Nackte Dachse

Hans, wir habe dich in den letzten Gesprächen als aufgeweckten, furchtlosen und selbstbewussten Menschen kennengelernt, als jemanden, der sich nicht scheut, auch einmal kompliziertere Wege zu gehen, um sein Ziel zu erreichen. Kannst du uns vielleicht Situationen schildern, in denen die Dinge nicht so klar waren, wie du sie uns darstellst, Situationen, die dich beunruhigt oder verunsichert haben?
Nö.
Komm Hans, sei nicht so. Wir erzählen das auch nicht weiter.
Ok. Morgens Duschen zum Beispiel verunsichert mich. Ich weiß manchmal nicht, ob ich mir die Füße schon gewaschen habe oder ob es vielleicht gar nicht not tut. Und Rasierpinsel. Die Sache mit den Rasierpinseln hat mich schon immer irritiert. Ist euch bekannt, dass die besten Rasierpinsel aus Frankreich kommen und aus Dachshaar sind? Ich stell mir das dann vor, wie das so ist in Frankreich in den Gegenden, wo sie die Rasierpinsel herstellen. Ich schlendere durch ein wunderschön abgelegenes Dorf in den Pyrenäen, klares Wasser, klare Luft, und plötzlich, aus heiterem Himmel, rast vor mir eine Horde nackter Dachse über die Straße. Auf Nachfrage erhalte ich zur Antwort, das seien die örtlichen Rasierpinsellieferanten und ob ich nicht einen kaufen wolle. Was sollte ich wohl mit einem nackten Dachs anfangen?
Hans?
Was mir sonst noch Angst macht? Der Gedanke beim Essen in einem vollbesetzten Restaurant zu Niesen. Für mich alleine niese ich ja recht gerne, aber da draußen vor all den Leuten mit vollem Mund? Vielen Dank. Außerdem verunsichert mich die Möglichkeit, dass ich ganz plötzlich vergesse, wie man Spaghetti schreibt. ‚Schuldigung, wissen Sie, wie man Spaghetti schreibt? Mit dem h vor dem a, nach dem g oder ganz ohne? Und selbstverständlich befürchte ich ständig, von einem rückwärts ausparkenden Auto überfahren zu werden. Nicht, dass ich paranoid bin, aber die Angst vor Meteoriteneinschlägen zwischen 12 und 13 Uhr Mittags an allen Tagen mit einem M im Namen, nimmt mich schon ganz schön mit. Am schlimmsten aber finde ich diese Schilder, die einen vor frisch gewischten Flächen warnen. Meine Güte, da könnte ich Stunden verbringen nur mit dem Gedanken: Umgehen oder Ignorieren? Und jedes Mal, egal wie ich mich entscheide, kommt dann dieser Mann mit dem Feudel, der hinter mir her wischt. Die Angst vor Feudeln ist, glaube ich, eine norddeutsche Besonderheit, im Süden kennt man keine Feudel, da heißen die Feudel Wischmopp. Deswegen fahre ich ja auch so gerne in den Süden, je weiter, desto besser. In Italien zum Beispiel könnte ich ohne Bedenken ein ganzes Jahr voll feudelangstbefreiter Lebensfreude verbringen, kein Mensch kann dort etwas mit Feudeln anfangen, mit ‚Si prega di avere un Feudel?‘ kommt man da nicht weit. Südamerikanische Pampashasen machen mir übrigens keine Angst. Da geh ich in den Zoo bei uns, völlig problemlos. Überall Pampashasen. Die sehen zwar aus wie Ratten auf Rehbeinen, aber was solls? Mir machen die keine Angst. Der Gedanke allerdings, nachts schweißgebadet aufzuwachen, weil ich wieder ganz böse von Untoten geträumt habe, macht mich wahnsinnig. Manchmal liege ich abends so lange mit aufgerissenen Augen wach, dass die Hubbel auf der Raufasertapete anfangen herumzukrabbeln. Und die versuche ich dann zu zählen. Bei ungefähr neunhundert Hubbeln halte ich mich dann selbst für bekloppt und genau in dem Moment klingelt der Wecker. Habe ich schon von meiner Phobie vor klingelnden Geräuschen erzählt? Oder Schluckauf? Clowns, Angst vor Clowns ist ja weit verbreitet, aber Angst vor dem hinteren Teil eines Dackels?
Danke vorerst, Hans, das genügt uns jetzt. Wir sind irgendwie noch bei den Dachsen. Nackte Dachse, Hans? Wie kommst du nur auf sowas?

