Das große Schubidu

Das große Schubidu begann an dem Tag, als es der Mücke gelang, dem Elefanten ins Ohr zu stechen, ganz hinten, da, wo er auf keinen Fall mit seinem Rüssel dem Jucken entgegen kratzen konnte. Der Elefant machte, so wie es seine Art war, seine Frau Gisela verantwortlich und trat ihr gegen ihr vorderes rechtes Schienbein. Gisela kippte um und stellte sich eine Woche tot oder imitierte einen elefantenmäßig todesähnlichen Zustand. Sie atmete flach, trank im Liegen Wasser aus einer Pfütze und ignorierte alle Aufforderungen, doch bitte endlich wieder aufzustehen. Gisela hatte, anders als andere Elefanten, glücklicherweise ein Gedächtnis, das nur genau eine Woche zurück reichte. Am Ende der Woche hatte sie vergessen, weswegen sie sich hingelegt hatte und erhob sich. Günter, ihr Elefantenmann, der mit dem Mückenstich im Ohr, stimmte augenblicklich das große Schubiduhuhu an. Um keine schlafenden Hunde (oder Elefanten) zu wecken, entschuldigte er sich allerdings nicht bei seiner Elefantenfrau, nicht dass ihr hinterher noch irgendetwas wieder einfiel. Das Ende des großen Schubiduhuhus war ein hinterbeiniger Stepptanz, den Günter in der staubigen Savanne auf ein gedachtes Parkett hinlegte, so als sei er der Gott des Stepptanzes. Im Hintergrund ging, riesenhaft rötlich und dem Anlass entsprechend, die Sonne unter. Alle Menschen, Tiere, Pflanzen und sonstige Geister der Savanne hielten für einen kurzen Moment inne, starrten auf den stepptanzenden Elefanten und kratzen sich, soweit sie einen hatten, am Hinterkopf. Das taten sie solange, bis jemand mit der Hand abwinkte und sagte: Ach, das ist ja das große Schubiduhuhu. Das hab ich aber auch wirklich lange nicht mehr gesehen. Wie schön.

Seit dieser Zeit hat das große Schubidu niemand mehr gesehen. Das mag daran liegen, dass keiner richtig hinguckt oder einem beim genaueren Hingucken Zweifel kommen, ob das, was er da sieht, auch wahr ist. Günter jedenfalls hat seiner Frau nie wieder gegen das Schienbein getreten. Er steppt jetzt lieber.

Busrundreise

Links sehen Sie also das schon angekündigte Dorf. Und wie sie sehen, sehen sie nichts.
Wie nichts? Das ist doch eine Kirche, oder?
Ja, aber nicht mehr lange. Die wird morgen abgerissen. Laut Plan wäre sie ja schon letzte Woche dran gewesen, aber Sie wissen ja, Pläne sind wie, äh, na, Sie wissen schon.
Und der Hund da?
Welcher Hund? Da ist kein Hund. Da dürfen keine Hunde sein. Die wurden evakuiert. Oder, warten Sie mal. Nein, Entschuldigung, die Hunde wurden bei der Evakuierung nicht berücksichtigt. Die sind also noch da. Aber nicht mehr lange.
Zusammen mit den Katzen?
Ja, die auch nicht. Die sind dann auch weg.
Was wird eigentlich aus einem Hund, wenn er tot ist?
Atom. Er zerfällt langsam zu Staub, dann zu einem Fitzelchen von Staub und dann ist er atomisiert und verflüchtigt sich in der Luft. Passiert ja mit uns allen, früher oder später.
Und die Katzen?
Die auch. Die sind dann auch Atome.
In der Luft?
In der Luft.
Günter! Du hörst jetzt sofort auf zu atmen. Nicht dass du noch Oma einatmest. Oder Rudi.
Ihr Bruder?
Nein, unser Langschwanzara. Günter, kannst du noch?
Mhmpft.
Und das Dorf ist dann komplett weg? Das sieht doch so schön aus.
Ja, schön ist da jetzt der falsche Begriff. Schön sind zum Beispiel ja auch Feuerquallen, wenn ich da mal einen Vergleich aus der maritimen Welt nehmen darf.
Und unter dem Dorf war dann die Müllhalde?
Jawohl. Deshalb muss es jetzt auch weg. Es riecht da.
Ich rieche nichts. Riechst du was, Günter? Mein Gott, Günter! Jetzt mach mir bloß nicht schlapp. Bitte, wenn’s nicht anders geht, dann kannst du wieder atmen. Vielleicht ist Rudi ja auch gar nicht in der Nähe, als Atom meine ich. Sind Atome eigentlich größer oder kleiner als Moleküle?
Kühe? Kühe hat’s in diesem Dorf schon lange nicht mehr gegeben.
Na, dann. Fahren wir jetzt zu der Brücke, die da so einfach rum steht, mitten in der Gegend ohne alles?
Genau, ohne alles. Und anschließend geht’s dann zur Abbruchkante von diesem Loch in Dingsda, Sie wissen schon, da, wo sich dieses Loch aufgetan hat, ganz plötzlich, einfach so.
Ach, wie schön. Findest du nicht auch Günter? Sag doch mal was.
Mhmpft.

