Hach, das. Das ist ja alles so anstrengend. Das flimmert da so im Fernsehen. Werbung. Und in der Luft. Wärme. Und im Radio immer nur Jingles. Zwischen dem Lärm der Motoren der Autos, der Flugzeuge, der S-Bahn und den Leuten mit den Gebläsen für die Laubreinigung. Und die mit den Kreissägen zur Mittagszeit. Parkett verlegen. Müllabholer, die den Müll abholen, so dass man auch in China Bescheid weiß, dass gerade der Müll abgeholt wird. Zwischen zwei Jingles natürlich. Hach, das ist alles ziemlich anstrengend. Auch das mit der Werbung zwischen den Jingles. Da wird man nun nur noch angelacht, so anstrengend. Wo ist eigentlich der Marlboro-Mann geblieben? Oder das HB-Männchen? Hach, das. Das ist ja alles so anstrengend.
Neulich erst musste ich mich ernsthaft zwingen, bei rot über die Straße zu gehen. Das war so anstrengend. Immerhin hatte ich schon fünf Minuten gewartet, nur um festzustellen, dass die Ampel zur Bettelampel mutiert war. Hach, das ist alles so anstrengend geworden.
Da haben Sie doch jetzt Fotos von diesem Mond da draußen gemacht. Ich glaube ja, das von da die Probleme ausgehen. Strahlung und so. All die Strahlung hier bei uns landet ja schließlich irgendwo und wird dann von diesem neu fotografierten Mond auf uns zurückgeworfen. Monde sind da wie Spiegel. Hach, ja. Früher gab es sowas ja nicht. Da gab es Raider und etwas, das nannte sich Drei Musketiere. Drei Musketiere war ein geflochtenes Schokoladendings mit Karamellfüllung und so unglaublich viel lecker, das wohl selbst der Marlboro-Mann gelächelt hätte. Der war so cool. Hach, war der herrlich. Und anstrengend auch. Hach, ich habe jetzt soviel an die drei Musketiere gedacht, dass mir total satt ist. Und irgendwie anstrengend.
Hans?
Ja?
Hier hast du einen Keks. Den isst du jetzt und dann legst du dich hin. Das ist ja nicht zum aushalten.
Ok.
Archiv für den Monat: März 2011
Wackelpudding
Wenn’s draußen stürmt und Regen um die Ecken fegt, wenn Wogen wild den Strand aufbrechen, der Weltenschmerz den Sinn durchflutet, wenn grau in grau das Leben jammert und Fröhlichkeit entschwunden ist, wenn Angst bestimmt wo’s weh so tut und Zahnschmerz sinnlos leise zieht, der Magen sich vor Kummer dreht und Fußpilz um die Zeh’n sich webt, wenn sich vor Wut und schlechter Laune die Augen ganz zusammen kneifen, wenn’s all das macht und tut und ist, dann ist man das, was man so isst.
Ich denke da an Wackelpudding. Mit Waldmeistergeschmack. Ehrlich. Waldmeister. In echt jetzt. Ohne Klippus, falls noch jemand weiß, was das ist. Ich lass mich da auch nicht unterkriegen von den Schreckensmeldungen dieser und aller Tage, ich glaube an ihn, den Wackelpudding in seinem durchsichtigen Plastikdöschen, den wabbelnden, den glibbschigen, den leckerschmeckenden, den alles-wieder-gut-machenden Super-Duper-Wunderwonderland-Wackelpudding mit Waldmeistergeschmack. Meine Herrn!
Wenn in mir drin die Krätze wohnt, wenn mir die Katastrophe droht, wenn nichts mehr geht, nicht runter und auch nicht wieder rauf, mach ich mir einen Pudding auf.
Der ist alle, sagt Gisela dann meistens zu mir, Wackelpudding gibt’s nicht mehr. Dafür kriegste einen eins A Erdbeerjoghurt, der ist wenigstens gesund. Und mach nicht immer so’n Wind wegen diesem grünen Chemiezeugs. Sag ich zu Gisela, Ehen können an so was zerbrechen. Sagt sie zu mir, aber an Wackelpudding bestimmt nicht. Sag ich zurück: Und Morde? Hast du jemals von einem Mord wegen Waldmeisterwackelpudding gehört? Ich?, fragt sie, nicht das ich wüsste. Aber steck mal lieber das Messer da weg.