Wo der Frust

1. Stimme, hoch und quäkend: Ach, bist du auch hier?
2. Stimme, tief, bassgeübt, beeindruckend: Ich bin immer da, wo du bist.
1. Stimme: Huhu, das gruselt mich aber.
2. Stimme: Das sollte es auch, schließlich gehören wir zur selben Person.
1. Stimme: Du meinst, das wir, äh, wie jetzt?
2. Stimme: Genau. Psycho. Wir sind zwei Psychos in einem Psycho.
1. Stimme: Deswegen auch das mit den Handpuppen, wir reden sozusagen direkt miteinander, zueinander.
2. Stimme: Ich kenne deine Gedanken.
1. Stimme: Bin ich die linke oder die rechte Puppe?
3. Mittlere Stimme, irgendwie außerhalb der Realität: Ihr seid beide ich.
1. Stimme: Das ist jetzt nicht witzig. Wer bist du denn?
2. Stimme: Das sind wir.
3. Stimme: Warum nur, warum?
1. Stimme: Psycho. Psycho? Hallo Welt, ist da draußen jemand?
2. Stimme: Die Wahrheit ist da draußen.
1. Stimme: Links oder rechts? Was jetzt? Wer bin ich?
2. Stimme: Das Krokodil. Du bist das Krokodil.
3. Stimme: Ich müsste jetzt mal.
2. Stimme: Geh doch.
1. Stimme: Geh nicht, bitte, geh nicht!
3. Stimme: Wenn ich doch aber mal muss.
1. Stimme: Ich liebe dich.
2. Stimme: Krokodile können nicht lieben. Vielleicht lieben sie Zebras, die gerade ihren Fluss durchqueren, oder Gnus. Gnus ginge auch noch. Aber nur kurz. Eine ganz kurze Beziehung. Ein Quickie sozusagen.
1. Stimme: Kasperl? Bist du das Kasperl? Dich liebe ich auch. Ganz doll.
3. Stimme: Wer ist hier Psycho?
2. Stimme: Sind wir nicht alle Psycho?
1. Stimme: Ich nicht, auf keinen Fall. Ich Krokodil.
3. Stimme: Ich auch nicht. Ich muss.
2. Stimme: Ich Kasperl.

…………

Wo der Frust wohnt:
Wo geht eigentlich der Frust schlafen, wo wacht er morgens auf? Gibt es ein Frustschutzmittel? Und Frustbeulen?

…………

Der, der lächelnd durch den Wald läuft:
Spinnenweben,
die an meinen Zähnen kleben.

Wie Lord Conroy seine letzte Feder rettete

Es war im Herbst des Jahres in dem Lord Conroy Darbow Earthmyst III. vielleicht zum hundertsten Mal zu seiner Frau, die er in der Regel nur ‚Frau‘ rief, weil sie einen so langen komplizierten Namen besaß, meinte: Ich glaube, ich verliere auch noch meine letzte Feder. Wie gesagt, es war im Herbst, die letzten Blätter schon gefallen, das Wetter trübe und Lord Conroy kannte auch als Indianer kein wirkliches Mittel gegen Langeweile und Herbstdepressionen. Hinzu kam, dass seit Tagen, ach was sag ich, seit Wochen schon nichts wirklich Aufregendes mehr passiert war, Lord Conroy und mit ihm seine Frau und der ganze Stamm bereiteten sich auf einen langen, kalten, einsamen, dunklen, kalten (ich weiß, das hatten wir schon), sehr unfreundlichen Winter vor, jedenfalls wenn man Lord Conroys bestem Freund, Jimmy die Ratte, glauben schenken durfte. Jimmy die Ratte war zwar der mutigste Krieger, den Lord Conroy jemals kennengelernt hatte, aber auch der mit den schwärzesten Gedanken. Jimmy war jeden Morgen der Meinung, der aufkommende Tag würde ausschließlich Unglück, Missvergnügen und ein oder zwei gebrochene Finger bringen, abends dann tat er immer ganz erstaunt, wenn ihn jemand auf seine schwarzseherischen Fähigkeiten ansprach. Ach das? Das war doch nur heute morgen so dahingesagt.

Wie dem auch sei, an diesem Tag im Herbst entdeckte Lord Conroy, dass Indianer zwar ihre Kopfhaare nicht verlieren, aber ihre Federn. Im Grunde war es ihm schon seit Monaten bewusst, dass etwas mit seinem ehemals berühmten Adlerfederschmuck nicht stimmte. Zunächst hatte er ‚Frau‘ in Verdacht, sie würde ihm nachts heimlich die eine oder andere Feder stibitzen, vielleicht zum Kochen, dachte sich Lord Conroy, vielleicht streicht sie ja damit den Carport für den Winter (im Carport war sein Ponie untergebracht), aber mit zunehmender Abnahme seines Schmucks wechselte er zu der Idee, er selbst würde sich im Schlaf die Federn ausreißen, um den großen Erdnebelgeist damit zu kitzeln. Das kann nicht sein, erklärte ihm Jimmy die Ratte lang und breit, man könne Geister gar nicht kitzeln, oder hätte er, Conroy, jemals von einem lachenden Geist gehört? Lord Conroy nickt zustimmend und einigermaßen verunsichert, dann Jimmy, dann habe ich die Mauser.

