Ungünstige Umstände

Die Umstände, die zu meiner fristlosen Entlassung geführt haben, sind, kurz beschrieben, folgende: Ich betrat am Dienstag, morgens gegen neunuhrdreiunddreißig, den Porzellan-, Glas- und Küchenzubehör-Laden mit Lifestyle-Ambiente („Hier werden Sie individuell verwöhnt“), zog meine Berufskleidung über (hellschlammfarbener Leinenanzug, grüne Küchenschürze, Namensschild) und erledigte die vom Vorabend liegen gebliebene Arbeit. Meine erste und letzte Kundin an diesem Tag war eine ältere Dame mit Hut, Schirm und unverschämt arrogantem Gesichtsausdruck, also genau der charakterlich schwach ausgeprägte Menschentyp, den mein Chef gerne als „Kuh“ bezeichnet. Die Dame wünschte einen Wok.
Im Moment, als ich mich, etwas unglücklich, wie ich zugeben muss, bückte, um unseren neuesten (und teuersten) Gemüsewok aus einem Regal hervorzuziehen, drehte die Dame mir den Rücken zu. Bei dem Versuch, den besagten Wok mit einer frisch-frivolen, dem Gerät angemessenen Bewegung zu präsentieren, stieß mein Steiß (eher sanft als leicht) den ihrigen. Das hatte eine Kettenreaktion zur Folge, die damit begann, dass besagte Dame in den Glasschrank stürzte, den sie, in diesem Moment der Unachtsamkeit meinerseits, betrachtete. Der Glasschrank, mundgeblasene Murano Glaswaren und Kronleuchter von künstlerischer Virtuosität und Einmaligkeit, brach ohne weiteres über ihr zusammen. Im Zuge meiner frisch-frivolen Bewegung bewahrte ich die Dame vor Schlimmerem, verlor dabei jedoch die Kontrolle über den Wok, der wie ein anmutig geworfener Frisbee seinen Weg in den Porzellan-Figuren-Raum fand. Er richtete ein Bild der Verwüstung an, meine, jetzt ehemalige, Kollegin behauptete hinterher, nicht einmal ein ausgewachsener Elefant hätte das geschafft, was ich mit einem Wok-Wurf zustande gebracht hatte. Der Wok selbst begnügte sich nicht damit, diesen Raum der Länge nach (und Schrank für Schrank) zu durchmessen, nein, er beschleunigte durch ein offen stehendes Fenster (wir befinden uns im dritten Stock) auf die gegenüber liegende Straßenseite und verschwand in dem dort die Außenwand hochgezogenen Baugerüst. Anscheinend traf er den gerade anwesenden Bauleiter so am Kopf, dass dieser einen zufällig mit einer Schubkarre vorbeikommenden Lehrling (zweites Ausbildungsjahr) über das Gerüstgeländer drängte (inklusive Schubkarre). Der Lehrling konnte sich halten, die Schubkarre nicht. Diese, voll Flüssigzement, sprang unglücklich genau so von einem Gerüstvorsprung ab, dass sie genug Bewegungsenergie mitnahm, um inklusive ihres flüssigen Inhalts zurück auf unsere Straßenseite zu  schleudern, wo vor unserem Lifestyle-Ambiente-Geschäft das dachlose Porsche-Cabrio meines Chefs (der mit der „Kuh“) parkte. Es platschte, das kann man so sagen, wirklich.
Ich ließ einige Minuten verstreichen, damit sich die Gemüter beruhigen konnten, dann schlenderte ich gelassen und mit vollkommenster Selbstbeherrschung hinunter und stellte mich neben meinen völlig aufgelösten Chef. Ich nickte aufmunternd und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter: Ist doch nur ein Auto, Chef. Und, äh, oben wartet noch so eine Frau auf Sie.
Ich glaube, das Schulterklopfen war der Grund für meine Entlassung. Es waren eben ungünstige Umstände.

One comment on “Ungünstige Umstände

  1. schindelschwinger sagt:

    …in anderen, allerdings auch ungünstigen umständen war wohl auch diese dame, der ein kleiner mann aus der vagina entfernt werden musste. guckst du hier:
    http://www.der-postillon.com/2009/02/vier-kilo-schwerer-mann-aus-vagina.html

    danke dafür sabine 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.