Bericht vom letzten Kongress

Anbei ein kurzer Bericht vom letzten Götterkongress in der Stadthalle von Überunterfurt am letzten Wochenende. Die Eröffnungsrede hielt wie jedes Jahr seine Obergottheit Achim, Vorsitzender und Gott ohne besondere Zuständigkeitsbereiche. Achim sprach über sein Lieblingsmotto: ‚Da wo ich bin, ist vorne.‘ und über die angedachten Steuersenkungen (auf die Hälfte) für ihn und seine Nebengötter oben auf dem Podium. Nach einer kurzen Denkpause der anmutig lauschenden Kongressgötter wurde seine Rede mit lang anhaltendem Applaus bedacht.
Anschließend kam es zu einem kleinen Affront, als der Gott der verwaltungstechnischen Vorgänge (kennt sich aus mit Vorstandsbezügen, Kassenwartswahlen und Beisitzerverantwortungsbereichen) behauptete, drei Gottheiten hätten ‚über die Stränge geschlagen‘. Jeder im Saal wusste von den nicht näher beschriebenen Vorgängen, hätte aber niemals erwartet, dass öffentlich darüber gesprochen werden würde. Der Gott der kleinen Geheimnisse (aus Fulda) und der Gott der möglichen Sichtweisen (aus Bottrop) ließen sich für die spätere Fragestunde auf die Liste vom Gott der Verzeichnisse und Auflistungen setzen.

Der Gott des üblen Geruchs, der Gott der Barhäuptigen und der Gott der altersbedingten Krankheiten zogen nach einer kurzen Beratung in einer Ecke der in göttlichem Gelb gehaltenen Stadthalle von Überunterfurt die Konsequenzen und traten von ihren Ämtern zurück. Die nicht weiter ausgeführten Vorgänge bezogen sich auf sie. Sie wussten das, die Kongressgötter wussten es, und der Gott der waghalsigen Unterstellungen ebenfalls.

Zum Abschluss des Kongresses am späten Abend (der Gott der Abenddämmerung hatte mal wieder sein Bestes gegeben) erschienen einige der berühmten Altgötter, unter anderem der Gott der Ehemaligen und der Gott der in Schande Zurückgetretenen, auf dem Podium und winkten tränenreich und sehnsüchtig bewegt den noch anwesenden Kongressgöttern zu. Die Gottheit der Mode und die Göttin der Farbdesigner nickten sich vielsagend quer durch den Saal zu. Einer der Altgötter hatte wie immer seinen gelben Pullover an, ein anderer (der Gott der verblichenen Erinnerung) die selben abgelaufenen Schuhe vom letzten Jahr.

Die Schlussrede hielt wie im letzten Jahr die übellaunige zweite Vorsitzende (Göttin der Kühlaggregate und Froster) mit einem an dieser Stelle nicht wieder zu gebenden Witz über einen unbedeutenden Gott aus dem Norden (den Gott der Sanddünen und Sandvorspülungen).

