Heizkosten

Der berühmte, leider schon verstorbene Indianer Lord Conroy Darbow Earthmyst III. traf sich, als er noch jünger und ein ab und zu ausreitender Indianer gewesen war, einmal im Monat mit seinem langjährigen Freund Roger, in Indianerkreisen bekannt als ‚Stelzbein-Roger‘, zum Lamentieren. Das Lamentieren fand in Lord Conroys Tippi statt, bei geschlossenem Tippi-Eingang, begleitet von einem rauchigen kleinen Feuerchen. Da sie viel zum Lamentieren hatten und die Zeit begrenzt war (Lord Conroys Frau ging einmal im Monat zu einer zweistündigen Tupperware-Party), setzten sie sich ans Feuer und legten sofort los. In der Regel lamentierte Lord Conroy als erster, Stelzbein-Roger antwortete.

Die Heizkosten.
Oh, ja.
Wasserverschmutzung.
Schlimm.
Giftige Schlangen.
Du sagst es.
Die Heizkosten.
Hatten wir schon.
Die Römer.
Meine Güte.
Die Griechen.
Die auch.
Atomstrahlen.
Die erst recht.
Politiker.
Unglaublich.
Die Heizkosten.
Da sag ich jetzt nichts zu.

Und wenn sie so am Lamentieren waren und in aller Bescheidenheit das Unglück der Welt mit ihrem eigenen Dasein verbanden, vergaßen sie alles um sich herum. Sie traten in den Zustand der Lamentier-Trance, etwas, was nur wenigen Indianern vergönnt war. Und in einem dieser Zustände glaubte Lord Conroy eines Tages eine Maus zu sehen, die sich durch ein Loch in der Rückwand des Tippis Zugang verschafft hatte. Die Maus setzte sich an das kleine rauchige Feuerchen und hielt ein Stück Marshmellow an einem Stock in die Hitze. Dabei pfiff sie ein Lied.
Roger?
Ja, Conroy?
Siehst du die Maus?
Ja.

Das war das letzte Mal, das irgendjemand die beiden Lamentieren sah.

Selbstreder

Hallo Hans! Von dir haben wir ja lange nichts gehört, was machst du denn so?
Ich rede mit mir selbst.
Wie jetzt?
Ich laufe durch die Stadt, gestikuliere mit Händen und Armen, deute mit ausgestrecktem Zeigefinger auf nicht vorhandene Dinge und lamentiere vor mich hin.
Ach du bist dieser, dieser, äh… Warum machst du das denn, Hans, es erscheint uns doch etwas ungewöhnlich?
Das ist ein Feldversuch.
Ah, diese Sache mit den Hasen und den Füchsen.
Ja auch, aber eigentlich bin ich mehr so wie ein Blatt im Wind.
Oh, Hans der Poet ist wieder unterwegs.
Wie eine zirpende Grille. Ein Mistkugel-rollender Mistkugelrollkäfer, falls ihr wisst, was ich meine.
Klar, Hans, das kam deutlich und verständlich rüber. Was untersuchst du denn so in deinem Feldversuch?
Ich versuche herauszufinden, wie die Menschen reagieren, wenn man vor ihnen steht, wilde Gesichter macht und in undefinierte Richtungen zeigt.
Und?
Ja, nichts und. Ich bin noch am versuchen. Die Leute bleiben einfach nicht stehen, es ist nicht mehr so wie früher, wo man sich noch mal freundlich ‚Guten Tag‘ gewünscht hat.
Als wir noch einen Kaiser hatten?
Kaiser hin, Kaiser her, ich mach euch das jetzt mal vor. So und so und so, seht ihr? Und rechts und nach oben gezeigt und ein Gesicht gezogen, ein kleines Schielen und ein großen Schielen. Das war doch jetzt deutlich genug, oder? Da kann man doch was mit anfangen.
Toll Hans, wirklich beeindruckend. Da müsste eigentlich jeder sofort drauf anspringen, auf ‚So und so und so‘. Uns hat’s gefallen. Nur das mit dem Schielen sah merkwürdig aus, irgendwie unecht.
Ja gut, ich bin eben kein echter Schieler, aber ich kann total gut mit mir selbst reden, soll ich das mal demonstrieren?
Danke Hans, für heute reicht es uns. Vielleicht beim nächsten Mal.

