Inwendig Liebe

Also, sprach das Wildschwein, äußerlich betrachtet bin ich ja auf Krawall gebürstet, aber inwendig, ganz tief in mir drin, kurz vor der tierischen Empfindsamkeit sozusagen, da bin ich nur Liebe.
Sie suhlen sich trotzdem gerne, oder?
Aber ja. Schlammbäder haben diesen Hauch von Vollkommenheit, so eine verworfene Dreckigkeit. Aber inwendig, da bin ich voller Liebe und Sauberkeit.
Und Sie schubbern Ihren Rücken an Bäumen?
Ja. Ich schubbere für mein Leben gern. Der Baum und die wilde Sau, das ist eine lebenslange Beziehung. Ich glaube, Bäume haben in sich drin auch Liebe. Die Liebe ist ja letztlich in allem.
Sie stinken?
Meistens.
Meisten manchmal oder meistens und manchmal auch noch?
Eher meistens. Ich stinke und dazu stehe ich. Inwendig aber, da bin ich wie eine Duftkerze, eine blühende Rose, ein Lavendelzweig. Eine Orgie an schönen Gerüchen sozusagen.
Sie sind aber ein Wildschwein?
Wildschwein hin, Sauhaufen her, wir sind doch alle das, was wir in uns haben: Ein jeder trägt da sein eigenes Päckchen.
Oh, eine philosophisch angehauchte, lieblich riechende Sudelsau. Kann man das so sagen?
Ganz genau.
Vielen Dank für das Gespräch. Wir gehen nie wieder Jagen.

Buschman (oder: wie Il Dottore sein Licht unter den Scheffel zu stellen pflegte)

