Als mich die Ruhe verließ

Der Moment, als mich die Ruhe verließ, steht mir wie heute vor Augen. Es ist ja nicht so, dass mich regelmäßig die Unruhe überkommt oder dass ich beim Anblick eines Problems die Contenance verliere. Nein, viel eher bin ich derjenige welche, der einfach nur da ist, wenn nichts funktioniert, der, an dem sich alle anderen orientieren, der mit dem Plan. Ich will da nichts Schönreden oder mich über den Dingsbums loben, aber es ist so, es steht mir ins Gesicht geschrieben: Das ist der, der weiß, wo’s langgeht. Außer, wie gestern, als der Staubsauger Klingelgeräusche machte. Gut, ich raste nicht sofort aus, wenn es irgendwo klingelt. Ich bin da mehr der coole Typus. Ich prokrastiniere übrigens auch nicht, nie, nur um das mal klarzustellen und ein nicht ganz geläufiges Fremdwort zu verwenden. Ich gehe die Dinge an, wenn sie anliegen, ich verschiebe nichts auf später. Prokrastinierer verschieben bis der Morgen den Abend grüßt oder der Fuchs den Hasen, kennen wir doch. Jeder prokrastiniert doch mal heimlich, ich aber nicht. Und wenn neuerdings der Staubsauger tief in seinen Eingeweiden ein klingelndes Geräusch produziert, dann geh ich da ran, ob ich etwas von Staubsaugern verstehe oder nicht, ich geh ihm ans Technische und klapp ihn mal auf. Hat meine Frau übrigens auch gesagt: Klapp ihn doch mal auf.

Ich setze also meine Krone auf, das Krönchen, wie meine Frau gerne sagt, ohne meine Krone reparier ich hier erst mal gar nichts, und wende mich dem klingelnden Geräusch zu, das selbstverständlich, wenn ich mich schon kümmere, nicht mehr zu hören ist. Das hört man nur, wenn der Motor an ist, sagt meine Frau, die Gute, keine Ahnung von gar nichts, aber das so ein Ding einen Motor hat, das hätte sie ruhig früher erwähnen können. Ich bin ein Kümmerer, müssen Sie wissen. Ich kümmere mich um alles, auch um das, was mich nichts angeht. Motor meinst du, mhm. Ich schraube also an der einzigen Schraube herum, die ich finden kann, und frage sie dann, als diese blöde Schraube in den verdammten Innenraum des Staubsaugers flutscht, was denn wäre, wenn ich dieses Ding einfach umdrehen und ein bißchen schütteln würde? Vielleicht käme die Schraube dann ja wieder raus und das Klingeln wäre wieder weg. Ja, und das war dann der Moment, beziehungsweise der, der kurz danach kommt. Dein Krönchen rutscht, meinte meine Frau noch. Ich drehe ohne Zögern dieses Mistviech von klingelndem Staubsauger um und halte ihn in die Höhe. Ich warte. Ich schüttle. Ich warte nochmal. Ich hab noch nicht mal richtig angefangen zu schütteln, da saust dieser verflucht massive Staubsaugermotor einen Millimeter an meinem Kopf vorbei in die Tiefe und bamselt, jawohl, bamselt an einem mickrigen Stück Draht in der Luft oberhalb von meinem Knie. Fallhöhe, Schwerkraft, körperliche Intelligenz und eine unglaubliche Bewegungsanmut meinerseits tun ihr übriges, was soll ich sagen, der Motor knallt mit einem saftigen Flopp mir ziemlich direkt auf den großen Zeh vom rechten Fuß. Und das genau war jetzt der Moment, als mich die Ruhe verließ.

4 comments on “Als mich die Ruhe verließ

  1. Seit Wochen irre ich durch die Weiten der Blogosphäre, stürze von den Gipfeln der Egozentriker in die Untiefen der Haustierbesitzer, mich Zelle für Zelle von meiner einstigen Intelligenz verabschiedend. Sollte ich tatsächlich endlich einen Silberstreif am Horizont entdeckt haben? Doch die wichtigere Frage ist: kann man die Großhirnrinde reanimieren? Vielleicht kann Miniman mich retten…

    1. Kay Hüttner sagt:

      Hallo Designerhaase,
      vielen Dank für deinen Kommentar, habe mich wirklich gefreut und bin ein wenig sprachlos… Der nächste oder übernächste Blogeintrag ist dann für dich (wenn mir was zu „Danke!“ einfällt.

      Tschüs, Kay

      1. Hallo Kay,
        ich kann es kaum glauben, ein Eintrag nur für mich? Aber bitte nicht prokrastinieren, ja?
        Ich freue mich schon darauf!

  2. …irgendwie kommt mir das bekannt vor im täglichen Leben, wenn Dir gesagt wird: Dat is kaputt, dat geht nicht mehr.
    Was habt Ihr zuletzt damit gemacht ?
    Nix, ..ganz normal damit gearbeitet. (www.isrichtich.de)

    Dann schraub ichs auf, dreh es um…..und da ist dieser Moment 🙂

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