten zu. Das geht doch oder?“
„Ja, ja. Hans. Super Idee das. Und Tschüs.“

Der vierte-Stock-Blog macht jetzt zwei Wochen Urlaub. Hans suchen und seine Unti.

One comment on “Nackicht

  1. schindelschwinger sagt:

    also mein urlaub ist nun vorbei. und der eurige?
    hier was neues vom maulwurfn:

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