Da war dieser Hund, Buschman hatte man ihn genannt. Wie sie auf diesen Namen gekommen waren, war ihm stets ein Rätsel geblieben. Vermutlich lag es an seiner südafrikanischen Herkunft und an dem für seine Rasse typischen, auf den ersten Blick erkennbaren, straff nach hinten frisierten Rückenkamm, der sog. Ridgeback zwischen seinen kurzfelligen Schulterblättern. Das sah so cool aus, wenn er damit über die Felder oder durch die Kneipen lief, zumindest glaubte er das, und das machte ihn stolz.
Buschman jedenfalls wurde von seinen Besitzern für ein wenig unterbelichtet, ja mitunter sogar für dumm gehalten. Das deshalb, weil Buschman es bisweilen fertig brachte, mehrere Stunden scheinbar ein und denselben Fleck an der Hauswand zu betrachten, ja diese Stelle regelrecht anzustarren, zu glotzen, so als wolle er den Mörtel hypnotisieren. Dabei legte er mitunter – wenn ihm der Kopf zu schwer wurde – selbigen gerne mal zwischendurch irgendwo ab, z.B. auf einem Hocker, einem gerade in der Nähe angewinkelten Knie etc. „Dieser Hund ist doof!“, hatten sie dann gesagt, oder „Der hat se doch nicht alle!“, oder auch „Buschman hat wieder seine Phase!“, hatten sie behauptet. Das aber war ihm egal, er gab nichts darauf, was seine Besitzer von ihm hielten. Seine wahren Fähigkeiten würden schon bald ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Heimlich träumte Buschman sogar davon, dass man ihm den Nobelpreis verlieh, obwohl er auf das ganze Bimbamborium, dass damit verbunden sein würde, die Auftritte vor der Presse, die Interviews, Einladungen etc. eigentlich gar keinen Bock hatte. Aber soweit war es ja auch noch nicht. „Du sollst nicht Sorgen machen dir um Eier ungelegt!“, hatte ihm mal ein buddhistischer Mönch plötzlich völlig unvermittelt in einem Fahrstuhl in sein Ohr geflüstert. Als hätte er seine Gedanken gelesen. Danach war es Buschman nach und nach gelungen, die eigene Sicht der Dinge umzukrempeln. Er lebte von nun an lieber im hier und jetzt – das war sein persönlicher buddhistischer Ansatz.
Im Moment jedenfalls galt es, diese Dissertation fertig zu stellen, an der er schon so lange gearbeitet hatte. Promovieren wollte er auch, aber später, viel später. Die Doktorarbeit sollte sein Lebenswerk werden, dieses Magnum Opus, dieses Monumentalwerk, dieser Wälzer über das promiske Verhalten der Steinlaus. Dazu hatte er nur scheinbar stundenlang auf dieselbe Stelle an der Wand geglotzt, tatsächlich hatte er diesen winzigen Nager regelrecht studiert, hatte alle seine Beobachtungen seit Monaten dezidiert in seinem Gedächtnisprotokoll notiert, hatte die verschiedensten Quellen herangezogen, Gespräche mit anderen Experten auf diesem Gebiet geführt. All seiner Brillanz zum Trotz musste er den Spott seiner Besitzer über sich ergehen lassen. Diese Kretins. Aber er hatte ihnen das nachgesehen. Schließlich hatten sie ihn all die Jahre mit Futter und Wasser versorgt, und er durfte sogar in der Nähe des Kamins schlafen und „Wetten dass…?“ gucken.
Nun aber war er fast durch mit seiner Arbeit und war vor dem Hintergrund aktueller Skandale in der Politik die Fußnoten in seinem Gedächtnisprotokoll noch einmal peinlichst genau durchgegangen. Man sollte ihm nichts vorwerfen können. Solch ein Fehler wie dem Guttenberg würde ihm nicht unterlaufen, nicht ihm, dem prince of brilliant understanding, dem master of  excellent qualities of mind – so jedenfalls hatten ihn die Dozenten auf seinem Internat bereits genannt, als er noch ein Welpe war, und so sollte es auch eines Tages auf seinem Grabstein stehen. Nach seinem Gedächtnisprotokoll, so hatte er sich vorgenommen, würde er diese Worte seiner Sekretärin Nancy diktieren. Nancy war eine Foxterrierhündin, die er während eines Auslandssemesters in einer Kneipe in einem Londoner Pub kennengelernt hatte. Sie hatte sich sofort für ihn begeistern können. Ihre Bewunderung für seinen Ridgeback war ihm ebenso wenig verborgen geblieben, wie die für seine animalische Ausstrahlung, sodass er in dieser Nacht leichtes Spiel gehabt hatte mir ihr. Es war allerdings bei diesem einen Stelldichein geblieben, beide hatten danach beschlossen, zwar in Kontakt, aber eben nur Freunde zu bleiben, nichts weiter. Es hätte auf Dauer nicht funktioniert, hatten beide schnell festgestellt, zu verschieden waren sie. Dazu kam Nancy auch aus zu einfachen Verhältnissen, sie habe keinen „Stallgeruch“, wie Buschman einmal betonte. Buschman dagegen stammte aus einer adligen Familie aus Südafrika, genauer gesagt aus Rhodesien, und seine Leute hätten eine Bürgerliche nie akzeptiert. Zwar hatte sie eine Ausbildung zur Bürokraft abgeschlossen (sie beherrschte immerhin 180 Anschläge pro Minute), aber das auch nur, weil die Prüfer beide Augen zugedrückt hatten, und so hatte sie nur mit Ach und Krach bestanden. Dieser Freundschaft jedenfalls war es zu verdanken, dass er Nancy guten Gewissens mit dem Abtippen seines Gedächtnisprotokolls beauftragen konnte, und Nancy hatte sich gefreut, dass sich auf diese Weise ein bisschen Geld nebenher verdienen ließ.
Heute ging es Buschman allerdings ziemlich dreckig. Ihm war kotzübel und er hatte wieder dieses Stechen in der Brust, verbunden mit einem Ziehen in der Leistengegend. Er war ja nun auch schon etwas in die Jahre gekommen, hatte sich erst spät dazu entschlossen, über die Steinlaus zu schreiben. Woher kamen die Beschwerden? Was konnte das sein? Die Mandeln hatten sie ihm ja schon rausgenommen, und auch die Analdrüsen wurden ihm dank der gründlichen Arbeit der netten älteren Dame im Hundesalon – die sich anscheinend für nichts zu schade war – regelmäßig ausgedrückt. Sein Stuhl hatte noch eine gute konsistent und war regelmäßig. Er horchte noch einmal angestrengt in sich hinein, aber keine neue Erkenntnis. Woher auch? Da war er nun der vermutlich schlauste Vierbeiner der Welt, aber wenn es um Selbstdiagnosen ging, war sein gesamter Intellekt plötzlich keinen Pfifferling mehr wert. Schließlich hatte er Biologie und Elementarteilchenphysik studiert und nicht Medizin. Die Atommüll-Endlagerfrage, die Probleme nach der Katastrophe in Fukushima, all das hätte er im Nullkommanichts lösen können, aber ihn fragte ja niemand. Im Grunde interessierte ihn das auch nicht, ebenso wenig wie ihn seine Gesundheit kümmerte, solange er nur seine Arbeit würde fertig stellen können.
Seinen Körper sah Buschman lediglich als sterbliche Hülle, die etwas sehr viel Wertvolleres bewahrt. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper – pah! Sex, drugs and rock’n roll – das war seine Devise gewesen. Nun forderte sein unsteter Lebenswandel wohl allmählich seinen Tribut. Vielleicht sollte er das Rauchen aufgeben? Auch seine Medikament nahm er eher unregelmäßig, das war nicht vernünftig, das wusste er, aber es scherte ihn einen Dreck. Der Körper, ein Instrument, ein Mittel zum Zweck, ein Transporter. „Die Arbeit.. die Arbeit“, hörte er sich selbst noch röcheln, bevor er so ein Krisseln um die Augen wahrnahm und es schließlich um ihn herum ganz schwarz wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er Nancy, die ihm zärtlich übers Gesicht schlabberte. Er fühlte sich noch etwas benommen. „Schätzchen“, sagte sie, „du träumst ja wieder, du weißt doch, dass dich dann alle für beschränkt halten, wenn du so lange auf dieselbe Stelle starrst. Komm zu mir aufs Sofa? Es kommt Barbapapa. Kommst du Schatz?“ Buschman hatte schon wieder dieses Krisseln.