Indianer mausern nicht, erklärte bestimmt seine Frau die Situation, bei Finnen bin ich mir da nicht so sicher, aber Indianer mausern sich nie. ‚Frau‘ war eine in der Kindheit von den Indianern geraubte Finnin, und jedes Mal wenn ihr etwas spanisch vorkam, auch wenn sie das so nie sagte, sagte sie etwas über Finnen. Ansonsten war sie mit der Zeit durch und durch Indianerin geworden, ab und zu tat sie sogar das gerne, was kein Indianer, jedenfalls keiner von denen, die sie kannte, gerne tat: Auf einem alten, trockenen Stück Pemmikan herum kauen. Vielleicht müssen die Federn ja mal gegossen werden, Conroy, was meinst du?

Conroy ging in sich, da waren es noch unübersichtlich viele hundert Federn, die ihn schmückten (Lord Conroy zählte grundsätzlich in Hunderten, das machte mehr her), wenn er denn federngeschmückt durchs Dorf wanderte. Nach einer Weile Nachdenkens war ihm klar, dass ‚Frau‘ ihn mal wieder auf die Schippe genommen hatte. Er schüttelte den Kopf, ging rüber zu Jimmy die Ratte und zeigte ihm einen Indianervogel (der genauso aussieht wie ein normaler Vogel), nee nee Jimmy, ich gieß doch nicht meine Federn, da wird doch alles nass.

An dem besagten Tag nun im Herbst des Jahres an dem Lord Conroy morgens aufwachte und auch die allerallerletzte Feder geknickt und regelrecht zerzaust an seinem ehemals berühmten Kopfschmuck nach unten hing, da endlich glaubte Lord Conroy Darbow Earthmyst III. seiner klugen Frau und ging, so wie er war nach dem Aufstehen, ohne Frühstück, ohne Pemmikan, allein und fast unbekleidet mit seinem Kopfschmuck mit der einzig verbliebenen Feder raus aus dem Tipi vorbei am Carport mit seinem Pony vor das Dorf und begann mit der in späteren Jahren immer wieder Gesprächsstoff liefernden Rettet-die-letzte-Feder-Zeremonie. Er stellte sich aufrecht hin, schüttelte, wie schon auf dem Weg zum Zeremonieplatz den Kopf, schüttelte die gereckte Faust in die Höhe, schüttelte, etwas vorsichtiger allerdings, seinen Kopfschmuck mit der einen Feder und sagte laut und deutlich, so dass auch wirklich jeder Geist, sei es nun Erd-, Wald-, Berg- oder Baumgeist es hören musste: Mist! Mhmpft! Ich will meine Feder wiederhaben.

Der erste Geist, der reagierte, war der Regengeist. Er holte tief Luft, blies die Backen auf und mit einem Rainforrestduschkopfschwall plärrte und plinkerte und regnete es wie aus Eimern genau auf die Stelle, an der Lord Conroy egal welche Art von Hilfe erfleht hatte. Gut, er hatte jetzt nicht erwartet, dass es nur ihn beregnen würde, dass alles um ihn herum, die Steppe, die Wälder, das Dorf, Jimmy die Ratte oder seine Frau trocken blieben, aber, und dafür dankte er dann dem Regengeist, die eine Feder stand wieder wie eine Eins. Nichts, niemand und auch nicht ein seltsam blöder Traum würde es jemals schaffen, diese eine letzte Feder von seinem Kopfschmuck zu lösen. Nass und zufrieden wanderte Lord Conroy erhobenen Hauptes zurück ins Dorf, eine glänzend weiße stolze Adlerfeder spendete ihm dabei den notwendigen Schatten. Genau so rettete Lord Conroy seine letzte Feder.

