Warten

Die ersten 10 Minuten. Ich lehne mich entspannt zurück, mein Atem ist ruhig, alles in Ordnung, ich bin pünktlich. Die nächsten 10 Minuten überlege ich, was ich alles getan habe, um pünktlich bei meinem Termin zu sein. Nach einer halben Stunde fällt mir ein, dass ich unbedingt Rosen für Gisela mitbringen muss. Weitere 15 Minuten später weiß ich auch warum. Nochmals fünfzehn Minuten und ich weiß, dass es vollkommen sinnlos war, pünktlich zu kommen. Nach einer Stunde erinnere ich mich, weswegen ich hier sitze. Es ging um dieses Dingens. Der Mann neben mir stöhnt seit einer halben Stunde nicht mehr so wie in der ersten halben Stunde. Das Kind hustet allerdings immer noch. Ich räuspere mich, als jemand in den Warteraum tritt und sich suchend umschaut. Ist es jetzt besser, auf sich aufmerksam zu machen oder wartet man lieber unauffällig ab? Weitere zwanzig Minuten verstreichen, ohne dass der Mann neben mir stöhnt oder atmet. Ich bin der festen Überzeugung, er ist tot, vor Langeweile gestorben, muss aber nicht sein. Nochmals eine halbe Stunde. Mein Steiß gibt Warnsignale und meine Blase piepst. Ich rutsche unruhig vor und zurück, bis sie hupt. Irgendwann entdecke ich mit den Fingern die unter meinen Stuhl festgebackenen Kaugummis. Das Kind hustet seltsam anders, die Mutter hat es aufgegeben so zu tun, als habe sie ihr Handy ausgeschaltet. Sie telefoniert seit einer Dreiviertelstunde offen mit ihrer Freundin über den Nachbarn von gegenüber, wo immer Gegenüber auch liegen mag. Das Kind tritt mir gegen das Schienbein, der Mann rechts von mir sackt in sich zusammen und beginnt leise aber stetig zu schnarchen. Ich atme erleichtert auf und berechne die Wartezeit in Zwanziger-Einheiten, geteilt durch die Schnarcher des Mannes, das Husten des Kindes und die Häufigkeit, mit der die Mutter „Nee, näh?“ sagt. Nach weiteren zwanzig Minuten bewegt sich zum ersten Mal die Raufasertapete. Mir wird einiges bewusst, von dem ich vorher überhaupt keine Ahnung hatte. Ich befinde mich im Innern eines tödlichen Strudels voller fanatischer Raufaserhubbel. Die Hubbel wollen, dass ich mit ihnen spiele und ihnen Namen gebe. Eine mir vollkommen unbekannte Frau öffnet die Tür und steckt den Kopf herein: Der Herr Sowieso wurde zu einem dringenden Termin gerufen, die Software ist letzte Woche ausgetauscht worden und arbeitet noch nicht richtig, und sie selbst hatte heute morgen einen Unfall ohne Personenschaden. Außerdem sei jetzt Mittagspause, es könne noch etwas dauern. Ich heuchle Verständnis, zücke meine Axt und, äh, wache auf. Was für ein Alptraum.

2 comments on “Warten

  1. Axel sagt:

    Bis zu „Raufasertapete“ kam es mir gerade vor wie heute morgen beim Arzt, mit dem Unterschied………ne war kein Unterschied merke ich grad, außer das ich nicht aufgewacht bin 🙂

  2. handtaschenfurz sagt:

    Da sieht man´s – Kassenpatienten erlenen eben mehr: Dem Privatpatienten entgeht die höhere Mathematik und die Show mit der Raufasertapete. Kasseversicherte bekommen im Tausch gegen Husten auch Magen-Darm, was im übrigend hustenstillend wirkt… Darf es noch etwas mehr sein?

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