Cockerspaniel

Ein alter Spruch unter Seglern besagt: Trau niemals einem Cockerspaniel. Einer der Sprüche Salomons (der es nicht in die Bibel geschafft hat) lautet: Alles Glück dieser Welt ist ein Cockerspaniel, der nicht bellt. Bei den Mayas klagte man: Von der Wiege bis zur Bahre findest du Cockerspaniel-Haare. Und von Bismarck, diesem alten Hundefreund (er liebte nur die großen Hunde), stammt die Aussage: Hätte ich keinen Schnauzer, hätte ich einen Pudel, aber niemals einen Cockerspaniel.
Woher stammt diese anscheinend tief verwurzelte Abneigung gegen Cockerspaniel? Gibt es ein menschliches Urerlebnis, welches uns für immer mit dem Cockerspaniel verbindet? War der erste Biss in die Wade vielleicht der eines Cockerspaniels?
Wir können diese Frage nicht beantworten, glauben wir doch, der Cockerspaniel sei ein Hund. Mitnichten! Der Cockerspaniel ist, auch wenn er anmutig über eine grüne Wiese läuft, in Zeitlupe Cockerspaniel-like und elegant im Hundelaufgegenwind seine Cockerspaniel-Ohren entfaltet, dass sie wie Engelsflügel wirken, und auch wenn er ein wenig treu doof und hundeübertrieben daherkommt („Hach, was bin ich für ein glücklicher Hund.“), der Cockerspaniel ist, wir müssen es so deutlich sagen, wie wir. Er ist ein Hund wie du und ich, denn, ähäm, er trägt Perücke. Im echten Leben gibt es gar keinen Cockerspaniel, alles an ihm ist Täuschung, Illusion und Machwerk. Er imaginiert Ohrattrappen, arbeitet mit Haarimplantaten und seine so zauberhaft geschwungenen Cockerspaniel-Wimpern sind aus China importiert und angeklebt. In Wirklichkeit ist der Cockerspaniel ein haarloses Etwas ohne Namen. Jawohl.

Günter?
Ja, Gisela?
Ach nichts.

Anachronismus

Anachronismus? Ich habe keine Ahnung was das bedeutet.
Ach, wirklich?
Ja, Gisela, wirklich. Ich will das auch gar nicht wissen.
Wieso das denn nicht? Du willst doch sonst alles wissen.
Nee, ich hab mir überlegt, dass man gar nicht alles wissen muss. Man kommt auch mit Lücken durchs Leben.
Hast du dir überlegt?
Ja, und deshalb ist mir Anachronismus sowas von egal. Gibt doch bestimmt genug Leute, die wissen, was das heißt.
Ich weiß das nicht.
Ach, du auch nicht? Ist ja erstaunlich. Weißt du denn, wie man Pupsie schreibt?
Wie man’s spricht.
Puuhpsi.
Günter!
Poobsi?
Jetzt lass doch mal.
Bubsi? Buhbsie? Puapsie? Poohbsie?
Günter?
Ja, mein Schatz?
Geh mal ganz schnell in den Garten und zähl bis tausend. Dann kommst du wieder rein und guckst im Lexikon, was Anachronismus heißt. Das ist ja nicht zum aushalten.
Ok, mach ich.

Glücksmomente. Fisch.

Ein Fischbrötchen, zumal eines mit Bismarckhering, hat zwei Seiten, eine, die schmeckt, und eine, die gut aussieht. Sowohl Aussehen (vor dem Essen), als auch Geschmack (während des ersten Bissens), sind seltene Glücksmomente, frei nach dem Motto: Mein Gott, was hatte ich jetzt Lust auf ein Fischbrötchen! Die Ernüchterung folgt in der Regel kurz danach, das Brötchen ist nicht halb so knusprig, wie es aussieht und der Fisch scheint schon seit dem Tod des alten Bismarck auf einen Esser zu warten. Und, um den Pott voll zu machen (oder den Kohl rund oder wie man das so sagt), nachher liegt dieses Fischbrötchen den Rest des Tages ausgesprochen und unglaublich quer im Magen (mit jedem Aufstoßen wird man an Bismarck erinnert), dass man auf diesen einen Moment des vorfreudigen Wasser-im-Mund-Zusammenlaufens-beim-Anblick-eines-Fischbrötchens lieber verzichtet hätte, zugunsten des Magens natürlich und der Erinnerung an Bismarck. Soweit zu Fischbrötchen.
In die selbe Kerbe der unmöglichen Glücksmomente schlägt übrigens geräucherter Fisch, der in seiner geruchsmäßigen Anmutung (Wie lecker riecht das denn?), also in seiner rauchgeschwängerten Duftanbiederung, die einem beim Eintritt in die Halle einer Fischräucherei entgegen wabert, der Räucherfischgeruch also, der so unübertroffen verführerisch daherkommt, der als zu essender Fisch jedoch in seinem Fettgehalt, und in dem sich an das Fischessen anschließende Völlegefühl, unüberbietbar ist. Es soll, so heißt es in einschlägigen Fischbuden, nichts geben, was dem vergleichbar wäre, und nichts, was dagegen helfen könnte. Ein unfettes, frisch geräuchert riechendes Fischbrötchen mit noch zappelndem Bismarckhering, das wäre vielleicht eine Alternative. In Asien wird ja auch gegrillte Grille gegessen. Oder Wurm. Oder so.

