Eszett-Burt

Burt war neulich dreizehn geworden. Das lastete schwer auf ihm. Er hasste seinen Namen, seinen Lehrer in Mathe und die Deutschlehrerin triezte er gerne mit dem Tick, dass er niemals wieder im Leben in einem Wort mit einem Eszett das Eszett als Eszett aussprechen würde, niemals. Aber Burt, reagierte seine Lehrerin ruhig und gelassen, so wie es die Schulvorschriften für vorlaute Schüler vorschrieben, Burt, niemand spricht das Eszett als Eszett aus. Burt antwortete wissend, so als hätte er dieses Argument erwartet und sich lange auf dieses Gespräch vorbereitet: Es gibt Leute, die sagen (und meinen) Mexico Sitie, wenn es Mexico City heißt, und gegen die will ich mich abheben. Die Lehrerin erwiderte Burts Ausführungen mit einem ebenso zurückhaltenden wie überzeugend nickenden Nein. Das war ihre Spezialität. Niemand in der Schule war in der Lage, ein so überzeugendes Nein zu nicken. Das führte bei ihren Schülern regelmäßig zu Verwirrung über den Sinn und Unsinn von Ja und Nein und Nicken und Kopfschütteln, so dass einige Eltern bei den Elterntagen um Unterlassung baten: Tun Sie das nicht, nicken Sie nicht, wenn Sie etwas verneinen oder nicht wollen oder ablehnen oder dagegen sind. Nicht nicken, bitte, mein Kind bekommt davon Bauchschmerzen und Denkkrämpfe.

Aber zurück zu Burt und seinem tapfer aufrechten Kampf gegen das Eszett. Was sollte er gegen eine Nein nickende, insgeheim lieblich lächelnde Lehrerin unternehmen? Nichts, riet seine Mutter, tue nichts und sprich das Eszett so aus, wie du es möchtest. Tue etwas Unerwartetes, meinte sein Vater, den die Ideen seines Sohnes entfernt an eigene Schulerlebnisse erinnerten. Mach etwas, womit die Lehrerin auf keinen Fall rechnet.

Im Anschluss an die nächste Konfrontation mit seiner Lehrerin sagte daraufhin Burt: Ich liebe dich. Das kam so unerwartet, dass die Lehrerin mitten im Nicken stockte, kurzfristig echauffiert war, was die Schüler nicht bemerkten, weil sie mit dem Begriff Echauffieren nicht viel anfangen konnten. Dann erwiderte sie: Ich dich auch, Burt, glaub mir, ich dich auch. Burt war für diesen Tag der Held der Schule, der Geliebte der Deutschlehrerin und der einzige Schüler, der den Eszett-Übungssatz: Darf das das? Dass das das darf? ohne jegliche Betonung aussprechen durfte. Soweit dazu.

One comment on “Eszett-Burt

  1. Fast, ja fast hätte ich bei der Lektüre einen Denkkrampf bekommen – doch dann nickte ich einfach. Nein, bei diesem Übungssatz hätte ich auch die Betonung verweigert.
    Ich liebe Dich.
    😉

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