Yeah. Yeah. Yeah.

Seit ich die Straßen unseres Viertel nur noch als Rock ’n‘ Roller betrete, fühle ich mich gut. Gut und cool. Ich bin so cool, dass ich nichts anderes von mir gebe als: Yeah. Yeah. Yeah. Mit einer kurzen Pause bei jedem Punkt. Dabei verziehe ich die Oberlippe, so als hätte ich gerade ein Stück Zitrone gelutscht. Klasse, oder? Ich bin so cool, dass mir Nebelschwaden folgen, wohin ich auch gehe. In der Sonne, Sie verstehen. Nicht? Imaginierte Nebelschwaden, so wie bei Trockeneis, die sind nicht wirklich da, die Schwaden…

Trotzdem, wenn ich morgens beim Bäcker dran bin und Frau Müller mich wie immer fragt, ob ich zwei oder drei Brötchen möchte, dann weiß jeder bei uns, was los ist. Ich nicke, verziehe die Oberlippe und quetsche, drücke, schiebe es regelrecht raus, zwischen Zähnen und zusammengepressten Lippen, mein: Yeah. Yeah. Yeah. Mit Pause bei den Punkten und wackeln in den Hüften. Frau Müller nimmt mich so wie ich bin und gibt mir drei Brötchen. Immer. Mit Yeah. Yeah. Yeah. Und auch ohne.
Neulich bin ich dann einen Schritt um die Ecke gegangen, da gibt es Grabsteine. Ja, ernsthaft, bei uns werden links Brötchen und rechts Grabsteine verkauft. Ich also rein in den Grabsteinladen, nicht dass es jetzt soweit wäre mit mir, aber der frühe Vogel fängt den Wurm, wie es so schön heißt. Und, was soll ich sagen? Wer steht da hinter dem Grabsteintresen? Die Frau Müller. Die ist ja auch sehr nett und auch noch nicht so alt, so ungefähr, ich würde sagen, in meinem Alter, ich alter Rock ’n‘ Roller. Ich kläre also mit Frau Müller die Konditionen und da fragt sie mich doch, was denn auf dem Grabstein stehen soll? Da nicke ich und lächle mein überzeugendstes Rock ’n‘ Roller-Lächeln: Yeah. Sag ich. Yeah. Baby. Yeah.

Und so kommt es, dass eines fernen Tages auf unserem Friedhof ein Grabstein in Form einer Gitarre zu sehen sein wird: Hier ruht Günter. Yeah. Baby. Yeah.

