Die Gruft

Gut, mir war nicht klar, dass es auch für Kleinigkeiten Strafgerichte gibt, jedenfalls nicht solche, wie das, in dem ich mich befand, der, äh, Gruft des Grauens.
Die Gruft roch modrig feucht und strahlte eine Aura des Unheimlichen und Gruseligen aus, so wie man es von einer Gruft erwartet. Ich lag festgebunden auf einer Streckbank und blickte wohl etwas gelangweilt zur Decke, so dass mich ein bösartiger Zwerg mit einem Hackemesser in der Hand anraunzte, ich möge doch bitte schön etwas verängstigter gucken, jammern wäre auch ganz gut. Der Zwerg roch seltsamerweise nach frischen Frühlingszwiebeln und Quark. Neben ihm erkannte ich jetzt einen einarmigen Mönch, der mit seinem verbliebenen Zeigefinger an die Decke deutete und verschroben grinste. Da oben, genau dort, wo ich eine Minute vorher gelangweilt hingestarrt hatte, pendelte jetzt gelassenen Sauseschrittes das Poe’sche Pendel, das Poe-Pendel wenn man so will, dieses scharf geschliffene, halbmondförmige Körperzerteilungsinstrument, mit dem Vincent Price in den Siebzigern so anmutig seine Opfer zu Strecke gebracht hatte. Und, siehe da, in dem Moment setzte laute, hysterisch anmutende Orgelmusik ein, als Vorspiel für meinen anscheinend geplanten Tod. Ich schluckte, als ein dicker Elvis-Imitator auftrat und mir, während er Blue Suede Shoes brüllte, mit seiner Tolle die Füße kitzelte, zusammen mit einer Ziege, die den von Elvis übrig gelassenen Honig von meinen Fußsohlen schlabberte. Kurz bevor ich mich dem Wahnsinn anheim stellen wollte, wurde ich von der Streckbank gestreckt, oben und unten. Ach, ich vergaß die zeitlupenartig quietschende Kreissäge zu erwähnen, die irgendwie versuchte, zwischen meinen Beinen eine acht zu sägen, den Laserstrahl, der scherenschnittartig um meinen Körper herum die Ränder der Streckbank ablaserte, und den Atem des Todes, also den Frühlingszwiebelzwerg, der sich immer wieder zu mir herunter beugte (wie er das machte, ist mir bis heute ein Rätsel) und mich fragte, ob ich wüsste, wo „sie“ sei. Der Mönch deutete mit seinem Finger in alle möglichen und unmöglichen Richtungen, und ich erwartete, losgebunden, geschubst und auf einen Stuhl gesetzt, als nächstes von einem sadistischen Zahnarzt Löcher in die Schneidezähne gebohrt zu bekommen. Da öffnete sich links von mir, also da, wo es nichts als eine dunkle Wand gab, eine Tür, helles Sonnenlicht flutete den Raum, leichtes Wellenrauschen drang in meine Ohren, und eine Stimme sprach: Und nächstes Mal kaufen Sie sich vor dem Strandbesuch eine Kurkarte, alles klar soweit?
Ich nickte. Selbstverständlich. Ich kaufe nur noch Kurkarten. Immer. Wenn Sie das möchten. Selbst wenn ich keine brauche, kaufe ich eine Kurkarte. Ohne Kurkarte gehe ich nicht mehr aus dem Haus, das ist ist ja wohl klar.

One comment on “Die Gruft

  1. schindelschwinger sagt:

    ..macht irgendwie appetit auf frühlingsquark mit zwiebeln. und dann ab zum sadistischen zahnarzt:

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