Happy People
Nee, ich bin nicht happy, andere sind happy, ich nicht. Ob ich nie happy bin, wollen Sie wissen? Kann ich nicht sagen. Oder immer? Immer auch nicht. Meinen Sie immer im Sinne von nie immer und ewig happy oder forever unhappy oder wie jetzt? Und auch schon immer gewesen? Oder nur gestern? Nein, gestern war ich nicht happy, vorgestern auch nicht und davor hab ich vergessen. Gestern war ich sowas von unhappy, da ist mir beim Staubsaugen der große Spiegel umgekippt. Die Scherben bringen sieben Jahre Unglück, meinte Gisela ganz sachlich mit so einem seltsam unangenehmen Unterton. Sie wissen schon, so brummend, so: Mach das da weg. Nicht fünf oder drei, frag ich sie zurück, nee, sieben Jahre. Na, dann vielen Dank du großer Gott der kaputten Spiegel.
Ok, der Spiegel war jetzt auch in den Vogelkäfig mit dem Sittich gekracht. Ja, dem von Oma. Genau dieser unser Sittich, der gelbe, der immer so gepiepst hat, als hätte er Keuchhusten, der meinte, er sei der kleine Bruder von Bibo. Nee, der weilt jetzt nicht mehr unter uns, der Sittich. Der liegt jetzt unter dem Spiegel im Mülleimer. Verunglückte Sittiche, sag ich zu Gisela, haben auch ihr Gutes, die heben kaputte Spiegel auf, sag ich, aber happy bin nicht.
Happyer? Wie geht das denn? Ob ich früher happyer gewesen bin? Glaub ich nicht. Wo andere einen Tunnel sehen, sehe ich ein schwarzes Loch ohne Licht. Das war früher auch schon so. Nachts? Klar guck ich mir Tunnel nur nachts an, wann machen Sie denn so was? Ob ich die Happy People kenne? Was soll das sein? Ach, die aus der Werbung für Waschmittel, DSL-Anschlüsse und glückliche zukünftige Partnerschaften? Die mit diesem Weight Watchers Lächeln für Mürrische? Die kann man ja kaufen, diese Weight Watchers. Einmal Abnehmen zum Mitnehmen und einen Sittich bitte. Frag ich Gisela: Neuer Sittich oder abnehmen? Da nickt sie. Toll, sag ich, also beides. Und wieder in gelb? Und er soll diesmal tirilieren? Kein Problem, Gisela, das gibt’s beim Sittichhändler, da geh ich dann mal schnell hin.
Zeit für Limbo
Hans, wir haben gehört, du hättest dich mit Statistik und Limbo befasst. Ist da etwas Wahres dran?
Ja, ich habe nämlich ausgerechnet, wenn ich mir morgens beim Pischen gleichzeitig die Zähne putze, spare ich pro Tag zwei Minuten, pro Woche, äh, Moment, 14 Minuten, und pro Jahr ganze 730, was etwa 12 Stunden sind. Die investiere ich dann in Limbo.
Hans? Wie war das Wort?
Äh, Limbo? Nicht? Welches jetzt? Pischen?
Hans, was hatten wir abgemacht? Du erinnerst dich, keine Straßensprache, gepflegte Konversation bitte.
Pullern? Wasserlassen? Aha, wenn ich also Wasserlasse, morgens, wobei ich ja sagen muss, dass sich Wasserlassen so anhört, als sei ich ein Ochse. Habt ihr schon mal einen Ochsen beim Pullern gesehen? Meine Herrn, kann ich da nur sagen.
Hans? Limbo?
Ach ja, Limbo. Ich habe also seit neuestem 12 Stunden mehr Zeit für Limbo, übers Jahr gesehen natürlich, ich will das jetzt nicht übertreiben.
Limbo, Hans, sprechen wir da von DEM Limbo, also diesem Verrenkungstanz, diesen Schlangenmensch-ähnlichen Bewegungen unter einer fünfzig Zentimeter hohen Holzlatte hindurch? Womöglich auch noch brennend?
Also von fünfzig Zentimetern weiß ich im Moment nichts. Und brennend kann ich mir nicht vorstellen, aber das Schlangenartige habe ich schon ganz gut drauf. Soll ich mal zeigen?
Ja, wir bitten darum, äh, Hans, was machst du denn da?
Ich tanze für euch Limbo, wieso denn?
Es sieht eher so aus, als würdest du ein Brot essen, Hans, ein großes Butterbrot mit Schinken.
Das ist korrekt. Der Limbo findet unter dem Tisch statt. Ein Tischlimbo mit den Fußspitzen, wenn ihr so wollt. 12 Stunden im Jahr.
Wie ein Tischfeuerwerk?
Ja, genau so.
Danke Hans. Eine Riesenschlange beim Verdauen eines Elefanten hätte das nicht plastischer demonstrieren können. Vielen Dank.