Schutzengel

Ich bin also Schutzengel, klar werden Sie sagen, kein Problem, güldenes Haar, seidig flockig, Flügel wie ein Elf, reinen Gemüts und ewig auf der Suche nach zu verhindernden Unglücken, möglich werdenden Unheilen und selbsterfüllenden Prophezeiungen: Ich wusste, dass ich in dieses Hundeexkrement trete, ich sage es dir, heute morgen beim Aufwachen wusste ich das. Und wo war da bitte der Schutzengel? Ich frage Sie, wo sind wir, wenn wir gebraucht werden? Ich kann nur sagen: Auf der anderen Seite. Treten Sie rechts in die Scheiße, wäre links dieser unbedarfte siebenundachtzigjährige Autofahrer vorbeigekommen und hätte Sie unversehens ein Stückchen mitgenommen. Fassen Sie vor Ihnen den Zebrastreifen ins Auge und marschieren drauflos, Sie sind ja im Recht, Sie haben hier die Vorfahrt, kommt unversehens dieses verflucht klebrige Kaugummi an ihrem Schuh ins Spiel, Sie bücken sich und schwupps, fliegt der Dachziegel an ihrem Kopf vorbei dem Fahrradfahrer vor genau das Vorderrad, das Sie in der nächsten Sekunde in die Kniekehle getroffen hätte. So sind wir nämlich, wir Schutzengel. Wir machen daraus kein großartiges Gewese, kein Tamtam oder Brimborium, wir fegen uns mit einem Wisch die güldenen Haare aus dem Gesicht, so dass sie locker wallend über die Schulter fallen, stürzen uns auf Sie, den Menschen mit dem potentiell schwarzen Tag, dem ewigen Freitag-den-Dreizehnten, und treffen notwendige Entscheidungen für Ihre Sicherheit. Aber, und ich muss das jetzt mal loswerden wie das so ist als Schutzengel, wir sitzen den ganzen Tag da rum, paranoid, paralysiert, weil an jeder Ecke irgendein Missgeschick droht, runter mit den Nerven, weil klar ist, dass die nächste Prüfung schon ansteht, heulend und zähneklappernd, weil es danebengehen wird, der Arm bricht, die Schulter sich auskugelt, der Magen verdirbt und es am Rücken juckt, genau an der Stelle, an der wir uns beim Autofahren nicht kratzen sollten. Alles, was Sie sich als Unglücksrabe, Pechvogel, Unfallkandidat so vorstellen, was ein Schutzengel für Sie zu erledigen hat, das erledigen wir. Wir schützen, pflegen unsere Flügel und jubilieren, den ganzen Tag, ununterbrochen für Sie, Ihre Leute, Ihre Familie, im Auftrag des Herrn. Oder haben Sie schon mal von einem schlafenden Schutzengel gehört? Auf dem Rücken liegend etwa? Wie denn bei den Flügeln? Und das kann ich Ihnen sagen, dieses ewige Jubilieren geht einem irgendwann dermaßen auf den Keks, das man es einfach nicht mehr Ernst nimmt, da ist dann kein echtes Jubilieren mehr, da ist dann ein hysterisches Herumgebrummel zu hören mit müde zusammengeklappten Engelsäuglein. Klimper, klimper. Und erst diese Haare, da soll einer mal mit klarkommen. Gülden gelockter Engel, Sie verstehen, was ich meine? Vom weißen Leibchen ganz zu schweigen. Und dann unser lebensphilosophischer Background, der lädt auch nicht gerade den Nachwuchs ein, kommt her und werdet Schutzengel. Keine Teammeetings, keine gemeinsamen Kletterpartien im Kletterwald, keine Urschreie oder Trommeltherapie in der Toskana. Gewerkschaftlich läuft da gar nichts, aber, wie sagt ER immer so nett: Der einsame Engel kriegt den Pudding, oder so. Ich will mich ja nicht beklagen, ich hätte ja auch als Amöbe wiedergeboren werden können, und im Grunde bin ich gerne Schutzengel, aber man wird doch wohl mal, ach nicht? ER meint man wird nicht? Na, wenn ER das sagt, dann muss das ja stimmen.

Danke sagen

Hans, ist es wahr? Du hast geübt? Was denn?
Danke sagen.
Wie das? Warum musst du das extra üben, jeder kann doch Danke sagen.
Nee, nicht jetzt normal Danke wie beim Schlachter oder beim Friseur. Danke für die Wurst oder Danke für die Frisur, die hätte ich auch selber hinbekommen.
Du warst beim Friseur? Wieso das denn?
Nur so zum Beispiel. Wenn der Friseur mit einem fertig ist, kann man Danke sagen oder: Ich danke Ihnen, Ihrer Mutter, Ihren Kindern, Ihrer ganzen Familie und dem Volk von dem Sie weg sind, dass Sie sich herabgelassen haben, hienieden unter uns Menschlichen ein Dasein als Friseur zu fristen und dass Sie ihren ersten wirklichen Schnitt bei mir versucht haben. Danke, danke, danke.
So bedankst du dich für einen zehn-Euro-Schnitt? Ist das nicht ein bisschen übertrieben, Hans?
Nur zum Beispiel. Neulich war ich ja bei der Oscar-Verleihung und als ich dann dran war…
Dran war? Du hast einen Oscar bekommen? Für welche Rolle, Hans? Sag schon.
Ist nur ein Beispiel, ich finde, man sollte vorbereitet sein, wenn es soweit ist. Nicht wie diese Schauspieler, die vor totaler Überraschung heulend hinter dem Mikro stehen, schnappatmend versuchen ihr Makeup nicht zu verschmieren, um dann kurz vor der Ohnmacht ihren Eltern und dem Regisseur zu danken. Wenn mir das passiert, bin ich vorbereitet. Ich habe meine Dankesrede immer dabei, soll ich mal?
Klar, Hans, mach nur. Uns überrascht nichts mehr an dir.
Danke, dass Gandhi in echt anders aussieht als der Gandhi im Film Gandhi und dass das gar nicht der echte Gandhi war, sondern ein anderer, der so getan hat, als sei er Gandhi. Danke, dass ich manchmal glaube, dass ich der einzige bin, der diesen Unterschied bemerkt hat. Danke, dass ich deshalb zum Film gegangen bin und trotz Segelohren, großer Füße und der Silhouette einer Kegelrobe diese Chance erhalten habe. Danke an meine Mutter für meine unbeschwerte Kindheit und die Werbespots für Hansaplast, Pattex und Ich-bin-zwei-Öltanks, und danke an Onkel Rudi, der mir mit sechs Jahren erklärte, was Rheumatismus ist. Danke, dass ich nicht aussehe wie der Hund unseres Nachbarn und auch nicht wie unser Nachbar selbst, dann hätte ich womöglich nur die Nebenrolle bekommen. Danke an Gisela für den ersten Kuss und ihren anschließenden Kommentar, danke für das erfolglose Vorsprechen bei E.T. als E.T und danke für meine erste klitzekleine Sprechrolle in dem vollkommen unbekannten B-Movie ‚Der Tag an dem John Denver Leaving on a Jet Plane veröffentlichte‘. Danke, Danke, Danke.
Hans?
Ja?
Du hast jetzt nicht einen Rheumatismus-geplagten, übergewichtigen, hässlichen, außerirdischen Hund mit Gandhi-ähnlichen Lebensansichten gespielt, der so singt wie John Denver?
Nee, phft, die Rolle hatte George Clooney in Batman, glaube ich.