Die Gruft

Gut, mir war nicht klar, dass es auch für Kleinigkeiten Strafgerichte gibt, jedenfalls nicht solche, wie das, in dem ich mich befand, der, äh, Gruft des Grauens.
Die Gruft roch modrig feucht und strahlte eine Aura des Unheimlichen und Gruseligen aus, so wie man es von einer Gruft erwartet. Ich lag festgebunden auf einer Streckbank und blickte wohl etwas gelangweilt zur Decke, so dass mich ein bösartiger Zwerg mit einem Hackemesser in der Hand anraunzte, ich möge doch bitte schön etwas verängstigter gucken, jammern wäre auch ganz gut. Der Zwerg roch seltsamerweise nach frischen Frühlingszwiebeln und Quark. Neben ihm erkannte ich jetzt einen einarmigen Mönch, der mit seinem verbliebenen Zeigefinger an die Decke deutete und verschroben grinste. Da oben, genau dort, wo ich eine Minute vorher gelangweilt hingestarrt hatte, pendelte jetzt gelassenen Sauseschrittes das Poe’sche Pendel, das Poe-Pendel wenn man so will, dieses scharf geschliffene, halbmondförmige Körperzerteilungsinstrument, mit dem Vincent Price in den Siebzigern so anmutig seine Opfer zu Strecke gebracht hatte. Und, siehe da, in dem Moment setzte laute, hysterisch anmutende Orgelmusik ein, als Vorspiel für meinen anscheinend geplanten Tod. Ich schluckte, als ein dicker Elvis-Imitator auftrat und mir, während er Blue Suede Shoes brüllte, mit seiner Tolle die Füße kitzelte, zusammen mit einer Ziege, die den von Elvis übrig gelassenen Honig von meinen Fußsohlen schlabberte. Kurz bevor ich mich dem Wahnsinn anheim stellen wollte, wurde ich von der Streckbank gestreckt, oben und unten. Ach, ich vergaß die zeitlupenartig quietschende Kreissäge zu erwähnen, die irgendwie versuchte, zwischen meinen Beinen eine acht zu sägen, den Laserstrahl, der scherenschnittartig um meinen Körper herum die Ränder der Streckbank ablaserte, und den Atem des Todes, also den Frühlingszwiebelzwerg, der sich immer wieder zu mir herunter beugte (wie er das machte, ist mir bis heute ein Rätsel) und mich fragte, ob ich wüsste, wo „sie“ sei. Der Mönch deutete mit seinem Finger in alle möglichen und unmöglichen Richtungen, und ich erwartete, losgebunden, geschubst und auf einen Stuhl gesetzt, als nächstes von einem sadistischen Zahnarzt Löcher in die Schneidezähne gebohrt zu bekommen. Da öffnete sich links von mir, also da, wo es nichts als eine dunkle Wand gab, eine Tür, helles Sonnenlicht flutete den Raum, leichtes Wellenrauschen drang in meine Ohren, und eine Stimme sprach: Und nächstes Mal kaufen Sie sich vor dem Strandbesuch eine Kurkarte, alles klar soweit?
Ich nickte. Selbstverständlich. Ich kaufe nur noch Kurkarten. Immer. Wenn Sie das möchten. Selbst wenn ich keine brauche, kaufe ich eine Kurkarte. Ohne Kurkarte gehe ich nicht mehr aus dem Haus, das ist ist ja wohl klar.

Hallo-Apparat

Wie soll es einem schon gehen, der nachts aus dem Schlaf aufschreckt und meint, er sei aus einem schlechten Traum aufgewacht, nur um festzustellen, dass er gar nicht aufgewacht ist. Schlechtes Gewissen ist das nicht, Angst vielleicht, im Grunde läuft es auf den Hallo-Apparat hinaus. Der sieht aus wie diese chinesische Winkekatze, dieses Katzending mit dem erhobenen Arm, der vor und zurück wippt. Dazu kommt beim Hallo-Apparat sein Text: Hallo Hallo Hallo. Wie geht’s uns denn heute? Schön dass du da bist. Seit ich diesen Apparat besitze, fühle ich mich besser, nicht mehr einsam, eher beunruhigt. Darf und kann es sein, dass die Mensch-Maschine-Kommunikation mehr ist, als das Tippen auf einer Tastatur? Wenn ich meinem Handy befehle: George anrufen! Dann fragt dieses dummdreiste Gerät zurück: George Clooney anrufen? Bist du verrückt? Der geht doch sowieso nicht ans Telefon. Und da lobe ich mir meinen katzenartigen Hallo-Apparat. Der steht neben meinem Bett, wippt die ganze Nacht mit dem Arm, und wenn ich aus einem schlechten Traum aufwache, blitzt er mich an und flötet: Hallo Hallo Hallo. Dies ist kein Traum. Gut siehst du aus. Schön dass du da bist.
Heute morgen bin ich einen Schritt weiter gegangen. Nach dem üblichen: Hallo Hallo Hallo. Die Welt ist toll. Alle lieben dich. Habe ich geantwortet: Nö, das stimmt so nicht. Antwortet diese winkende Katze: Stimmt doch. Ich: Stimmt nicht. Doch. Nee. Ja doch. Nein doch. Ach leck mich.