Ich kann auch Mambo. Soll ich mal?
Tabletten
Gut, habe ich zu mir gesagt, dann nehme ich die eben auch noch, die farblosen Tabletten, vor den rot-weißen und den gelben, nach den blauen, und den oliv-schlammigen. Die farblosen sind gegen Atomstrahlen oder so, vielleicht auch dafür, dass die Atomstrahlen um einen herum einen Bogen machen, auf jeden Fall sorgen sie dafür, dass man morgens nicht aufwacht und aussieht wie ein Fisch oder so riecht wie ein Braunbär nach dem Winterschlaf. Sagt der Mann von der Apotheke. Die einen gelben sind für Vergessen, die anderen dagegen. Seit ich sie nehme, weiß ich einfach nicht mehr, welche von beiden für was war. Neulich meinte Gisela (die wo meine Frau ist), ich hätte sie nicht alle und sollte lieber den Müll rausbringen, als die Regentropfen an der Fensterscheibe zu zählen. Die lila Tabletten in Bananenform helfen da super, meint der Mann von der Apotheke, die stärken die Widerstandskräfte. Den Müll hab ich dann trotzdem rausgebracht, war so eine Art demokratische Pillenabstimmung, kam von der rosa Pille, die die Wirkung der lilanen wieder aufhebt. Draußen an der Mülltonne hab ich dann Nitrodingstrizinase geschluckt, da riecht man nichts mehr und kann besser kacken. Behauptet der Mann von der Apotheke. Ich würde das Wort ja nicht einmal aussprechen, aber wenn der das sagt. Kacken? Habe ich ihn gefragt, was denn? Atomstrahlen. Damit werden die Atomstrahlen, die es nicht um sie herum geschafft haben, wieder ausgeschieden. Habe ich dann auch zu Gisela gesagt, was der Mann gesagt hat, und die Gisela meinte, das stände auch in der Zeitung: Man kann Atomstrahlen auskacken. Und was in der Zeitung steht, muss ja stimmen. Recht hat sie.
Ok. Heiho.
Ich bin ja seit neuestem auch Übersetzer für englisch-deutsche Kurzwörter, darüber hatte ich schon berichtet. Hatte ich nicht? Na, gut, dann wissen Sie es jetzt, mein Gott.
Unter anderem habe ich mich neulich mit dem Wort “Ok” beschäftigt. Ok wird ja im Sinne von “in Ordnung” verwendet, es gibt, soweit ich das feststellen konnte, bisher kein kurzes deutsches Äquivalent zu Ok. Äquivalent? Was das heißt? Ja, da durfte ich auch erst mal nachforschen. Ob ich weiß, was ich tue? Selbstverständlich. Ich suche mir ein kurzes englisches Wort wie Ok, suche dann nach einem deutschen Fremdwort, das erklärt, was ich suche, und dann finde ich “in Ordnung”. Ok?
Ich stieß also auf “in Ordnung”, was, wenn man es abkürzte, ja “iO” lauten würde. Wenn man “iO” jetzt wieder ins Englische zurücktransferiert, spricht es sich aus wie “ei-Oh”, was sich ja ungefähr so anhört wie “Heiho”, was, wie wir ja alle wissen, der Schlachtruf der Zwerge ist. Können Sie mir da noch folgen? Sie können?
Ich habe also als Äquivalent zum englisch-amerikanischen “Ok” das urdeutsche “Heiho” gefunden. Im Unterschied jedoch zum “Ok”, bei dem man zustimmend nickt, wenn man zustimmt, also den Kopf vor- und zurückbewegt, verwendet man beim “Heiho” bekanntlich das seitliche Hin- und Herschwenken des ganzen Oberkörpers, nach links beim “Hei”, nach rechts beim “Ho”, wobei der rote Bommel der grünen Zwergenzipfelmütze lustig mitschlenkert. Soweit verstanden? Ok.
Dann stellen Sie sich bitte die Situation vor, wie ich morgens beim Bäcker stehe, Zwergenzipfelmütze auf dem Kopf, und, als ich drankomme und die freundliche Bedienung mir die Brötchentüte zurückgibt und mich fragt, ob denn alles in Ordnung sei mit mir, und ob es sonst noch etwas sein dürfe, wie ich dann den Oberkörper wild hin und herschwenke, den Zwergenmützenbommel kreisen lasse und dabei laut “Heiho” brülle und anschließend: Butter! Ich brauche noch Butter!
Sind Sie noch bei mir? Ja, äh, wo sind Sie denn? Ich bin doch noch gar nicht fertig.
