Wünsche raus

Zum Abschluss des Jahres hauen wir jetzt noch ganz schnell ein paar Wünsche raus, was Hans?
Ja, machen wir.
Dann fang doch mal an. Was wünscht du dir fürs kommende Jahr?
Ich möchte mich intensiv um mein Hobby kümmern: Die Beobachtung des Kobaltmakis in freier Natur.
Madagaskar, Hans. Da sagen wir nur Madagaskar.
Ist klar, da kenn ich mich aus.
Das denken wir uns, Hans. Den Kobaltmaki, den kennen da alle, oder?
Ja, wie jetzt, macht ihr euch über mich lustig?
Das würden wir nie tun, Hans, zumindest nicht so, dass du das merkst. Aber Kobaltmaki, Hans? Willst du da nicht nochmal drüber nachdenken? Mal ganz genau, Hans?
Kobaltmaki. Klein. Glubschaugen. Joda.
Hans. Wie heißen diese kleinen Figuren aus dem Märchen, die, die immer irgendwas anstellen? Überleg mal.
Weihnachtselfen, Zwerge, Minimanager, Kobolde?
Sehr gut, Hans, eins davon passt schon. Und jetzt bringst du das mit deinem Wunsch fürs nächste Jahr zusammen.
Weihnachtszwerge beobachten auf Madagaskar? Das ist nicht euer Ernst. Minielfen ausspähen? Koboldemakis sammeln?
Fast, Hans, fast. Aber ok. Was hast du noch für Wünsche?
Nö, jetzt will ich nicht mehr.
Na, komm schon. Einen Wunsch hast du noch.
Einmal im Leben ein Kreuzworträtsel komplett lösen. Und Sudoku.
Sudoku, Hans. Was stellst du dir darunter vor?
Kämpfe, anstrengende Kämpfe im weißen Anzug, mit Tritten ans Schienbein und schwarzem Gürtel.
Das nennt sich Judo, Hans.
Ja genau, das meine ich. Und das ist in diesen Sudoku-Heften drin?
Hans, in den Sudoku-Heften ist Sudoku drin, draußen in der Welt macht man Judo.
Und Oregami und Peddingrohrflechten?
Ja, Hans. Auch das macht man da draußen.
Und Bungi-Jumpin?
Oh, mein Gott.
Und Flummi und Flauschi und Waschi und Wischi mit Moppi?
Sonst noch einen Wunsch, Hans?
Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gulasch für alle und Happieness all over the World.
Hans, manche Menschen sind Vegetarier.
Ja, die auch. Die sollen sich auch Wohlgefallen.
Danke, Hans. Danke, dass du deine Wünsche mit uns geteilt hast.
Keine Wasserrohrbrüche, allzeit freie Sicht auf den Eifelturm und immer Kohle aufm Teller.
Oder Tassen im Schrank, Hans. Du hast nicht alle…
Grüne Seife. Für jeden ein Stück grüne Seife, ein Stück Fisch und immer einen Kiel Wasser über dem Boden. Das aber nur für Segler.
Hans?
Lammfellgefütterte Hausschuhe von ehemals glücklichen Lämmern.
Tschüs.
Ewig einen guten Gruß parat. Keine Wollmäuse und eine staubsaugerfreie Welt.
Schluss jetzt.
Immer das letzte Wort. Das wünsch ich mir. Immer das letzte Wort.
Sollst du haben, Hans.
Danke.

Seelenquetsche

Hans! Wir haben von deiner neuesten Ode gehört, worum geht es denn diesmal?
Ach, ich habe mir Gedanken über den Schlaf gemacht.
Wie wunderbar, wie zauberhaft, Hans. Möchtest du uns nicht an deinem Gedankengut teilhaben lassen?
Ihr seid wirklich zu nett heute, aber wenn es denn sein soll. Hier also meine neueste Ode mit dem Titel: Oh Schlaf, du große Seelenquetsche.