Kann gar kein englisch

Hello. This is a cat.
Ja, Günter?
Hello Dgschieseilä, I am talking englisch with you. Can you understand me?
Ja, Günter.
Hello. This is a cat.
Ganz toll Günter. Kannst du auch längere und kompliziertere Sätze, vielleicht was über die Queen?
Hello. This is a dancing queen.
Super Günter, danke. Wie weit bist du denn in deinem Kurs?
Erste Lektion, erste Seite, erster Satz. Da steht, dass man durch diesen Kurs ganz schnell und automatisch englisch lernt. Hello. This is a Guäntä.
Was ist denn ein Guäntä?
Das bin ich, meine Güte Gisela. Du könntest mich wenigstens ein bisschen unterstützen. Kannst du mich nicht mal abfragen?
Was heißt Rauditum auf englisch?
Oh, manno, woher soll ich das denn wissen? Ich bins. Günter. Anfänger.
Hooliganism.
Ganism? Das kann ich nicht aussprechen. Mach mal was einfacheres. Irgend ein Tier.
Katze. Was heißt Katze.
Hello. This is a cat. Das war jetzt zu einfach. Nimm mal was schwereres, zum Beispiel, äh, Foxterrier.
Was heißt Foxterrier auf englisch?
Oh, mein Gott Gisela, das war ein Beispiel, das weiß ich doch nicht. Nimm doch, na, wie heißt das gleich, Fuchs.
Ok, Fuchs.
Fox.
Zwei Füchse?
Two fox.
Toll. Ganz viele Füchse?
Foxtrott?
Günter?
Ja, Gisela?
Willst du nicht lieber dänisch lernen?

Zweimal

Hallo Hans, lange nichts gehört. Was machst du denn so?
Ich habe eine Fenomen an mir entdeckt.
Ein Fenomen, aha. Mit Fe oder Phä?
Mit, äh, phhfhh?
Ja und? Was hast du entdeckt?
Ich mache Dinge zweimal.
Doppelt hält besser oder Alzheimer?
Nee, nee, einfach nur so. Ich steige zum Beispiel ins Auto, steige wieder aus und steige nochmal ein. Oder ich stehe morgens unter der Dusche und wasche mir die Haare. Und dann wasche ich mir die Haare ein zweites Mal. Anschließend gehe ich zum Kühlschrank und gucke nach, ob noch Wurst da ist.
Wurst?
Oder Käse. Ich stelle fest, das beides fehlt. Ich drehe mich um, kann es nicht fassen, weil es viel zu früh für einen Einkauf ist, und gucke in den Kühlschrank.
Immer noch keine Wurst?
Ja genau, woher wisst ihr das denn? Beim zweiten Blick in den Kühlschrank habe ich dann dieses seltsame Gefühl, als hätte ich das schon mal erlebt und muss an das Haare waschen denken. Das ist doch unheimlich, oder?
Déjà-vu.
Deh-Scha-Vü? Das kann ja jeder. Nee, nee, ich glaube, ich kann mich in der Zeit bewegen. Vorwärts und rückwärts.
Oha.
Ja, das hab ich auch zuerst gedacht. Aber dann dachte ich mir, wenn ich mich in der Zeit zurück bewegen kann, zum Beispiel vor das erste Mal Haare waschen, dann erinnere ich mich ja nicht daran, das ich mir schon die Haare gewaschen habe, oder? Ist doch ganz logisch. Also wasche ich sie mir noch mal. Danach fällt es mir dann doch wieder ein und ich ärgere mir so’n Hals, weil es ja total überflüssig ist, sich zweimal die Haare zu waschen. Versteht ihr? Aber zumindest ist das nicht mehr unheimlich.
Aber dann sind sie wirklich sauber, die Haare, Hans. Hast du schon mal darüber nachgedacht?
Äh, nee jetzt.
Na, denn Hans, mach das mal. Und denk dir nicht immer so ein wirres Zeugs aus. Das ist uns nämlich unheimlich.
Nee, ehrlich?
Ehrlich.

Aus dem Alltag eines Superhelden.

08:30 Uhr
Frühstück mit einigen Kollegen: Desaster-Man, Think-Man, Horror-Man und der alberne Imitator-Man.

10:30 Uhr
Sichtung eines dreizehn Meter großen Hasen in der Innenstadt. Frühstück abgebrochen zur Klärung der Situation. Der Hase stellte sich als Harvey vor und behauptete, er sei unsichtbar. Das stimmte so überhaupt nicht, weil ich ihn eindeutig sehen und als Hasen identifizieren konnte. Er war auch nicht so groß, wie behauptet, höchstens zwei Meter (mit Ohren). Erklärte Harvey die Situation: Hör mal zu, Harvey. Die Situation ist folgende…
Ich kann nämlich nicht nur fliegen, sondern auch saugut Situationen erklären.