Jetzt muss ich aber los. Der Hallo-Apparat geht noch heute zurück, ich lass mich doch nicht anmachen von einer künstlichen Katze. Vielleicht gibt es ja etwas anderes für missmutige Katzenapparateverachter oder schlechte Träumer, vielleicht der Tschüs-Sager oder Goodbye-Sänger oder…

Spitze Ohren

Gut, dachte ich mir, mach ich also mal den Kafka, die Geschichte mit dem Käfer, Sie wissen schon, der Mann, der morgens auf dem Rücken liegend aufwacht und mit seinen sechs Beinchen zappelt, Käfer eben, kennt doch jeder, abends normal eingeschlafen und morgens bist du ein Käfer.
Ich sage also gestern Abend zu mir: Hoffentlich nicht so wie der Kafka, obwohl der ja nicht selbst der Käfer war, sondern sich das mit dem Käfer nur ausgedacht hat. Ich nicht, sage ich zu mir, ich werde nicht zum Käfer.
Und morgens dann im Bett, nach einem kurzen Blick auf zwei Arme und zwei Beine, war alles so, wie es sein soll, nix Käfer. Ich raus aus dem Bett, sprungfedernartig, so wie ich das sonst nicht gewohnt bin, und hüpfe fröhlich gelaunt rüber ins Bad, auch so, wie ich das sonst nicht mache. Ich bin morgens eher der mürrische Typ, der Morgensmenschenhasser, Sie wissen schon, so einer bin ich.
Und dann stehe ich da, beglückt lächelnd im Bad, putze mir mit göttlich guter Laune die Zähne und sehe beim Blick in den Spiegel diese spitzen Ohren, spitz und oben leicht nach außen abgeknickt, genau so wie sonst auch nicht. Ganz oben auf den Spitzen so eine Art pinselartiger Büschel, links und rechts. Und während ich noch so nachdenke, dass ich jetzt ja wohl doch den Kafka mache, gucke ich nach unten und sehe die kleinen Flügelchen an den Fersen. Das war’s. Seitdem kann ich mir morgens flatternd schwebend die Zähne putzen.
Wofür das gut sein soll? Das dürfen Sie mich nicht fragen, ich bin ja nicht Kafka.

Außerhalb der Stadt

Außerhalb der Stadt riecht es nach Birnen, Bohnen und Speck, und die Mädchen tragen kurze Röcke im Sommer mit Fransen am Rand und oben und unten dran, und die Jungens springen mit den Füßen voran in den See, und die Mütter kochen immer Kaffee oder lassen den morgens gekochten Kaffee so lange durchheizen, bis er abends nur noch in kleinen Stücken zu trinken ist und einem das Herz zum Pumpen bringt, und die Männer arbeiten im Spätsommer nach der Arbeit noch auf den Feldern und fahren die Ernte ein, außerhalb der Stadt, da machen die Männer nichts anderes, als tagsüber in der Stadt zu arbeiten und abends die Ernte einzufahren, sie springen nicht den ganzen Tag mit den Füßen voran vom Steg in den See oder pinseln Zäune an oder tauschen tote durchgetrocknete Ratten gegen buntfarbige wertlose Murmeln, außerhalb der Stadt, da riecht es nach Birnen, weil da überall Birnen wachsen, ob man das nun will oder nicht, und Bohnen, die riechen, wie Bohnen eben riechen, wenn man mal eine durchgebrochen hat, da weiß man, wie eine Bohne riecht, so ähnlich wie frisch gemähter Rasen, und Speck gibt es, weil er so gut zu den Bohnen und den Birnen passt und schmeckt und so, außerhalb der Stadt.
So ist das da?
Ja, so ist das da.
Nee, echt?
Ja, doch. Wenn ich das sage.
Woher weißt du das denn?
Das weiß doch jeder, dass die da draußen irgendwie anders sind als hier.
Und das mit dem Kaffee stimmt auch?
Sag ich doch.
Hast du gesagt.
Hab ich gesagt.
Dann will ich da jetzt hin.