Oh Schlaf, du große Seelenquetsche, du lutscht mir aus der Seele. Den Traum selbstverständlich.
Oh Schlaf, du Waghalsiger, machst alles immer gut und schön. Ich bin ein heldenhafter Geck, ein Clown, ein fröhliches Murmeltier, ein Baustein des Lebens, ein singender Amöbenchor. Im Traum da bin ich.
Oh Schlaf, du großartiger Gleichmacher, hältst Schritt, hältst Tritt, und morgens weiß ich (nach einem Blick in die Zeitung) welchem Politiker ich trauen darf.
Oh Schlaf, du längster aller Dagewesenen, du immer vorhandener, du immer fehlender. Ohne dich bin ich, bin ich, äh, so müde.
Oh Schlaf, du Ok-Macher, du Gutmensch, du Besserwisser, du einzigartigster Schlaubatz. Machst mich schöner (was kaum noch geht), intelligenter (geht gar nicht mehr) und reicher (geht noch). Glücklich machst du und weißt immer einen Ausweg.
Oh Schlaf, du außerplanmäßiger Alptraum (mein Traum von den Alpen) oder Albtraum, der von dem Alb, dem grausamen, dem verhöhnenden. Ja, ja, der Alb, der gruselige, der grauhaarige, der nächtliche. Der vertreibt die Sorgen durch Angst und böse Grimmassen.
Oh Schlaf, du alter Schwerenöter, du Schlafsack und du Liebestöter (du graue, lange, flauschig weiche Angora-Unterhose, du). Du warmer Bruder.
Oh Schlaf, du Diederich der Nacht, du Türöffner, du heimlicher. Du guckst und lugst und machst dich um die Ecke und siehst Dinge, die dich einfach nichts angehen, du schlimmer Finger, du.
Oh Schlaf, du treues Schaf, mein Freund, mein Liebling.
Oh Schlaf, du seltsam angehauchter. Ich muss jetzt immer öfter müssen müssen. In der Nacht. So zwischen zwei und vier. So’n Mist.

Danke Hans, danke, danke, danke. So haben wir das bisher nicht gesehen, das mit dem Schlaf. Wir haben da eher mehr so, also, geschlafen.
Bitte, da nich für.

Das wird schon

Das wird schon, das mit dem Weihnachtsfest, dachte der Dachs, als er in der Schneewehe feststeckte da in Frankreich in dieser Gegend im Süden in der die Dachse zu nichts weiter gut sind als zu Dachshaarrasierpinseln verarbeitet zu werden. Wird schon, wiederholte der Dachs und raufte sich sein letztes langes Dachshaar.

Das wird schon, sprach das Faultier, nach dem Zusammenstoß mit dem Baum, wird schon. Ich glaube, ich bin einfach zu schnell losgehangelt.

Das wird schon, sprach der Zauberer und stopfte das Kaninchen zurück in den Hut zu den Tauben, den Blumensträußen, dem Elefanten, dem Blauwal und dem Buckinghampalast mitsamt der königlichen Familie und den Hunden von der Queen.

Das wird schon, überlegte der Präsident, nachdem jemand herausgefunden hatte, dass er in seiner Jugend nackt auf einem Motorrad durch Indien gereist war. Und bei einem Boxkampf mit einem Känguru einen Schneidezahn eingebüßt hatte. Und nicht schwimmen konnte. Und Angst vor Spinnen hatte. Und vor Clowns. Wird schon, sprach der Präsident und erinnerte sich, dass er auch noch an den Weihnachtsmann glaubte.

Das wird schon, meinte der Mann der Frau ihrer Schwester ihrem Bruder zu dem Sohn des Onkels seines Nachbarn, als dieser versuchte mit einer Gabel den Weihnachtsmann zu pieken.

Das wird schon, sprach der Psychologe und nahm die Axt.

Das wird schon, sprach der Weihnachtsmann, nachdem er alle Geschenke bis auf zwei verteilt hatte und auf seinem Zettel noch drei Wünsche fand.

Das wird schon, sprach Gott, als er sah, was man mit Knetgummi noch alles so machen konnte.

Das wird schon, das nächste Jahr.

