Der letzte Sommertag

Ich ging also in diesen Laden rein und fragte, ob sie noch einen letzten Sommertag hätten. Er, der Chef, neben ihm seine Frau Ilse, schüttelte bedauernd den Kopf, hier gäbe es nur Nägel, Schrauben und Beschläge, oder Ilse? Ilse nickte und bestätigte. Aber vielleicht noch im Keller irgendwo, ganz hinten unten rechts, da wo es schon muffig riecht, da liegt vielleicht noch einer? Nein, schüttelte er wieder den Kopf, etwas weniger bedauerlich, oder Ilse? Ilse nickte bestätigend. Oben im Regal vielleicht, hinter den Ersatzteilen für Bügeleisen und Elektrorasierer? Gucken Sie doch mal da, ich bräuchte nur einen letzten Sommertag, das wäre es dann auch schon. Er, im mittleren älteren Alter streckte seinen Rücken durch und meinte freundlich aber bestimmt ablehnend: Wir führen keine letzten Sommertage, wir machen in Schrauben, Eisenteilen und Kleinteileelektronik, was meinst du, Ilse? Ilse bestätigte mit einem Nicken. Und unterm Tresen? Vielleicht haben Sie noch einen letzten Sommertag unterm Tresen und wissen das gar nicht, nur einen Blick bitte. Er blickte, schüttelte den Kopf, sah seine Frau Ilse an, die auch noch mal nachschaute und ebenfalls bestätigend verneinte. Wir haben keine letzten Sommertage, haben wir auch nie gehabt, kriegen wir auch nicht mehr rein, zu wenig Nachfrage. Ich bräuchte nur einen einzigen, es kann auch gerne ein gebrauchter sein oder einer vom Vorjahr. Es muss jetzt auch kein Top-Modell sein, nur der letzte Sommertag, das müsste er schon sein. Was ist nun? Letzte Sommertage sind aus. Futschikato, verstehen Sie? Nada, nicht da, nix gut, wech, alle letzten Sommertage sind wech, oder Ilse? Ilse zuckte bedenklich missverständlich mit ihrer linken Schulter. Sehn Sie, ich wusste es doch, irgendwo haben Sie noch einen letzten Sommertag, vielleicht sogar etwas günstiger, mit ein bisschen Rabatt? Ilse übernahm jetzt langsam das Kommando in unserem kleinen Verhandlungsmarathon und verzog ihre bisher herabhängenden Mundwinkel zu einem Anflug von einem Lächeln. Dann stieß sie ihrem Mann einen Ellenbogen in die Seite: Nun hol ihn schon, den letzten Sommertag, gibt ja nicht so viele, die danach fragen. Eben, meinte er, genau deswegen. Er griff kurz und knapp unter den Tresen, dahin, wo er noch vor zwei Augenblicken völlig unbedarft nicht ein Fitzelchen von letztem Sommertag gesehen haben wollte und zog ihn hervor. Bitte, unser letzter, wirklich allerallerletzter Sommertag. Natürlich hätte ich ihn unbesehen sofort genommen, ich hätte ein Vermögen für ihn bezahlt, aber, nur um den Schein zu wahren, begutachtete ich ihn von allen Seiten, hob ihn hier ein wenig an, wertschätzte ihn, prüfte wie beim Pferdekauf die Zähne und zog meine Stirn kraus, um mir eine Anmutung von professionellem Letzter-Sommertag-Skeptizismus zu geben. Ich kaufe natürlich nicht jeden letzten Sommertag einfach so und meinte trocken: Die Ecke da hat einen Knick, oben drauf ist er etwas abgeschabt und links sieht er aus, als sei er schon mal vom Tresen gefallen. Was wollen Sie denn dafür haben? Er blinzelte und prüfte meine Aussagen, zögerte links, täuschte rechts, wackelte mit dem Kopf, nickte und puhlte mit den Fingern an der abgeschabten Stelle und blickte schließlich fragend in Ilses unerschütterliches Kleinteilehändlergesicht: Fünf? Fünf. Ok, ich nehme ihn.

Ich glaube, es hat noch nie jemand einen letzten Sommertag für fünf ergattert, ich glaube sogar, fünfzig wären nicht ausreichend gewesen, aber, was soll ich sagen, ich griff zu, ging vor die Tür und ließ ihn frei. Dann setzte ich mir meine Sonnenbrille auf und beobachtete, wie er langsam dahinging. Er war wirklich ein sehr schöner letzter Sommertag.

3 comments on “Der letzte Sommertag

  1. Ich glaube, ich war auch schon einmal in diesem Laden…
    Vielleicht gibt es ja bald erste Frühlingstage?

  2. handtaschenfurz sagt:

    Schööööne Geschichte ! Aus Lüneburg schicken wir euch einen sonnigen Sonntag! Wir fahren gleich nach St. Peter und fangen etwas Sonne ein – sicherheitshalber, denn der Winter ist noch lang! Sollen wir euch eine Tüte voll mitbringen? Wir könnten sie auf der Rückfahrt kurz vor Hamburg rauslassen…

  3. schindelschwinger sagt:

    hubseilsenknotendhalteinrichtung…das kommt aus der baubranche (gesprochen: brangdschje) – haben die sowas auch im regal? mit betonung auf *endhalt* und am besten auch in englischer übersetzung. dann wäre das wirklich ein spitzenladen

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