Schöne Geschichte

Das ist ja eine schöne Geschichte, meinte der Philosoph, als er erkannte, dass wir alle wie ein Hauch im Wind oder wie ein unbeschriebenes Blatt Papier sind. Dann fiel ihm ein, dass zu jedem Topf ein Deckel passt.

Das ist ja eine schöne Geschichte, grunzte das eine Schwein zum anderen, als es feststellte, dass auch Bioschweine nicht ewig leben.

Das ist ja eine schöne Geschichte, sagte der Hase zum Igel, als er zum ersten Mal von der Geschichte von Hase und Igel hörte.

Treffen Steinmeier, Steinbrück und Gabriel beim Spazierengehen im Park zufällig auf die Merkel. Sagt der Steinmeier: Achtung, die Merkel. Sagt der Gabriel: Ach, die Merkel. Sagt der Steinbrück: Ferkel? Welches Ferkel?

Gelbe Stiche

Oh Gott, ich bin blind, ich kann nichts mehr sehen.
Günter! Wir haben Sommer, es ist frühmorgens und du guckst gerade in die aufgehende Sonne. Du bist geblendet, nicht blind.
Geblendet? Ist es das, was ich vermute? Das, wo einem auch die Zunge mit einer Zange herausgezogen wird, wo sie dich auf einer Streckbank strecken, vierteilen, Kopf ab und aufgespießt auf einer Lanze vor den Toren der Stadt verhungern lassen?
Genau das.
Ich mach lieber die Augen wieder zu.
Besser ist das.
Und, Du, Gisela?
Ja, Günter?
Wenn du die Wahl hättest zwischen einem gut aussehenden, intelligenten, witzigen Mann und mir, wie würdest du dich entscheiden?
Äh.
Oh Gott, ich bin schon wieder blind. Ich sehe gelbe Stiche.

Flabberschuh

Hallo, Hallo! Ihr Schuh quietscht. Lassen Sie das bitte.
Nur hinten, mein Schuh quietscht nur hinten. Vorne flabbert er. Hören Sie? Der flabbert so komisch, flabb, flabb.
Ich kann nichts hören. Machen Sie noch mal das Quietschen. Ah, ja. Er quietscht. Quietschende Schuhe sind ja ein Zeichen für, äh, weiß ich jetzt auch nicht.
Er flabbert. Vorne, beim Einknicken noch nicht, aber wenn ich dann den Fuß hebe, so, dann schnalzt er zurück und macht dieses Geräusch. Flabb.
Flabbern ist kein echtes Wort, oder? Ich hatte mal einen Hut, der hat geflattert.
Aber nicht geflabbert?
Der Hund von unserem Nachbarn kann eine Flunsch ziehen.
Wer sind Sie denn jetzt?
Ach, ich meinte nur so. Wo wir doch alle in einem Bus sitzen.
Flunsch? Was ist denn Flunsch?
Na, so ein Gesicht. Sehen Sie?
Flabbert der auch, wenn Sie rückwärts gehen? Machen Sie doch mal.
Hier im Bus? Was sollen denn die Leute denken?
Machen Sie schon, ah, jetzt höre ich es auch. So eine Art Fluppen.
Flabbern. Für mich hört es sich wie Flabbern an.
Ich glaube, Sie sollten den Schuh umtauschen.
Apropos Fluppen.
Ach, halten Sie sich da bitte raus.
Das Flabbern hat so was beruhigendes, fast philosophisch, wenn man so will.
Meinen Sie?
Gehen Sie doch mal wie ein Storch, so staksig, wissen Sie, Füße platt aufsetzen, sehr schön. Nichts quietscht, nichts flabbert, sieht nur ein bisschen seltsam aus.
Vielen Dank auch. Ich steige dann mal hier aus.
Und immer schön staksig, dann geht das schon.
Ich glaube, quietschende Schuhe sind ein Zeichen für, äh, sagen Sie mal schnell?

Jammer.