Als mich die Ruhe verließ

Der Moment, als mich die Ruhe verließ, steht mir wie heute vor Augen. Es ist ja nicht so, dass mich regelmäßig die Unruhe überkommt oder dass ich beim Anblick eines Problems die Contenance verliere. Nein, viel eher bin ich derjenige welche, der einfach nur da ist, wenn nichts funktioniert, der, an dem sich alle anderen orientieren, der mit dem Plan. Ich will da nichts Schönreden oder mich über den Dingsbums loben, aber es ist so, es steht mir ins Gesicht geschrieben: Das ist der, der weiß, wo’s langgeht. Außer, wie gestern, als der Staubsauger Klingelgeräusche machte. Gut, ich raste nicht sofort aus, wenn es irgendwo klingelt. Ich bin da mehr der coole Typus. Ich prokrastiniere übrigens auch nicht, nie, nur um das mal klarzustellen und ein nicht ganz geläufiges Fremdwort zu verwenden. Ich gehe die Dinge an, wenn sie anliegen, ich verschiebe nichts auf später. Prokrastinierer verschieben bis der Morgen den Abend grüßt oder der Fuchs den Hasen, kennen wir doch. Jeder prokrastiniert doch mal heimlich, ich aber nicht. Und wenn neuerdings der Staubsauger tief in seinen Eingeweiden ein klingelndes Geräusch produziert, dann geh ich da ran, ob ich etwas von Staubsaugern verstehe oder nicht, ich geh ihm ans Technische und klapp ihn mal auf. Hat meine Frau übrigens auch gesagt: Klapp ihn doch mal auf.

Ich setze also meine Krone auf, das Krönchen, wie meine Frau gerne sagt, ohne meine Krone reparier ich hier erst mal gar nichts, und wende mich dem klingelnden Geräusch zu, das selbstverständlich, wenn ich mich schon kümmere, nicht mehr zu hören ist. Das hört man nur, wenn der Motor an ist, sagt meine Frau, die Gute, keine Ahnung von gar nichts, aber das so ein Ding einen Motor hat, das hätte sie ruhig früher erwähnen können. Ich bin ein Kümmerer, müssen Sie wissen. Ich kümmere mich um alles, auch um das, was mich nichts angeht. Motor meinst du, mhm. Ich schraube also an der einzigen Schraube herum, die ich finden kann, und frage sie dann, als diese blöde Schraube in den verdammten Innenraum des Staubsaugers flutscht, was denn wäre, wenn ich dieses Ding einfach umdrehen und ein bißchen schütteln würde? Vielleicht käme die Schraube dann ja wieder raus und das Klingeln wäre wieder weg. Ja, und das war dann der Moment, beziehungsweise der, der kurz danach kommt. Dein Krönchen rutscht, meinte meine Frau noch. Ich drehe ohne Zögern dieses Mistviech von klingelndem Staubsauger um und halte ihn in die Höhe. Ich warte. Ich schüttle. Ich warte nochmal. Ich hab noch nicht mal richtig angefangen zu schütteln, da saust dieser verflucht massive Staubsaugermotor einen Millimeter an meinem Kopf vorbei in die Tiefe und bamselt, jawohl, bamselt an einem mickrigen Stück Draht in der Luft oberhalb von meinem Knie. Fallhöhe, Schwerkraft, körperliche Intelligenz und eine unglaubliche Bewegungsanmut meinerseits tun ihr übriges, was soll ich sagen, der Motor knallt mit einem saftigen Flopp mir ziemlich direkt auf den großen Zeh vom rechten Fuß. Und das genau war jetzt der Moment, als mich die Ruhe verließ.

Oh, seelenlose Ödnis

Hans, wir haben gehört, du hast ein Gedicht an eine Zeitung geschickt. Worum ging es denn? Wurde es veröffentlicht?
Es wurde natürlich nicht veröffentlicht, mein Stil kam nicht an. Altbacken, stand in der Absage.
Du hast eine Absage erhalten, in der ‚Altbacken‘ stand? Ehrlich, Hans? Du weißt, wir halten immer zu dir. Vielleicht liest Du es einfach mal vor, dieses Gedicht.

