Drama

Ok, es ist jetzt nicht gerade Ausdruckstanz, was ich morgens auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn treibe, wirklich nicht. Ich bringe auch kein japanisches No-Theater, das mit den Masken und diesen vollkommen ausdrucksstarken, uns Langnasen überhaupt nichts sagenden Gesichtern, ihr wisst schon. Nee, ich mache Drama, und das geht so. Kurz nach dem ersten Kaffee klemme ich mir den iPod an und stöpsel mich ein. Bis ich bei der S-Bahn bin, habe ich mich dermaßen eingegroovt, dass meine Kniekehlen vor Rhythmus schon nicht mehr wissen, ob sie vorne oder hinten liegen. Die fünf Minuten zur Haltestelle nutze ich für kurze, hautenge Hüftschwünge (Oh, diese verdammten Lieblingswörter mit ü: Hüftschwünge!), und, ganz verworfen, für einige Kopfnicker und Lipsyncs. Lipsyncs sind sowieso das Beste, synchrones, lautloses Mitsingen der Songs, die jetzt durch die Ohren direkt in den Bauch gehen. Dann kommt endlich die S-Bahn. Ich schaffe mir ein wenig Platz und gehe von Lipsync lautlos zu lauthals über, ich jiepe, ich posamentiere, ich librettiere, ich bin klarste, unüberhörbare Begeisterung. Die Arme und Hände zeichnen wellenartige Fächerkonstrukte in den versticken S-Bahn-Mief, mein ganzer Körper ist eine Wolkentransformation, ich bebe, ich brenne, ich bin ein Cornetto Erdbeer kurz vorm Schmelzen, ich bin der heißeste Typ, den ihr hier je gesehen habt, echt jetzt, der Tanzpapst, der lebendige Discofox, die Dancing Queen, das letztendliche Drama. Irgendwann sinke ich auf die Knie, werfe den Körper ruckartig nach hinten, anbetende Hände nach oben, stampfe und mampfe den Rhythmus, den Trommelschlag, den Beat, den Slide, den Groove und steige aus. Ruhig, gelassen, wie das so meine Art ist. Ich weiß, ich weiß, es sieht wirklich seltsam aus, zum Kringeln, zum Kichern. Aber es ist nicht verboten und die Leute mögens. Also, auf morgen früh in der S-Bahn.

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