Quietscheentchen macht rüber

Wenn ich mich mit Quietscheentchen unterhalte, dann…
Moment, Hans. Du hast ein Quietscheentchen und das kann sprechen?
Selbstverständlich kann Quietscheentchen sprechen, warum sollte ich mich sonst mit ihm unterhalten?
Danke für die Aufklärung, Hans. Von unserer Seite aus ist alles klar, wir haben verstanden.
Wenn ich also meinen abendlichen Plausch mit Quietscheentchen halte, dann…
Worüber redet ihr denn so, Hans? Mehr privat oder eher beruflich?
Was soll ich denn bitte mit Quietscheentchen beruflich besprechen? Quietscheentchen ist mein Freund!
’schuldigung Hans, das hatten wir jetzt nicht gleich realisiert. Tut uns leid.
Also Quietscheentchen meinte neulich abends zu mir, es könne das jetzt alles nicht länger ertragen, es möchte sich noch einmal gründlich aussprechen und dann rüber machen. Ich habe daraufhin gemeint, dass…
Hans? Was ist denn dieses ‚alles‘, das dein Quietscheentchen nicht mehr ertragen kann? Und wo ist ‚rüber‘?
Quietscheentchen will nach Osten, ganz ganz weit nach Osten. Ganz ganz ganz weit.
Dann ist es wieder im Westen.
Genau das hab ich ihm auch gesagt. Irgendwann ist es wieder hier, nur von der anderen Seite eben. Aber das war ihm egal, Hauptsache erst mal weg. Wegen Wetter, Umweltverschmutzung, Gebührenanhebungen für Müll und Kita und wegen der allgemeinen Stimmungslage. Die sei so super unecht positiv.
Und warum will Quietscheentchen denn nun wirklich weg? Hat es Kummer oder Sorgen? Können wir helfen?
Quietscheentchen hat Liebeskummer, das habe ich jedenfalls so verstanden. Und irgendwas mit einem Frosch.
Ach wie süß, verliebt in einen Frosch.
Nee, so nicht, der Frosch ist der Rivale. Wie bei Romeo und Julia.
Äh, Hans? Von welchem Romeo und Julia sprichst du denn? Gibt’s da noch eins?
Ja, dieses mit Oh, Romeo! und Oh, Julia! und am Schluss sind alle tot.
Da stirbt aber kein Frosch.
Ach, hört doch auf. Natürlich spielt da ein Frosch mit. Denn küsst Julia dann. Weiß doch jeder. Na, jedenfalls hat Quietscheentchen sich wohl in einen Schraubenzieher verliebt, der angeblich eine Liaison mit diesem Frosch hat.
Und der Frosch heißt?
Dietmar. Ich weiß, ist ein seltsamer Name für einen Frosch, aber so ist es. Und nun ist Quietscheentchen weg.
Wie weg? Die ist schon auf dem Weg nach Osten? Wie weit ist sie denn gekommen? Hast du irgendeine Nachricht?
Leipzsch.
Leipzsch?
Leipzig, Hauptbahnhof, von da in den Zug nach Moskau über Berlin und Brest.
Das ist jetzt sehr weit Osten, Hans.
Das hab ich Quietscheentchen auch gesagt und gleich ein Paar Gummistiefel, Handschuhe und einen Taschenofen eingepackt.
Taschenofen hilft immer, Hans. Danke für das Gespräch und Gruß an Quietscheentchen.

Wer das A erfunden hat?

Manchmal, wenn ich morgens aufwache, weiß ich für einen kurzen Augenblick einfach alles, das ist so eine Gabe. Ich kenne die Namen aller walartigen Tiere und wie viele Haare ein ordentliches Opossum auf der Nase hat. Ich weiß die Anzahl aller jemals unangenehm aufgefallen Menschen und ihre Wohnorte, und ich weiß, warum Gott die Schönheit erfunden hat. Ich rede nicht viel darüber, aber so ist es. Ich weiß das alles und zusätzlich kommen mir noch Gedanken, die ich sonst nicht habe. Zum Beispiel dicke Brüder. Ich mach die Augen auf und stelle mir vor, ich hätte einen Haufen dicker Brüder, die auf Fotos genauso aussehen wie ich. Nicht geklont oder zwillingsmäßig identisch aussehend, nein, eher gleiche Größe, gleicher Umfang, gleicher erster Eindruck: Meine Güte, was für ein Haufen dicker Brüder! Mit dicken Brüdern, stelle ich mir dann vor, lässt es sich einfach besser durchs Leben wandeln als mit dünnen. Nicht das ich wirklich voluminös aufgebläht wäre, ein Fast-Food-Junkie oder Mehlspeisenliebhaber, gezuckerte, in Fett gebackene Mehlspeisen, wie es sie gerne auf Jahr- und Weihnachtsmärkten gibt, nein, so bin ich nicht, aber eben auch nicht total super dünn (dieses John-Lennon-in-seiner-nach-Beatles-Zeit-Dünn-Sein oder einfach-nur-Dünn-Sein). Vollschlank, mich gibt es doppelt sind so Begriffe, die mir da durch den Kopf schwirren, und da wäre eben ein Haufen dicker Brüder wirklich hilfreich, ich, einer unter vielen Dicken sozusagen. Aber das nur so nebenbei. Eigentlich wache ich morgens auf und weiß, wer das A erfunden hat, wirklich. Das war nämlich so. Wie jetzt groß oder klein? Das große oder kleine A? Was ist das denn für eine Frage? Selbstverständlich beide von demselben. Warum sollte dieser Inder, der es schließlich gewesen ist, nur das große A erfinden? Also, dieser Inder ging wie immer und wie alle Inder zu jener Zeit sprachlos über die Straße (weil das A ja noch nicht erfunden war) und trat in einen sehr großen Haufen Kuh-A-A, meinetwegen auch Kuh-a-a, ist auch egal. So jedenfalls wurde das A erfunden: Ah, Mist! Ob das ein dicker Inder gewesen ist? Keine Ahnung, und wie der hieß, weiß ich auch nicht. Das B? Soweit ich weiß, suchte jemand einen Namen für einen dieser großen wollig-wuscheligen Hunde mit dem Knuddelkopf, genau, Bernhardiner. Moment, das mit dem A könnte auch jemand anderes gewesen sein, ich glaube, dieser Inder hatte das I erfunden, das I-Gitt. Er trat in diesen Haufen und fand das I-Gitt. Oder war es das I-Ging? Das ist das Problem mit meiner Gabe, sie ist immer nur ganz kurz da, morgens. Und dann ist sie wieder weg.