Oh, seelenlose Ödnis, du herrenloser Köter.
Geschwätzig bist du, tolldreist und leer.
Dein sinnloses Gehabe bedeutet mir garnix.
Oh, seelenlose Ödnis, glotzt mich aus großen Augen an.
Oh, ich muss weg.
Oh, doch nicht.
Oh, ihr verdammten Vollkornbrotfertigbackmischungen.
Oh, ihr verdammten Weihnachtsmärkte.
Oh, ihr halbgaren, ihr unausgegorenen, ihr verwinkelten Gassen meiner Jugend.
Oh, ich glaub, ich habe mich verfahren.

Hans?
Ja?
War das das Gedicht?
Ja, nein, nicht alles davon.
Oh, ich muss weg? Oh, doch nicht?
Das ist der Beginn eines epischen Gedichtes über unsere Zeit. Es handelt von unecht lächelnden Gesichtern, die mir Kaffee verkaufen wollen oder Waschmaschinen oder Küchen oder Hauswärmedämmungen oder Schokobananenshakes mit Mandelsplittern oder neue Lebenspartner mit einer Matchingqualität von 80 Prozent. Und es geht um Leute im TV, die sich zu irgendeinem TV-Thema äußern und TV-mäßig so gut drauf sind, dass sie immer wissen, wie’s geht, was geht, wie man’s macht, warum man’s macht, warum man’s nicht machen und wie man es besser machen sollte und wo man es kaufen kann. Ein Epos über Pommes Frites und wie die sich fühlen, wenn sie ohne Mayo gegessen werden. Ein Epos über etwas, dass sich nicht beschreiben lässt, weil es so sinnlos ist, dass man in Computerzeitschriften dafür Werbung macht. Und ein Epos über schlechte Zähne, falsche Ausdrucksweisen, eigenbestimmtes Leben und die Vertreibung aus dem Paradies. Ein Epos so über alles, was mir eben eingefallen ist in den letzten zwanzig Jahren.

Oh weh, du nickelfreies Leben und ihr linksgedrehten Milchsäurebakterien.
Oh graus, du hornochsiger Musikantenstadelhintergrundwald.
Oh, Haare, verlasst mich nicht.
Oh, Hüftspeck, geh wo anders hin.
Oh, knochentrockene Pfeffernüsse, seid ihr denn noch vom letzten Jahr.
Oh, kosmischer Einschlag, triff den, der die Werbung erfunden hat.
Oh, seelenlose Ödnis, du kannst mich mal.

Hans, du brauchst jetzt nicht alles vorzutragen, wir haben den Kontext verstanden.
Oh, ihr allesverstehenden Kontextbegreifer.
Wie viele Zeilen hat dein Gedicht denn so, Hans?
Oh, ungezählte Packen Papier.
Und du hast das ganze Gedicht einfach an die Zeitung geschickt, alle Strophen?
Oh, ihr Unverständlichen. Oh, ihr übertriebenen Postversandkosten. Oh oh.
Ja, das sagen wir dann auch Hans. Oh oh. Vielleicht liest du einfach draußen weiter? Oder im Keller? Ja, Hans, geh am besten in den Keller, wir kommen dann morgen mal vorbei und sehen nach dir.

