Die Welt ist anders

Seit kurzem weiß ich, dass die Welt da draußen anders ist, als die Welt in mir drin, oder, ich sollte es genauer beschreiben, die Welt auf mir drauf, ganz genau gesagt: die Welt, wie sie sich auf meinem außerordentlich behaarten rechten Arm darstellt. Gut, werden jetzt die Leute sagen, gut, dass es diese Welt auf seinem rechten Unterarm gibt und dass sie sich von der Welt auf seinem rechten Oberarm unterscheidet. Unten herrscht das Chaos, das Urwüchsige, Haar dicht gedrängt mit einer Mindestlänge von einem Zentimeter, sehnig der Arm, knochig sogar. Eine Urwalddschungel mit subtropischem Klima, behaart bis rauf auf die untere Hälfte der Finger (mein Gott, wie furchtbar behaarte Hände). Oben aber, wo bei anderen der eine oder andere Muskel spielt, herrscht eine traurig verwahrloste Haarlosigkeit wie auf den Gipfeln dieser vom sauren Regen abgeholzten Berge, vereinzelte, grausam lang herausgewachsene, sich lianenartig windende, dunkle Haare begegnen einander und grüßen sich im Vorbeiwachsen: Hallo? Du auch hier? Dich hätte ich ja als letztes erwartet! Ja, dort oben in den Gebirgsregionen meines rechten Armes, wo eigentlich nichts mehr ist außer Kargheit und Kahlheit und wo die Muskeln so tun als sei das Leben ein Ponyhof. Gut, werden jetzt wiederum andere sagen, ab hier lese ich nicht weiter, das reicht. Da kann ich nur erwidern, die Wahrheit über das Leben und das alles, den großen Plan, die alles durchblickende Übersicht, die Klarheit, die Eindeutigkeit, die wichtigsten Informationen über den letzten Lauf der Dinge, das findet man natürlich nicht in diesem Haardschungel auf meinem Unterarm. Weder unten noch oben liegt tatsächlich die Wahrheit. Das nicht, nein, die Wahrheit liegt da nicht herum, aber zum Beispiel Kekskrümel. Und Brötchenkrümel und Hundesabber und Seife und neue Schweißtröpfchen und alte und Wollfusel und sonstige Fusel und andere Fusel, die weder Woll- noch sonstige Fusel sind. Und Staub und kosmische Strahlung, auf meinem Unterarm hat sich mittlerweile dermaßen viel kosmische Strahlung angesammelt, die könnte ich duzen oder verkaufen oder als Sensation im Fernsehen auftreten lassen.
Und manchmal, wenn ich so vor mich hin sinniere, lautlos am Grübeln bin und einfach nur die Flecken auf der Tapete zähle oder die Haare auf meinem Unterarm, halte ich meinen Arm ganz dicht an mein Ohr und lausche, ob ich nicht doch die eine oder andere Wahrheit zu hören bekommen, ein Knistern nur oder ein Flunkern zwischen diesem dichten Haarbewuchs. Aber nein, nichts. Gar nichts. Bis auf neulich. Da sagte mein Arm ganz plötzlich laut und deutlich: Robert, komm jetzt, das Essen ist fertig. Und lass das jetzt mit dem Arm, die Ravioli werden kalt.

2 comments on “Die Welt ist anders

  1. Lieber Kay,
    vielen Dank, dass Du meinen Bauchmuskeln den Ponyhof austreibst…
    Liebe Grüße,
    Daniela

  2. Kay Hüttner sagt:

    Ich glaube manchmal, ich habe einen Hackenschuß, so nennt man das hier im Norden, das mit den Unterarmen und Oberarmen und so…
    Danke und Tschüs,
    Kay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.