Fabelhaftes Faultier

In mir drin brennt das Feuer der Leidenschaft, ich bin ein Vulkan kurz vor der Explosion, ein Tänzer, ein Haschmich, ein Poet, eine Rhythmusmaschine. Wenn ich meinen geschmeidigen Körper durch die Bäume jage, hält mich nichts auf, außer gelegentlich der Gedanke, ich sei festgewachsen oder aus Versehen eingeschlafen, Sie verstehen, was ich meine. Ich lächle, wissen Sie. Neulich erst habe ich im Vorbeihangeln ein Chamäleon angerempelt, da habe ich auch gelächelt. Mein Frau nennt mich einen fixen Lächler, verrückt oder?

Ich brauche Freiraum, das Gefühl, tun zu können, was ich will und wann ich will, die Entscheidungshoheit: Hangel ich direkt im Anschluss an diese Armbeugung nach links oder nach rechts oder warte ich erst auf mein Bein? Koordinationsfähigkeit sichert das Überleben im Dschungel, genauso wie ein geregelter Tagesablauf oder Pünktlichkeit bei Verabredungen, meint auch meine Frau. Und gerade erst gestern hat sie mich darauf hingewiesen, dass an dieser Astgabel, vor der ich hier herumhänge, rechts vor links gilt. Ich frage mich nun, ob ich gestern von links gekommen bin und ob oben oder unten auch eine Rolle spielen. Na, macht nix, klettere ich einfach drum rum.

Meine hervorragendste Eigenschaft neben Durchsetzungsvermögen ist Dynamik. Ich sehe ein Blatt oder auch zwei oder drei und weiß sofort nach spätestens einer halben Stunde, dass das was für mich gewesen wäre, dieses Blatt, meine ich. Und schnapp, kurz bevor ich zugreifen will, ist schon wieder Herbst im Dschungel und das Blatt abgefallen oder der Baum ist urplötzlich in die Höhe geschossen und das Blatt nicht mehr an der von mir erwarteten Stelle. Hier drehst du dich einmal um, und schwupps umzingelt dich eine Horde Lianen. Grausam kann er sein, der Dschungel, mal ehrlich.

An Weihnachten trage ich traditionell Weihnachtsmannmütze, allein der Kinder wegen, gedanklich bin ich aber schon bei Ostern und der Frage, wo ich die Ohren hingelegt habe, die vom Hasenkostüm. Kaum hab ich mir in der ganzen Hektik die Weihnachtsmütze vom Kopf gerissen… Ostern war schon, sagen Sie, ah, erst gestern, na dann beeil ich mich mal lieber. Manchmal habe ich das Gefühl als lebte ich in einem Paralleluniversum, kennen Sie bestimmt, oder?

