Der Selbsthans

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Ja toll. Hier wäre dann der Hans gewesen. Da ruf ich schon mal an und keiner ist da. Pieps. Pieps? Ach jetzt geht das erst los? Also, hier ist der Hans und wenn ihr mich nicht interviewen wollt, dann mach ich das eben selbst, den Selbsthans sozusagen. Hans, wie geht’s wie stets, schön dass du anrufst. So geht das nämlich. Man geht ans Telefon, wenn Freunde anrufen, und nicht da sein oder so tun als ob, gildet da nicht, obwohl das ja ‚gilt da nicht‘ heißt. Mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Was ich fragen wollte: Ich hab da mal nachgedacht, ob das, was man sagt, schon vorher da ist oder erst, wenn man es sagt. Ich sag zum Beispiel „Dies ist ein schönes Beispiel für einen Fisch.“ Ist das jetzt schon vorher in meinem Kopf gewesen oder hat sich der Fisch erst beim Sprechen gebildet. Ist der Fisch in dem Satz eine Selbst-Etablierung oder ein immanent gewordenes Selbst-Sein im Werden des Sprechenden. Ihr wisst, was ich meine. Der Selbsthans und der immanente Hans. Ok. Ist nicht ganz leicht zu verstehen, ich hätte ja auch Hund sagen können oder Geräusch. Nehmen wir mal an, ich ginge über die Straße, im Konjunktiv natürlich, ich ginge also über die Straße, da käme ganz plötzlich von rechts ein Auto angeschossen, ganz genau von da, wo ich vorher natürlich hingeguckt hätte, ob da vielleicht ein Auto komme oder käme oder ich weiß jetzt nicht, vielleicht auch gekommen wäre, ich bin da mit den Konjunktiven ein bisschen auf Kriegsfuß. Hans? Ja, Hans? Was willst du uns sagen? Sprich dich ruhig aus. Nehmen wir mal an, dieses Auto hupt ganz doll, kurz bevor es mich über den Haufen führe, apropos führe, heißt das denn dann nicht auch hüpte? Das Auto hüpte, führe mich über den Haufen und während ich da so durch die Luft schleuderte, keine Angst, mir passiert ja nix, ist ja alles nur in der Möglichkeitsform, ich flöge also da durch die Luft und ganz knapp bevor ich aufkäme auf dem Kopfsteinpflaster, denkte ich mir jenen Satz, mit dem das alles angefangen hat: „Dies wird jetzt ein schönes Beispiel für ein Geräusch.“ Und dann schlage ich auf. Ist das jetzt schon vorher in meinem Innersten gewesen oder ist das Zufall. Was wäre, wenn statt meiner der Fisch geflogen käme oder der Hund. Was wäre, wenn ich überhaupt nicht über solche Dinge nachdenken würde. Wenn die Dinge einfach passierten. Oder es passierte einfach gar nichts mehr, weder in mir noch mit mir. Da will ich lieber nicht dran denken. Also, ihr wisst jetzt worum es geht. Vielleicht meldet ihr euch vor Weihnachten oder Neujahr oder nächstes Jahr Ostern, wie ihr wollt. Ich sitz hier am Telefon und warte. Ich habe Zeit.

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