Kleingartenkolonie Sonnenfern, zur Hölle

Vorweg ein Hinweis an alle, der Hans plant ja einen Raketenabwehrschirm für seine Laube, er sucht noch Leute, die ihm bei der Einrichtung der Abschussrampen helfen. Und ebenfalls zur Info, die Petra, die Frau vom Norbert, der ja der Bruder vom Hans ist, hat den vorderen Bereich ihres Gartens für die Erkundung als Atommüllendlager freigegeben. Wer also Zeit und Lust hat, kann gerne versuchen, dort seinen Müll loszuwerden. Und das noch, der Walter, nicht verwandt mit dem Hans, wir ihr wisst, aber die stehen sich ja so, der Walter und der Hans, der Walter soll die Rückseite seines Gartenbungalows vermint haben, Tretminen der Marke „Flüchtige Heuler“. Bitte Vorsicht beim Spazierengehen. Und wo wir schon dabei sind, Horst vom Grundstück neben der Müllverbrennungsanlage hat vorgestern feierlich seinen Komposthaufen zur Freihandelszone erklärt und als Fahne ein aufgespießtes Schwein gehisst. Er möchte dazu jetzt keine Kommentare hören, er lässt aber das Schwein noch mindestens bis morgen da hängen. Ach ja, die Gisela, ihr Mann ist ja unser Kassenwart hier beim Sonnenfern, Gisela hat mitgeteilt, ihr letztes Jahr explodierter Atommeiler sei endlich sicher unter einem Zementsarg begraben, nach oben oder zur Seite kommt da auf keinen Fall irgend eine Strahlung raus, aber nach unten wüsste sie nicht genau. Woraufhin Ursula, ach sorry, Uschi, woraufhin also Uschi gestern mit diesen Radieschen in Fußballgröße angekommen ist und erklärt hat, ihrem Rammler würden, seit sie ihn damit füttere, die Haare ausfallen, Blumenkohlohren wachsen und er können nicht mehr so oft wie früher. Außerdem hätten die neuen Würfe alle Entenfüße. Apropos Hasen, die letzte amtliche Bekanntmachung von Armin, unser Vorstand von Sonnenfern und Besitzer eines Unternehmens zur Verschiffung von Elektroschrott nach Afrika, soll super laufen das mit Afrika, sagt der Armin, die stellen nicht mal Fragen, falls also irgendjemand alte PC’s loswerden will, also in Armins letztem Aushang von vor einer Stunde heißt es, dass die Hasen, die das vergangene Jahr in Giselas Garten neben dem Atommeiler herumgehoppelt sind, ab sofort wieder verzehrt werden können.
Und auch das ist richtig, Finger weg vom Dill. Der Dill, der neben dem Ententeich wächst, hinkt seit dem Chemieunfall im Frühjahr in seiner jahreszeitlichen Entwicklung etwas hinterher, dafür seien die Bohnen dort absolute Spitzenklasse. Anderes Thema, der Benno hat seine scharfen Schäferhunde wieder losgekettet, weil Norbert ihm versprochen hat, das mit den Mettbrötchen mit den Glassplittern sein zu lassen. Norbert, wir nehmen dich da beim Wort.
Der Flugbetrieb bei den Schneiderjahns oben auf dem Eckgrundstück wurde unseren Forderungen entsprechend angepasst. Die großen Maschinen landen jetzt nur noch nach fünf Uhr morgens. Das Startfenster tagsüber bleibt so wie besprochen, alle zwei Minuten höchstens eine Maschine. Womit wir zum letzten Thema für heute kommen, die radargesteuerten, automatischen Landepeilsignale, die ab und an bei den Schneiderjahns ausfallen. Hat irgendjemand noch größere Schäden vom letzten Crash zu beklagen, ja, ich sehe da ein paar Handzeichen. Ihr könnt euch das Formular zur Klageeinreichung bei den Schneiderjahns persönlich abholen, Gert hat da noch ein paar Kopien erstellt und hilft euch auch beim Ausfüllen.
Spricht etwas dagegen, wenn wir die Punkte „Nitratverseuchtes Trinkwasser“, „Radioaktive Halbwertszeiten“ und „Chlorvergasung im eigenen Pool und was man dagegen machen kann“ auf das nächste Meeting vertagen? Ok, keine Einsprüche, dann auf zum fröhlichen Come-together hinten an der Klärgrube, Schnittchen und Getränke sind vorbereitet. Unser Motto wie immer: Sonnenfern, zur Hölle!

Miniman

Anbei ein Bericht über mein tägliches Leben als Superheld.
Ich bin nicht wirklich empfindlich, wie manche meinen, ich nenne das sensibel. Ich habe ein Gespür für Situationen, kann Menschen einschätzen und beurteilen und ich weiß, wann etwas getan werden muss. Und ich steigere mich zu Höchstleistungen, wenn ich mit meinem eng anliegenden Ganzkörper-Flanellanzug und dem v-förmigen, blaugrünen Cape herbeieile, um Leben zu retten. Ich bin’s, der Miniman! Hallo, Hallo, wie kann Ihnen geholfen werden? Ich stelle mich blitzschnell auf die jeweilige Situation ein, orientiere mich, begutachte und betrachte das Umfeld, scanne umfassend nach den bösen Buben und trete augenblicklich in Aktion. Es kostet mich ein Fingerschnippen und ein kurzes „Moment Monsieur, so nischt, isch kämpfe gägen das Vährbräschän. Harch!“ Ich irritiere meine Gegner, verwirre sie, kein Einbrecher würde je einen französisch imitierenden Superhelden im Flanellanzug erwarten. Beherzt, selbstbewusst, mutig trete ich vor, packe den Schurken am Schlafittchen und schüttele ihn kräftig durch. Wenn möglich, hebe ich den Schuft dabei noch etwas in die Höhe, mit den Füßen über dem Boden schwebend hinterlässt mein Auftritt einen bleibenden Eindruck. Keine Frage, der erste Eindruck ist immer noch der wichtigste. Leider reichen meine doch erstaunlichen Superkräfte nicht, das Böse endgültig von dieser Welt zu verbannen. Mein „Harch!“, das mich noch prägnanter daherkommen lassen sollte, stößt allenthalben auf Ablehnung, Verwunderung, ja, ist Grundlage vielfältigen Spotts und bösartigster Späße. Neulich erst landete ich durch Zufall direkt vor unserem Pfarrer auf dem Weg vom Einkaufen nach Hause. Ausgestreckter Arm, vorbildlich durchgestreckte Körperhaltung und ein einwandfrei Falten werfendes Superhelden-Cape. Sogar meine Maske, obere Gesichtshälfte bedeckend, schwarz, spitze Öhrchen, dem großen Batman nachempfunden, dem noch größeren Zorro gewidmet, saß korrekt. „Ich bin’s, Miniman! Was kann ich für Sie tun?“ Zunächst schien es, als hielte er mir seine Einkaufstüte hin, nickend, zum Nachhause tragen, doch dann zuckte er mit den Schultern, unser lieber Herr Pfarrer, studierter und ausgebildeter Gutmensch der, lächelte nur, murmelte etwas von Brötchen, Erkältung und Luther und ging seiner Wege. Nicht einmal mein wildestes „Harch! Ich zerschmettere dich, du Schurke!“ konnte noch irgendeine Regung bei ihm hervorrufen. Er verschwand um die Ecke und ich stand da, einsam, nachdenklich, geschlagen, missverstanden. Glücklicherweise kam in diesem Moment meine Mutter von hinten und legte mir ihre Arme auf die Schulter. Karlchen! Komm, flieg mich mal da rüber zur anderen Straßenseite und dann nach Hause. Pass auf, dass das Kostüm nicht dreckig wird, wer weiß, wen du morgen alles retten musst. Ich nickte meiner Mutter zu, der guten Frau, mit ihren jetzt bald achtzig Jahren hatte sie die Superkräfte ihres Sohnes nicht mehr ganz im Blick. Mutter! Miniman kann doch nicht fliegen, hab ich dir schon hundert Mal erklärt. Levitation ist eine Erfindung, ein Humbug, eine Täuschung. Ich bin real, Mutter, wirklich, ich fliege nicht, niemals. Ach Karlchen, das macht doch nichts. Dann gehen wir einfach zu Fuß und unterhalten uns ein wenig. Ich reichte meiner alten Mutter meinen immer hilfreichen Superarm und begleitete sie federnden Schrittes und frohen Herzens über die Straße. Wenigstens sie nimmt mich so, wie ich bin. Harch! Was für ein Leben als Superheld und Sohn. Mutter? Ja, Karlchen? Was für Superkräfte hast Du eigentlich?