Die Welt ist anders

Seit kurzem weiß ich, dass die Welt da draußen anders ist, als die Welt in mir drin, oder, ich sollte es genauer beschreiben, die Welt auf mir drauf, ganz genau gesagt: die Welt, wie sie sich auf meinem außerordentlich behaarten rechten Arm darstellt. Gut, werden jetzt die Leute sagen, gut, dass es diese Welt auf seinem rechten Unterarm gibt und dass sie sich von der Welt auf seinem rechten Oberarm unterscheidet. Unten herrscht das Chaos, das Urwüchsige, Haar dicht gedrängt mit einer Mindestlänge von einem Zentimeter, sehnig der Arm, knochig sogar. Eine Urwalddschungel mit subtropischem Klima, behaart bis rauf auf die untere Hälfte der Finger (mein Gott, wie furchtbar behaarte Hände). Oben aber, wo bei anderen der eine oder andere Muskel spielt, herrscht eine traurig verwahrloste Haarlosigkeit wie auf den Gipfeln dieser vom sauren Regen abgeholzten Berge, vereinzelte, grausam lang herausgewachsene, sich lianenartig windende, dunkle Haare begegnen einander und grüßen sich im Vorbeiwachsen: Hallo? Du auch hier? Dich hätte ich ja als letztes erwartet! Ja, dort oben in den Gebirgsregionen meines rechten Armes, wo eigentlich nichts mehr ist außer Kargheit und Kahlheit und wo die Muskeln so tun als sei das Leben ein Ponyhof. Gut, werden jetzt wiederum andere sagen, ab hier lese ich nicht weiter, das reicht. Da kann ich nur erwidern, die Wahrheit über das Leben und das alles, den großen Plan, die alles durchblickende Übersicht, die Klarheit, die Eindeutigkeit, die wichtigsten Informationen über den letzten Lauf der Dinge, das findet man natürlich nicht in diesem Haardschungel auf meinem Unterarm. Weder unten noch oben liegt tatsächlich die Wahrheit. Das nicht, nein, die Wahrheit liegt da nicht herum, aber zum Beispiel Kekskrümel. Und Brötchenkrümel und Hundesabber und Seife und neue Schweißtröpfchen und alte und Wollfusel und sonstige Fusel und andere Fusel, die weder Woll- noch sonstige Fusel sind. Und Staub und kosmische Strahlung, auf meinem Unterarm hat sich mittlerweile dermaßen viel kosmische Strahlung angesammelt, die könnte ich duzen oder verkaufen oder als Sensation im Fernsehen auftreten lassen.
Und manchmal, wenn ich so vor mich hin sinniere, lautlos am Grübeln bin und einfach nur die Flecken auf der Tapete zähle oder die Haare auf meinem Unterarm, halte ich meinen Arm ganz dicht an mein Ohr und lausche, ob ich nicht doch die eine oder andere Wahrheit zu hören bekommen, ein Knistern nur oder ein Flunkern zwischen diesem dichten Haarbewuchs. Aber nein, nichts. Gar nichts. Bis auf neulich. Da sagte mein Arm ganz plötzlich laut und deutlich: Robert, komm jetzt, das Essen ist fertig. Und lass das jetzt mit dem Arm, die Ravioli werden kalt.

Kurze Gespräche

Und? Wie war’s? Wie, wie war’s? Das geht dich gar nichts an. Ich frag dich ja auch nicht, wie’s war. Frag doch. Nee, mach ich nicht. Mach doch mal, trau dich. Ok. Wie war’s? Erst Du.

Was ich machen würde, wenn ich ganz viel Geld hätte? Ich würde mir zunächst einmal keine Sorgen mehr über Geld machen, oder halt, ich würde mir als erstes Sorgen über mein Geld machen. Man weiß ja nie.

Das eine Kleeblatt zum anderen Kleeblatt (die beiden gegenüberliegenden Kleeblätter von einem vierblättrigen Kleeblatt): Ich fühle mich in unserer Beziehung irgendwie eingeengt. Ach? Ja, seit wir hier zu viert sind, ist viel zu wenig Platz.

Wenn ich reich wäre, würde ich als erstes, äh, Pommes mit Mayo bestellen. Wenn ich reich wäre, würde ich mir überlegen, wie ich die Welt zu einem besseren Platz für uns alle machen könnte, wie ich die Politik so beeinflussen könnte, dass sich das Klima total und automatisch sofort verbessert, und ich würde versuchen, jemanden zu finden, der alle Krankheiten dieser Welt heilt. Und dann? Dann würde ich Pommes mit Mayo bestellen. Na, da bin ich ja beruhigt.

Ich liebe dich viel mehr als du mich. Nee, ich dich auch.

Du Schatz? Ja, Schatz? Ich möchte dieses Jahr nicht schon wieder Socken zu Weihnachten, ok? Mist.

Begegnen sich zwei Gartenzwerge. Mein Gott, bist du kurz! Du mich auch.

