Wie Lord Conroy seine letzte Feder rettete

Es war im Herbst des Jahres in dem Lord Conroy Darbow Earthmyst III. vielleicht zum hundertsten Mal zu seiner Frau, die er in der Regel nur ‚Frau‘ rief, weil sie einen so langen komplizierten Namen besaß, meinte: Ich glaube, ich verliere auch noch meine letzte Feder. Wie gesagt, es war im Herbst, die letzten Blätter schon gefallen, das Wetter trübe und Lord Conroy kannte auch als Indianer kein wirkliches Mittel gegen Langeweile und Herbstdepressionen. Hinzu kam, dass seit Tagen, ach was sag ich, seit Wochen schon nichts wirklich Aufregendes mehr passiert war, Lord Conroy und mit ihm seine Frau und der ganze Stamm bereiteten sich auf einen langen, kalten, einsamen, dunklen, kalten (ich weiß, das hatten wir schon), sehr unfreundlichen Winter vor, jedenfalls wenn man Lord Conroys bestem Freund, Jimmy die Ratte, glauben schenken durfte. Jimmy die Ratte war zwar der mutigste Krieger, den Lord Conroy jemals kennengelernt hatte, aber auch der mit den schwärzesten Gedanken. Jimmy war jeden Morgen der Meinung, der aufkommende Tag würde ausschließlich Unglück, Missvergnügen und ein oder zwei gebrochene Finger bringen, abends dann tat er immer ganz erstaunt, wenn ihn jemand auf seine schwarzseherischen Fähigkeiten ansprach. Ach das? Das war doch nur heute morgen so dahingesagt.

Wie dem auch sei, an diesem Tag im Herbst entdeckte Lord Conroy, dass Indianer zwar ihre Kopfhaare nicht verlieren, aber ihre Federn. Im Grunde war es ihm schon seit Monaten bewusst, dass etwas mit seinem ehemals berühmten Adlerfederschmuck nicht stimmte. Zunächst hatte er ‚Frau‘ in Verdacht, sie würde ihm nachts heimlich die eine oder andere Feder stibitzen, vielleicht zum Kochen, dachte sich Lord Conroy, vielleicht streicht sie ja damit den Carport für den Winter (im Carport war sein Ponie untergebracht), aber mit zunehmender Abnahme seines Schmucks wechselte er zu der Idee, er selbst würde sich im Schlaf die Federn ausreißen, um den großen Erdnebelgeist damit zu kitzeln. Das kann nicht sein, erklärte ihm Jimmy die Ratte lang und breit, man könne Geister gar nicht kitzeln, oder hätte er, Conroy, jemals von einem lachenden Geist gehört? Lord Conroy nickt zustimmend und einigermaßen verunsichert, dann Jimmy, dann habe ich die Mauser.

Indianer mausern nicht, erklärte bestimmt seine Frau die Situation, bei Finnen bin ich mir da nicht so sicher, aber Indianer mausern sich nie. ‚Frau‘ war eine in der Kindheit von den Indianern geraubte Finnin, und jedes Mal wenn ihr etwas spanisch vorkam, auch wenn sie das so nie sagte, sagte sie etwas über Finnen. Ansonsten war sie mit der Zeit durch und durch Indianerin geworden, ab und zu tat sie sogar das gerne, was kein Indianer, jedenfalls keiner von denen, die sie kannte, gerne tat: Auf einem alten, trockenen Stück Pemmikan herum kauen. Vielleicht müssen die Federn ja mal gegossen werden, Conroy, was meinst du?

Conroy ging in sich, da waren es noch unübersichtlich viele hundert Federn, die ihn schmückten (Lord Conroy zählte grundsätzlich in Hunderten, das machte mehr her), wenn er denn federngeschmückt durchs Dorf wanderte. Nach einer Weile Nachdenkens war ihm klar, dass ‚Frau‘ ihn mal wieder auf die Schippe genommen hatte. Er schüttelte den Kopf, ging rüber zu Jimmy die Ratte und zeigte ihm einen Indianervogel (der genauso aussieht wie ein normaler Vogel), nee nee Jimmy, ich gieß doch nicht meine Federn, da wird doch alles nass.

An dem besagten Tag nun im Herbst des Jahres an dem Lord Conroy morgens aufwachte und auch die allerallerletzte Feder geknickt und regelrecht zerzaust an seinem ehemals berühmten Kopfschmuck nach unten hing, da endlich glaubte Lord Conroy Darbow Earthmyst III. seiner klugen Frau und ging, so wie er war nach dem Aufstehen, ohne Frühstück, ohne Pemmikan, allein und fast unbekleidet mit seinem Kopfschmuck mit der einzig verbliebenen Feder raus aus dem Tipi vorbei am Carport mit seinem Pony vor das Dorf und begann mit der in späteren Jahren immer wieder Gesprächsstoff liefernden Rettet-die-letzte-Feder-Zeremonie. Er stellte sich aufrecht hin, schüttelte, wie schon auf dem Weg zum Zeremonieplatz den Kopf, schüttelte die gereckte Faust in die Höhe, schüttelte, etwas vorsichtiger allerdings, seinen Kopfschmuck mit der einen Feder und sagte laut und deutlich, so dass auch wirklich jeder Geist, sei es nun Erd-, Wald-, Berg- oder Baumgeist es hören musste: Mist! Mhmpft! Ich will meine Feder wiederhaben.

Der erste Geist, der reagierte, war der Regengeist. Er holte tief Luft, blies die Backen auf und mit einem Rainforrestduschkopfschwall plärrte und plinkerte und regnete es wie aus Eimern genau auf die Stelle, an der Lord Conroy egal welche Art von Hilfe erfleht hatte. Gut, er hatte jetzt nicht erwartet, dass es nur ihn beregnen würde, dass alles um ihn herum, die Steppe, die Wälder, das Dorf, Jimmy die Ratte oder seine Frau trocken blieben, aber, und dafür dankte er dann dem Regengeist, die eine Feder stand wieder wie eine Eins. Nichts, niemand und auch nicht ein seltsam blöder Traum würde es jemals schaffen, diese eine letzte Feder von seinem Kopfschmuck zu lösen. Nass und zufrieden wanderte Lord Conroy erhobenen Hauptes zurück ins Dorf, eine glänzend weiße stolze Adlerfeder spendete ihm dabei den notwendigen Schatten. Genau so rettete Lord Conroy seine letzte Feder.

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