Der Selbsthans

Piep. Im Moment ist niemand zu erreichen. Bitte sprechen Sie nach dem nächsten Pieps. Wir melden uns bei Ihnen.
Ja toll. Hier wäre dann der Hans gewesen. Da ruf ich schon mal an und keiner ist da. Pieps. Pieps? Ach jetzt geht das erst los? Also, hier ist der Hans und wenn ihr mich nicht interviewen wollt, dann mach ich das eben selbst, den Selbsthans sozusagen. Hans, wie geht’s wie stets, schön dass du anrufst. So geht das nämlich. Man geht ans Telefon, wenn Freunde anrufen, und nicht da sein oder so tun als ob, gildet da nicht, obwohl das ja ‚gilt da nicht‘ heißt. Mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Was ich fragen wollte: Ich hab da mal nachgedacht, ob das, was man sagt, schon vorher da ist oder erst, wenn man es sagt. Ich sag zum Beispiel „Dies ist ein schönes Beispiel für einen Fisch.“ Ist das jetzt schon vorher in meinem Kopf gewesen oder hat sich der Fisch erst beim Sprechen gebildet. Ist der Fisch in dem Satz eine Selbst-Etablierung oder ein immanent gewordenes Selbst-Sein im Werden des Sprechenden. Ihr wisst, was ich meine. Der Selbsthans und der immanente Hans. Ok. Ist nicht ganz leicht zu verstehen, ich hätte ja auch Hund sagen können oder Geräusch. Nehmen wir mal an, ich ginge über die Straße, im Konjunktiv natürlich, ich ginge also über die Straße, da käme ganz plötzlich von rechts ein Auto angeschossen, ganz genau von da, wo ich vorher natürlich hingeguckt hätte, ob da vielleicht ein Auto komme oder käme oder ich weiß jetzt nicht, vielleicht auch gekommen wäre, ich bin da mit den Konjunktiven ein bisschen auf Kriegsfuß. Hans? Ja, Hans? Was willst du uns sagen? Sprich dich ruhig aus. Nehmen wir mal an, dieses Auto hupt ganz doll, kurz bevor es mich über den Haufen führe, apropos führe, heißt das denn dann nicht auch hüpte? Das Auto hüpte, führe mich über den Haufen und während ich da so durch die Luft schleuderte, keine Angst, mir passiert ja nix, ist ja alles nur in der Möglichkeitsform, ich flöge also da durch die Luft und ganz knapp bevor ich aufkäme auf dem Kopfsteinpflaster, denkte ich mir jenen Satz, mit dem das alles angefangen hat: „Dies wird jetzt ein schönes Beispiel für ein Geräusch.“ Und dann schlage ich auf. Ist das jetzt schon vorher in meinem Innersten gewesen oder ist das Zufall. Was wäre, wenn statt meiner der Fisch geflogen käme oder der Hund. Was wäre, wenn ich überhaupt nicht über solche Dinge nachdenken würde. Wenn die Dinge einfach passierten. Oder es passierte einfach gar nichts mehr, weder in mir noch mit mir. Da will ich lieber nicht dran denken. Also, ihr wisst jetzt worum es geht. Vielleicht meldet ihr euch vor Weihnachten oder Neujahr oder nächstes Jahr Ostern, wie ihr wollt. Ich sitz hier am Telefon und warte. Ich habe Zeit.