Eszett-Burt

Burt war neulich dreizehn geworden. Das lastete schwer auf ihm. Er hasste seinen Namen, seinen Lehrer in Mathe und die Deutschlehrerin triezte er gerne mit dem Tick, dass er niemals wieder im Leben in einem Wort mit einem Eszett das Eszett als Eszett aussprechen würde, niemals. Aber Burt, reagierte seine Lehrerin ruhig und gelassen, so wie es die Schulvorschriften für vorlaute Schüler vorschrieben, Burt, niemand spricht das Eszett als Eszett aus. Burt antwortete wissend, so als hätte er dieses Argument erwartet und sich lange auf dieses Gespräch vorbereitet: Es gibt Leute, die sagen (und meinen) Mexico Sitie, wenn es Mexico City heißt, und gegen die will ich mich abheben. Die Lehrerin erwiderte Burts Ausführungen mit einem ebenso zurückhaltenden wie überzeugend nickenden Nein. Das war ihre Spezialität. Niemand in der Schule war in der Lage, ein so überzeugendes Nein zu nicken. Das führte bei ihren Schülern regelmäßig zu Verwirrung über den Sinn und Unsinn von Ja und Nein und Nicken und Kopfschütteln, so dass einige Eltern bei den Elterntagen um Unterlassung baten: Tun Sie das nicht, nicken Sie nicht, wenn Sie etwas verneinen oder nicht wollen oder ablehnen oder dagegen sind. Nicht nicken, bitte, mein Kind bekommt davon Bauchschmerzen und Denkkrämpfe.

Aber zurück zu Burt und seinem tapfer aufrechten Kampf gegen das Eszett. Was sollte er gegen eine Nein nickende, insgeheim lieblich lächelnde Lehrerin unternehmen? Nichts, riet seine Mutter, tue nichts und sprich das Eszett so aus, wie du es möchtest. Tue etwas Unerwartetes, meinte sein Vater, den die Ideen seines Sohnes entfernt an eigene Schulerlebnisse erinnerten. Mach etwas, womit die Lehrerin auf keinen Fall rechnet.

Im Anschluss an die nächste Konfrontation mit seiner Lehrerin sagte daraufhin Burt: Ich liebe dich. Das kam so unerwartet, dass die Lehrerin mitten im Nicken stockte, kurzfristig echauffiert war, was die Schüler nicht bemerkten, weil sie mit dem Begriff Echauffieren nicht viel anfangen konnten. Dann erwiderte sie: Ich dich auch, Burt, glaub mir, ich dich auch. Burt war für diesen Tag der Held der Schule, der Geliebte der Deutschlehrerin und der einzige Schüler, der den Eszett-Übungssatz: Darf das das? Dass das das darf? ohne jegliche Betonung aussprechen durfte. Soweit dazu.

Trottellumme Walter

Die Trottellumme Walter
hatte für ihr Alter
ziemlich viel getrunken,
beim Weihnachtsmarkt um acht,
beschwingt und unbedacht.

Und während Walter Glühwein kippte,
seine Gisela den Schnee wegschnippte,
das kleine Häuschen schmückte,
frische Entengrütze pflückte,
heiße Weihnachtsklöße kochte,
die Walter so sehr mochte.

Walters aktuelle Weihnachtsprognose:
Das geht noch furchtbar in die Hose.
Ich gucke immer schiefer
und sinke immer tiefer,
die Lichter werden bunter,
Weihnachten geht unter.

Und, als hätte Gott ihre Stimme erschaffen,
hörte man Gisela ganz hässlich blaffen.
Und durch die ganze Gegend schallt er,
Giselas Ruf nach Trottellumme Walter.

Sturzbetrunken im Weihnachtsmannkostüm,
sehn wir Walter sich nach Hause bemühn.
Er wankt nach links, rechts, fällt auf die Nase,
nix passiert, flink wie ein Hase,
ist Walter wieder auf den Beinen,
die nicht die seinen scheinen.

Und plötzlich weckt ihn diese Stimme,
eine liebe, brave, keine schlimme:
Walter! Du musst aus deinem Traum aufwachen,
die Kinder wollen Bescherung machen.
Ehrlich? Ist es nicht gelogen,
mein Rausch ist einfach so verflogen?
Ich bin gar nicht so tief gesunken,
ich war gar niemals nicht betrunken!

Ein Blick aus Walter Augen, Farbe Mauve,
dackelblöd, treuliebend und doof,
dachte, er kricht jetzt einen auf die Haube,
wie schön ist doch der Weihnachtsglaube,
egal wie schlimm es einen trieb,
Heiligabend ham sich alle lieb.