Schutzengel

Ich bin also Schutzengel, klar werden Sie sagen, kein Problem, güldenes Haar, seidig flockig, Flügel wie ein Elf, reinen Gemüts und ewig auf der Suche nach zu verhindernden Unglücken, möglich werdenden Unheilen und selbsterfüllenden Prophezeiungen: Ich wusste, dass ich in dieses Hundeexkrement trete, ich sage es dir, heute morgen beim Aufwachen wusste ich das. Und wo war da bitte der Schutzengel? Ich frage Sie, wo sind wir, wenn wir gebraucht werden? Ich kann nur sagen: Auf der anderen Seite. Treten Sie rechts in die Scheiße, wäre links dieser unbedarfte siebenundachtzigjährige Autofahrer vorbeigekommen und hätte Sie unversehens ein Stückchen mitgenommen. Fassen Sie vor Ihnen den Zebrastreifen ins Auge und marschieren drauflos, Sie sind ja im Recht, Sie haben hier die Vorfahrt, kommt unversehens dieses verflucht klebrige Kaugummi an ihrem Schuh ins Spiel, Sie bücken sich und schwupps, fliegt der Dachziegel an ihrem Kopf vorbei dem Fahrradfahrer vor genau das Vorderrad, das Sie in der nächsten Sekunde in die Kniekehle getroffen hätte. So sind wir nämlich, wir Schutzengel. Wir machen daraus kein großartiges Gewese, kein Tamtam oder Brimborium, wir fegen uns mit einem Wisch die güldenen Haare aus dem Gesicht, so dass sie locker wallend über die Schulter fallen, stürzen uns auf Sie, den Menschen mit dem potentiell schwarzen Tag, dem ewigen Freitag-den-Dreizehnten, und treffen notwendige Entscheidungen für Ihre Sicherheit. Aber, und ich muss das jetzt mal loswerden wie das so ist als Schutzengel, wir sitzen den ganzen Tag da rum, paranoid, paralysiert, weil an jeder Ecke irgendein Missgeschick droht, runter mit den Nerven, weil klar ist, dass die nächste Prüfung schon ansteht, heulend und zähneklappernd, weil es danebengehen wird, der Arm bricht, die Schulter sich auskugelt, der Magen verdirbt und es am Rücken juckt, genau an der Stelle, an der wir uns beim Autofahren nicht kratzen sollten. Alles, was Sie sich als Unglücksrabe, Pechvogel, Unfallkandidat so vorstellen, was ein Schutzengel für Sie zu erledigen hat, das erledigen wir. Wir schützen, pflegen unsere Flügel und jubilieren, den ganzen Tag, ununterbrochen für Sie, Ihre Leute, Ihre Familie, im Auftrag des Herrn. Oder haben Sie schon mal von einem schlafenden Schutzengel gehört? Auf dem Rücken liegend etwa? Wie denn bei den Flügeln? Und das kann ich Ihnen sagen, dieses ewige Jubilieren geht einem irgendwann dermaßen auf den Keks, das man es einfach nicht mehr Ernst nimmt, da ist dann kein echtes Jubilieren mehr, da ist dann ein hysterisches Herumgebrummel zu hören mit müde zusammengeklappten Engelsäuglein. Klimper, klimper. Und erst diese Haare, da soll einer mal mit klarkommen. Gülden gelockter Engel, Sie verstehen, was ich meine? Vom weißen Leibchen ganz zu schweigen. Und dann unser lebensphilosophischer Background, der lädt auch nicht gerade den Nachwuchs ein, kommt her und werdet Schutzengel. Keine Teammeetings, keine gemeinsamen Kletterpartien im Kletterwald, keine Urschreie oder Trommeltherapie in der Toskana. Gewerkschaftlich läuft da gar nichts, aber, wie sagt ER immer so nett: Der einsame Engel kriegt den Pudding, oder so. Ich will mich ja nicht beklagen, ich hätte ja auch als Amöbe wiedergeboren werden können, und im Grunde bin ich gerne Schutzengel, aber man wird doch wohl mal, ach nicht? ER meint man wird nicht? Na, wenn ER das sagt, dann muss das ja stimmen.

3 comments on “Schutzengel

  1. Kay Hüttner sagt:

    Ich kommentiere mich jetzt mal selbst, weil von einem anderen Blog entdeckt zu werden, eine ganz neue Erfahrung für mich ist. Und wenn dann noch der Hans, ja genau, der Hans, plötzlich ein Gesicht und einen wohlgeformten Körper erhält, dann bin ich ja total aus dem Häuschen. Danke an Daniela für das mit unglaublicher Ähnlichkeit gezeichnete Bild und die wirklich wirklich lieben Worte. Kay

    1. Lieber Kay,
      das „Dumme“ an deinem Blog ist ja nun, dass jeder Kommentar eigentlich hinfällig ist – außer man schreibt ständig „Jawoll!“, „Genau!“ oder „So isses!“.
      Daher die Idee mit dem Bild – und stell dir vor, ich habe es schon wieder getan. Dieses Mal nur für dich der Schutzengel.
      Das war aber das letzte Mal – ich verspreche es. 😉

      1. Kay Hüttner sagt:

        Vielleicht noch ein Indianer? Danke LG Kay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.