Von der Mühe

Von der Mühe, die ich mir mache, wenn ich mit der S-Bahn fahre, haben Sie ja keine Ahnung. Ich grüße nach Betreten des Wagens die Mitreisenden rechts und links mit einem freundlichen Hallo allerseits, wie geht’s denn so, alles in Ordnung?, und nicke den weiter hinten Stehenden zu, wissend, dass wir jetzt alle zur Arbeit müssen, wissend, dass Gemeinsames verbindet. Nicht, dass jetzt meine Mitreisenden in Begeisterungsstürme ausbrechen und sich lachend um den Hals fallen, nein, das jetzt nicht, auch lassen die Gesichter nicht den Funken von Wiedersehensfreude erkennen, ach Hallo Herr …, wie ist es Ihnen seit gestern ergangen, haben Sie Dringliches erledigt und den Abend genossen, war das nicht ein schöner Sonnenuntergang? Nein, so ist das nicht bei den Fahrten, die ich bisher unternommen habe, die letzte Fahrt gerade erst gestern, die davor war im letzten Jahr. Und doch, ich muss es zugeben, wenn ich in die S-Bahn steige, mache ich immer noch die Tür hinter mir zu, sicher, das machen nur Leute vom Land, das erste Mal in der großen Stadt, aber trotzdem, wenn ich in die S-Bahn steige, breite ich mich mit meiner ganzen Persönlichkeit aus, stelle mich den Gegebenheiten und erzähle ab und an auch einen lauten Witz: Was dichtet der herbstliche Waldläufer nach einer Stunde lächelnden Waldlaufs? Spinnenweben, die an meinen Zähnen kleben. Natürlich ist dies nicht ein Gedicht der Premiumklasse, doch selbst die kleinste Reimzeile kann, wenn richtig vorgetragen, der Erheiterung der Umwelt dienen. Gut, mag nun mancher sagen, eine S-Bahnfahrt von siebenminutendreißig ist jetzt nicht der Ort für Witze oder lange Lebensbeichten, doch wenn ich dann anhebe zu Singen, ja: zu Singen!, und zwar nicht irgendetwas, nein, die Götterfunken müssens schon sein morgens um sechsuhrzwanzig, dann ist plötzlich Aufmerksamkeit gesichert, meine Herrn, kann ich Ihnen sagen, da geht ein Ruck durch die Menge, ein Raunen hebt an und ab und zu, aber wirklich nur so ganz nebenbei, mehr aus Versehen, springt dann auch der ein oder andere Euro dabei heraus, mehr geworfen oder gezielt geschleudert zwar, direkt an den Hinterkopf und schmerzhaft, sehr schmerzhaft, aber Geld stinkt nicht, wie man so schön sagt. Gut, das mag jetzt nicht ganz passen, aber wenn ich daraufhin aus meiner Familiengeschichte vortrage und dass die Welt früher einmal anders war und dass wir einen Papst haben und einen Kaiser hatten und Gott nicht tot ist, wenn ich auf die Defizite in unserer Gesellschaft eingehe und für Moral und Gerechtigkeit und gegen Körpergeruch predige, wenn ich die Behauptung aufstelle, dass S-Bahnfahren das Hirn schädigt und Musik hören auch und Schweigen in der S-Bahn und unfreundliches Gucken und Murren und Jammern und Schimpfen, dann hab ich meine Mitreisenden fast soweit, dass sie ohne Zögern einen gemeinschaftlichen Totschlag begehen würden, spontan, unvorhergesehen, heimlich und unaufgeregt. Glücklicherweise hat jede Fahrt auch ihr Ende, sag ich mal, denn wer wollte mit solch einer Schuld leben, einem Totschlag wegen penetranter Nötigung, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Nein, nein, meine Herrn. Da gehe ich doch lieber in mich, halte den Mund und denk mir meinen Teil.

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