11:30 Uhr
Mein Superhelden-Kostüm zur Reinigung gebracht (das Mauve-farbene mit den silbernen Trotteln, der hellgelben Kappe und dem graumelierten, chintz-artigen Umhang, der im Sonnenlicht so glänzt).

12:00 Uhr
Mittagspause. Warte auf mein Kostüm. Noch während der Pause ereignet sich ein unplanmäßiger Mondriss. Nicht, dass ich jemals von einem planmäßigen Mondriss gehört hätte, aber ich kümmere mich auch um so was. Schwinge mich splitterfasernackend in die luftleeren Lüfte des Mondes und kläre die Lage.

14:00 Uhr
Der übliche, nachmittägliche Rundflug. Zusammenstoß mit einer herumsegelnden Möwe, einem Zeisig und einem rombenförmigen Flugobjekt namens Kormoran-Man. Verliere für einen kurzen Moment Orientierung und Contenance. Möwe am Unfallort verstorben, der Zeisig wird morgen im Regionalfernsehen auftreten. Kormoran-Man wurde nach kurzem Wortgefecht zurück in seine Heimat (das weite Bottroper Hinterland) expediert. Normaler Nachmittag.

18:00 Uhr
Habe es endlich geschafft, mein Kostüm von der Reinigung abzuholen. Gutes Gefühl für die Zukunft. Endlich nicht mehr nackt.

20:15 Uhr
Zu Hause angekommen. Eine Dose Ravioli, ein Glas Rotwein.

22:00 Uhr
Müde bis zum Umfallen, gehe im Kostüm ins Bett.

Haare. Im Wind.

Meine Haare wehen im Wind. Das Leben ist schön, morgens im Cabrio mit offenem Verdeck auf dem Weg zum Flugzeug im Regen bei fünfzehn Grad. Meine Haare wehen im Wind von der Klimaanlage im Flugzeug auf dem Weg zur Arbeit, zum Beispiel auf die Malediven, ja, ich arbeite auch auf den Malediven, mittags kurz bevor der Orkan angekündigt wird und wir umgeleitet werden nach Kuala Lumpur oder so. Meine Haare wehen im Wind in Bombay, wo wir letztlich gelandet sind, im Monsunregenfeuchtigkeitsklima wehen meine Haare im Wind, immer, ich föhne und style und gele meine Haare so, dass es genau so aussieht. Meine Haare wehen im Wind auf dem Weg zum Hotel zur Suite zum Spa zur Lounge zum abendlich-flauen Barvergnügen auf dem Dach dieses Hotels in Moskau, der Stadt mit den meisten Milliardären und dem meisten Wind, abends nach der Arbeit zum Entspannen da oben auf dem Dach des Hotels. Ihre Haare wehen so schön im Wind, sagt die Kellnerin auf russisch und lächelt und ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. So schön, das Leben, so schön ist das Leben mit Haaren. Ich lächle und sitze wieder in meinem Cabrio auf dem Weg nach Hause. Ich lächle und die Fliegen, diese verdammten Fliegen, klatschen auf meine strahlend weißen Zähne unterhalb meiner im Wind wehenden Haare.

Günter?
Ja, Gisela?
Ach, nichts. Ich hatte gedacht, du hättest was von Haaren gesagt.
Hab ich auch.
Blowing in the wind.