Aus dem Rahmen dieser Betrachtung fällt selbstverständlich der niemals zu übertreffende Geruch frisch gemähten Grases, und die Brise, die einem von einer windig-aufgewühlten Ostseebucht entgegen streicht. Nichts kommt da ran, außer man würde das Gras essen und den Durst mit einem Schluck Ostseewasser löschen. Aber das macht ja keiner.

Dein großes I

Dein großes I, so wundervoll, so überreich, so lieblich anzuschaun, hat soviel mehr, wie, äh, zum Beispiel, das kleine i. Oder das ö. Das kleine ö hat sowas von gar nichts, das kommt direkt nach dem Eszett, noch vor dem Semikolon. Dein großes I ist überwältigend.

Dein kleines g überrascht mich immer wieder, ein Spring-ins-Feld, ein Huschdiwusch ist dieses g, ein freudiges Ereignis, ein schön anzusehender Gedanke, ein Bild von einem Buchstaben, ein verzauberter Moment. Tausendmal bedankt für dieses kleine g.

Und dann kommt es doch noch, dein kleines i, dieses winzige Stück Wichtigkeit in der Mitte, dieses vollkommen unwiderstehliche, dieses Traubensaft-ähnliche, dieses harmonisch vibrierende, kleine, klitzekleine Fitzelchen von einem i. Ohne dein kleines i wärst du ganz ansehnlich, aber mit deinem i bist du unschlagbar.

Zum Schluss die beiden t’s, der Brückenschlag in die Zukunft, der Zauberbogen, der alles möglich macht, der liebliche Zungenschlag des doppelten t, der Lispler am Ende deines Namens, der überwältigende Abschluss einer großen Liebe. Jawohl. Dafür lebe ich, für deinen Namen bete ich dich an.

Günter?
Ja, Gisela?
Ich heiße nicht Igitt.
Mist.

Ich glaube, ich bräuchte

Ich glaube, ich bräuchte mehrere von mir. Zum Beispiel einen, der mich daran erinnert, was ich gestern gegessen habe, wenn mich der Schluckauf überfällt. Oder einen, der morgens für mich aufsteht, die Zähne putzt, die Zeitung holt, und mir das gemachte Frühstück ans Bett bringt, wenn ich dann alles geklärt habe, was ich morgens so zu klären habe. Und einen, der für mich abnimmt. Und einen, der mich beim Laufen überholt, stehenbleibt, auf mich wartet und den Rest mit mir zusammen läuft. Und einen, der für mich stolpert oder sich den Kopf an einer Regalbrettecke stößt. Einen, der für mich in Hundescheiße tritt und einen, der der Bananenschale ausweicht. Und einen, der sich für mich die Nachrichten anguckt, einen, der die Werbung ausblendet, einen der für mich hustet, wenn es im Kino richtig spannend wird, einen, dessen Handy klingelt, wenn im Theater gerade jemand ‚Psst‘ macht, und einen, der sich das alles ausdenkt.
Ich glaube, ich bräuchte auch jemanden, der für mich streitet, der sich ärgert, der sich missmutig äußert, dann muss ich das nicht machen. Ich versöhne mich, freue mich und rede mit Blumen, Wolken und Puppenspielern über dies und das. Ich gucke aus dem Fenster den Flugzeugen hinterher und pflücke mir das Gute vom Leben. Ich glaube, das mach ich.