Oh, seelenlose Ödnis

Hans, wir haben gehört, du hast ein Gedicht an eine Zeitung geschickt. Worum ging es denn? Wurde es veröffentlicht?
Es wurde natürlich nicht veröffentlicht, mein Stil kam nicht an. Altbacken, stand in der Absage.
Du hast eine Absage erhalten, in der ‚Altbacken‘ stand? Ehrlich, Hans? Du weißt, wir halten immer zu dir. Vielleicht liest Du es einfach mal vor, dieses Gedicht.

Oh, seelenlose Ödnis, du herrenloser Köter.
Geschwätzig bist du, tolldreist und leer.
Dein sinnloses Gehabe bedeutet mir garnix.
Oh, seelenlose Ödnis, glotzt mich aus großen Augen an.
Oh, ich muss weg.
Oh, doch nicht.
Oh, ihr verdammten Vollkornbrotfertigbackmischungen.
Oh, ihr verdammten Weihnachtsmärkte.
Oh, ihr halbgaren, ihr unausgegorenen, ihr verwinkelten Gassen meiner Jugend.
Oh, ich glaub, ich habe mich verfahren.

Hans?
Ja?
War das das Gedicht?
Ja, nein, nicht alles davon.
Oh, ich muss weg? Oh, doch nicht?
Das ist der Beginn eines epischen Gedichtes über unsere Zeit. Es handelt von unecht lächelnden Gesichtern, die mir Kaffee verkaufen wollen oder Waschmaschinen oder Küchen oder Hauswärmedämmungen oder Schokobananenshakes mit Mandelsplittern oder neue Lebenspartner mit einer Matchingqualität von 80 Prozent. Und es geht um Leute im TV, die sich zu irgendeinem TV-Thema äußern und TV-mäßig so gut drauf sind, dass sie immer wissen, wie’s geht, was geht, wie man’s macht, warum man’s macht, warum man’s nicht machen und wie man es besser machen sollte und wo man es kaufen kann. Ein Epos über Pommes Frites und wie die sich fühlen, wenn sie ohne Mayo gegessen werden. Ein Epos über etwas, dass sich nicht beschreiben lässt, weil es so sinnlos ist, dass man in Computerzeitschriften dafür Werbung macht. Und ein Epos über schlechte Zähne, falsche Ausdrucksweisen, eigenbestimmtes Leben und die Vertreibung aus dem Paradies. Ein Epos so über alles, was mir eben eingefallen ist in den letzten zwanzig Jahren.

Oh weh, du nickelfreies Leben und ihr linksgedrehten Milchsäurebakterien.
Oh graus, du hornochsiger Musikantenstadelhintergrundwald.
Oh, Haare, verlasst mich nicht.
Oh, Hüftspeck, geh wo anders hin.
Oh, knochentrockene Pfeffernüsse, seid ihr denn noch vom letzten Jahr.
Oh, kosmischer Einschlag, triff den, der die Werbung erfunden hat.
Oh, seelenlose Ödnis, du kannst mich mal.

Hans, du brauchst jetzt nicht alles vorzutragen, wir haben den Kontext verstanden.
Oh, ihr allesverstehenden Kontextbegreifer.
Wie viele Zeilen hat dein Gedicht denn so, Hans?
Oh, ungezählte Packen Papier.
Und du hast das ganze Gedicht einfach an die Zeitung geschickt, alle Strophen?
Oh, ihr Unverständlichen. Oh, ihr übertriebenen Postversandkosten. Oh oh.
Ja, das sagen wir dann auch Hans. Oh oh. Vielleicht liest du einfach draußen weiter? Oder im Keller? Ja, Hans, geh am besten in den Keller, wir kommen dann morgen mal vorbei und sehen nach dir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.