Vom Schwinden der Erinnerung

Der berühmte Indianer Lord Conroy Darbow Earthmyst III. hatte die letzten 50 Jahre vor seinem tragischen Tod mit 114 Jahren ein Problem mit Erinnerungen. Er wusste zum Beispiel nicht, was mit den Erinnerungen passiert war, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Verflixt nochmal, meinte er gerne zu seiner Frau, wo ist denn dieser blöde Schlüssel für unser Tipi? Seine Frau, eine intelligente, liebenswerte, als Kind verschleppte Finnin, die die vielen Eigenheiten ihres berühmten Mannes geduldig begleitete, erklärte ihm, dass ein Tipi ein Zelt wäre und Zelte keine Schlüssellöcher besäßen und Indianer sowieso nicht so versessen auf Besitz seien und die wahre Freiheit eigentlich in der Besitzlosigkeit läge und dass das Leben viel zu schön wäre, um allzu lange über verlorene Schlüssel zu lamentieren oder verlegte Brillen oder vergessene Mokassins oder so. Zunächst stutzte Lord Conroy über dieses „oder so“ am Ende der überraschenden Ansprache seiner Frau, dann nickte er zustimmend und fragte: Ach, hatte ich auch eine Brille? Die liegt bestimmt beim Schlüssel.

Eines Tages vermisste Lord Conroy sein Ponie. Es stand nicht wie sonst an seinem Platz links vom Zelt. Nicht das Lord Conroy noch viel geritten wäre, aber trotzdem, Ponie ist Ponie und das gehörte links neben das Zelt. Entrüstet wandte sich Lord Conroy an seine Frau: Weib! Wo ist mein Ponie? Ruhig, sachlich, der Situation angemessen antwortete diese: Ach, das. Das steht rechts vom Tipi im Carport, du weißt doch, das weiße Ding da, das du gestern gebaut hast.

Eines Mittags im Winter saß Lord Conroy nach dem Essen am Lagerfeuer und grübelte über das Problem der weltweit zur Neige gehenden natürlichen Rohstoffe und wie man am besten Feuer machte, wenn man kein Holz mehr hatte. Ihm kam der blitzgescheite Gedanke, dass man doch einfach. Als er das dann zwei Minuten später seiner Frau erklären wollte, hatte er es wieder vergessen. Dafür war ihm eingefallen, dass sein alter Freund Broken Morning seit etwa dreißig Jahren etwas schuldete. Er wusste nicht mehr genau wem oder was, aber das, da war er sich sicher. Und genau das sagte er dann auch seiner Frau.

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