Mehr Mühe

Es macht natürlich noch mehr Mühe sich vorzustellen, was die Leute vor, während und nach meiner Predigt in der S-Bahn so denken. Der Mann links neben mir, wir sitzen in Fahrtrichtung, denkt sicherlich nichts, zumindest nichts reales. Er schläft und sägt am S-Bahnast auf dem wir alle sitzen. Mir gegenüber sitzt Mimmi Muck, wenn Gesichtsausdrücke Namen bekämen, hieße ihrer Mimmi Muck, ansonsten hat sie rechts am Knie ein Loch in der Strumpfhose, von dem sie noch nichts weiß. Mimmi liest einen Groschenroman. Sie hieß Jutta, hatte lange braune Haare und ein Gemüt wie ein Pferd. Mimmi stutzt, sie hatte gedacht, Jutta sei das Pferd und nicht die Frau ihres Lieblingsarztes. Mimmi guckt fragend in die Runde und liest weiter. Als sie nochmals hochguckt, treffen sich unsere Blicke, ich lenke ihren zu ihrem rechten Knie und zucke unschuldig mit den Achseln. Dieser Tag wird für Mimmi die Hölle im Büro, sie weiß es, ich weiß es und der schnarchende Nachbar neben mir grunzt wie ein Hängebauchschwein.

Vorne rechts an der Tür steht dieser sehr nachdenklich aussehende Mensch in den etwas abgerissenen Klamotten. Er zählt für sich im Stillen die fünfzig Möglichkeiten, auf einer Bananenschale so auszurutschen, dass die Versicherung auf jeden Fall zahlt. Methode 23: Seitlich mit dem Ballen des rechten Fußes auf dem hinteren Ende der Bananenschale aufkommen und nach links weggleiten. Methode 24: Mit geschlossenen Augen vorwärtstappen, Banane finden und erschrocken vor ein Auto springen. Methode 25: Auf der gerade entdeckten Bananenschale Stepptanzen und verhaftet werden. Methode 26: Mit der Fußspitze versuchen, die Bananenschale vom Bürgersteig zu schubsen, dabei mit dem großen Zeh an einer Gehwegplatte hängenbleiben. Der Mann arbeitet meiner Meinung nach bei einem großen Versicherungsunternehmen als Versicherungsmathematiker und erstellt freudig erregt Bananenunfallstatistiken.

Francois (eigentlich Kevin), der junge Mann am Fenster, Francois sitzt immer am Fenster, Kunststudent, zur Zeit im letzten Semester von sehr sehr vielen vorhergegangenen Semestern, arbeitet gerade gedanklich an einem Portrait, dass ihn von hinten zeigt, wie er von jemandem hinter ihm beobachtet wird, der beobachtet, wie er, Francois (eigentlich Kevin), ein Bild von sich betrachtet. Und jetzt kommt’s: Francois malt das Bild, wie gesagt in Gedanken, in der Realität ist das ja gar nicht möglich, aus seiner eigenen Sicht in diesem Bild, also so, wie er das Bild von sich in seinem Bild gerade betrachtet, ohne zu wissen, dass er dabei heimlich beobachtet wird. Bei dem Gedanken, dass er etwas malen will, von dem er nicht weiß, dass es da ist, in der Metaebene aber doch weiß, dass es da ist, kommt er, Francois (eigentlich Kevin), auf den Gedanken, dass das dann ja so ist, als würde man mit sich selbst Schach spielen, sich die Züge aber nicht verraten wollen. Dass bringt Kevin bei seiner morgendlichen S-Bahnfahrt so durcheinander, dass er das Bild dann lieber doch nicht malt und auch niemandem davon erzählt.

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