Mann wie ein Kissen

Mein Mann ist ja mittlerweile wie ein Kissen, wissen Sie.
Nein, wirklich? Das höre ich jetzt zum ersten Mal.
Doch, wenn ich das sage. Er sieht ja auch schon so aus.
Wie jetzt?
Wie ein Kissen. Überall weich und an jeder Ecke diese Zipfel.
Welche Zipfel?
Kissenzipfel. Immer muss man aufpassen, dass man ihm nicht auf die Zipfel tritt. Liebling, meint er dann etwas echauffiert, bitte sei vorsichtig, Du hast mir schon wieder auf einen Zipfel getreten. Welchen denn? frage ich zurück. Na, den rechts unten. So geht das den ganzen Tag. Zipfel hier und Zipfel da.
Was macht Ihr Mann denn beruflich so?
Der arbeitet in der Versicherungsbranche.
Ach? Und da sind die Zipfel hilfreich?
Ich glaube, er unterschreibt Verträge mit einem Kissenzipfel, aber sonst wüsste ich jetzt nicht.
Und ist Ihr Mann eher ein dickes oder ein dünnes Kissen?
Dünn. Mein Mann ist ein so dünnes Kissen, dass man manchmal denkt, er sei gar keins. Aber dann sieht man wieder die Zipfel an den Ecken und weiß Bescheid. Die wackeln ja auch manchmal, die Zipfel. Das sieht dann ziemlich albern aus.
Ich stelle mir gerade vor, wie Ihr Mann eine Bank überfällt.
Wie das denn?
Obacht! Dies ist ein Überfall. Es sind vier Zipfel auf Sie gerichtet. Packen Sie alles Geld in den Kissenbezug.
Oh, so was würde der nie machen. Mein Mann hat da ja Sparverträge. Da würde er sich ja selbst ausrauben. Kicher. Kicher.
Darf’s sonst noch etwas sein?
Mettenden. Haben Sie Mettenden? Die isst mein Mann doch so gern.
Mettenden sind aus. Aber einen Zipfel Leberwurst, der wäre noch da.

Szenen einer Ehe

Du, Gisela?
Ja?
Wenn ich nicht so wäre wie ich bin, hab ich mir überlegt, dann wäre ich ja bestimmt anders.
Aha.
Und wenn ich anders wäre, wäre ich ja nicht so wie ich bin. Oder?
Das stimmt wohl.
Und wenn das stimmt, hab ich mir überlegt, dann bin ich ja superfroh, dass ich so bin wie ich bin.
Und nicht anders?
Genau das wollte ich sagen.

Gisela, gleich kommt Dietmar. Hamwadawasda?
Was?
Hamwadawasda?, hab ich gefragt.
Was?
Haben wir da was da?
Ja, das hab ich verstanden. Aber was denn?
Meine Güte, Knabberzeugs und so was.
Nee, hamwanichaberhattenwamal.

Königliche Freiheit

Fragte der erste Page nach dem Mittagessen den König: Möchten eure Hoheit heute selbst aufstoßen oder soll der erste Page das für Ihn übernehmen?
Antwortete der König: Er möge stoßen, was er könne. Und dann: Hinfort.
Der König veranstaltete mit der Hand ein Art hoheitliches Hinfort wedeln und widmete sich seinem Vorhaben, als derjenige Monarch in die Geschichte einzugehen, der seinem Volk die Freiheit geschenkt hatte. Sagte also der König in die Runde: Ich schenke allen meinen Untertanen für jetzt und immer die Freiheit, äh, wie viele Untertanen waren es noch gleich?
Antwortete die Runde: Oh, Eure Denkwürdigkeit. Wir sind zwölf Untertanen und ein Page.
Verfügte also der König: Gut, so sei es denn. Ihr seid alle frei.
Hoheit?
Ja, Volk?
Was sollen wir denn jetzt machen?
Na, ihr könntet zum Beispiel einen Kuchen backen und eure Freiheit feiern.
Der König wiederholte seine wedelnde Hand von vorhin und entließ sein Volk nach draußen vor das Schloss. Er für seinen Teil hatte heute genug Freiheit verschenkt.

Am nächsten Morgen versammelte sich sein jetzt freies Volk wie immer in der großen Halle vor dem Thron und erwartete auf eine Beschwerde und eine Frage Antwort vom König.
Fragte der König: Was war eurer Begehr?
Antwortete das Volk: Oh, Hoheit. Wir haben nun eine Nacht freiheitlichen Schlafs hinter uns. Uns ist langweilig, kalt und wir haben noch nicht gefrühstückt. Können wir nicht wieder unfreie Untertanen sein und zurück ins Schloss kommen? Hier ist es eindeutig schöner.
Der König nickte verständnisvoll und antwortete in einer langen und sehr umständlichen Rede. Er verwendete verschiedene ungenaue Fremdwörter und nickte gelegentlich an den Stellen seiner Rede, die er selbst nicht recht verstand. Zusammenfassend meinte er dann zu seinem Volk: Ach, scheiß auf Geschichte und Freiheit. Wenn ihr wollt, seid ihr alle wieder Untertanen. Frühstück für alle.

Und so lebte dieses seltsame Volk mit seinem seltsamen König noch lange und zufrieden im Zustand der Unfreiheit.