Gottheiten unter sich

Der Gott der oberen Kommodenschublade begann seinen Disput mit dem Gott der unteren Kommodenschublade, indem er lautstark dessen Rücktritt forderte. Die untere Gottheit, repräsentiert durch eine heruntergefallene (und dann vergessene) Ecke Parmesan-Käse, weigerte sich entrüstet: Ich trete hier erst mal gar nicht zurück, treten Sie doch zurück. Der Beginn dieses göttlichen Disputs war geprägt durch eine zurückhaltende Höflichkeit, man blieb zunächst beim Sie. Die Gottheit der oberen Hemisphäre, imaginiert als eine frisch gewaschene rechte Socke (die linke war seit dem letzten Waschgang verschwunden, gleichsam als hätte man der Gottheit eine Hälfte genommen), raunzte quer durch alle übrigen (unbeteiligt wirkenden) Kommodenschubladen nach unten: Stell dich, du Schurke, du verdammter. Womit wir den Schritt hin zum weitaus beleidigenderen Du getan hätten und uns dem Vorhof der Hölle nähern. Der Gott des unteren Bereichs zuckte kurz mit einer Ecke seines ihn darstellenden Käses und schüttelte den letzten Rest von Contenance ab: Komm doch runter, du niederes Gewürm, du alter Lappen, ich zeig dir wo der Käse hängt. Sprachlos ob dieser unglaublichen Beschimpfung legte sich die Gottheit der obenliegenden Gefilde auf die Seite und starb den qualvollen Tod aller alleingelassenen Götter: Er landete in der Altkleidersammlung. Die unten darniederliegende ehemalige Käseecke (jetzt Gottheit) folgte dem Kollegen von oben nach dem Prinzip: Gehst du, dann gehe ich auch. Er flog ohne Zögern in göttlichem Bogen in die Biotonne. Soweit zur kurzen Geschichte der Kommodengottheiten.

Walter?
Ja, Liebling?
Hast du die Socken gefunden?
Nee, nicht wirklich. Aber die Kommode riecht nach Käse. Komm doch mal, Gisela.

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