Oh, du Grauschleier meiner Seele, du froschig launiger Tümpel meiner Träume, du Nebelschwade an meiner rückwärtigen Körperhälfte, du Wattwanderung des Lebens, du, ich rieche dich.

Oh, du träumerische Selbstsicherheit, du nächtlicher Harnandrang, du wandelbares Mottenmonster, du Schattenmorelle, du heiliges Blechle, du, ich höre dich.

Oh, du mangelhaftes Testergebnis, du Angstschweißalptraum von ehemaligem Prüfungsversagen, du nachtwandlerisch angehauchter Unfall, du, ich kenne dich.

Günter?
Ja, Gisela?
Nimm deine Tabletten und geh ins Bett.
Ok.

Trainer

Hallo, ich bin dann mal euer neuer Trainer für die nächste Saison. Irgendwelche Fragen?
Ja, Trainer.
Und?
Wie sollen wir Sie ansprechen: Du, Sie, Ihr, eure königliche Hoheit, verehrter Geselle oder einfach nur Trainer?
Äh, Moment. Trainer. Noch mehr Fragen?
Ja, Trainer. Ihr dicker Bauch.
Ja?
Hatten Sie den schon immer oder ist der durch Osmose entstanden?
Äh, Moment. Osmose. Ich habe neben einem anderen dicken Bauch gestanden, es machte ein Geräusch, und dann war er da.
Echt, Trainer? Das ist ja total abgedreht.
Wir reden hier doch von Osmose, oder? Dieser Sache mit dem Ei und der Salzlake? Wie war noch der Name?
Osmose, Trainer.
Nee, dein Name.
Äh, warum wollen Sie das denn jetzt wissen, Trainer?
Nur so, ist nichts schlimmes.
Hans.
Also Hans, hast du noch eine Frage?
Nö, Trainer. Außer Sie wüssten genaueres über die ersten paar Millisekunden des Urknalls oder Sie könnten die augenblickliche Situation am Geldmarkt etwas erhellen.
Hans? Also, wie sag ich das jetzt, äh, am besten direkt: Du sitzt beim nächsten Spiel auf der Bank.
Warum das denn jetzt?
Hat sonst noch jemand Fragen?

Nachruf

Hallo. Ich sage jetzt mal ein paar Worte über, äh, wie hieß er noch gleich? Lawrence. Lawrence? Ok, von mir aus, Lawrence war also Belgier. Oder Holländer, wie mir gerade signalisiert wird, eventuell auch Luxemburger mit südafrikanischen Wurzeln. Wie auch immer, Lawrence hat sein bisheriges Leben damit zugebracht, äh, Moment, ich kann das jetzt nicht entziffern, ah, es wird klarer, ich sehe es ganz deutlich vor mir, Philatelist. Lawrence war Philatelist. War er nicht? Na, äh, gut. Lawrence war ein amüsanter Plauderer, ein adäquater Unterhalter, eine Stimmungskanone, wenn man so will. Wie ich gerade höre, hat Lawrence eigentlich nie viel geredet, ach ja? Das ist mir neu, er konnte gar nicht sprechen? Der Arme, das tut mir jetzt leid, so jung verschieden. So. Na dann, er ist gar nicht tot? Wo ist er denn überhaupt? In Übersee? Und? Was macht er da? Er nimmt an einem Hundewettrennen teil? Wie das denn? Ach so, Lawrence hat, nein er hat nicht, er ist ein Hund. Jetzt wird mir einiges klar. Da leuchtet mir auch ein, warum ich hier diesen goldenen Knorpel, äh, Knochen übergeben soll. Sie müssen wissen, ich kann ja nicht so mit Hunden, Sie verstehen, diese Haare überall und der Geruch, gerade wenn es draußen geregnet hat, nasse Hundehaare und diese Zunge, die einem liebevoll über den Handrücken schlabbert, wie eklig, äh, ja, ich soll aufpassen, was ich sage? Wieso das denn jetzt? Man wird doch noch, na gut, im Rahmen der Hauptversammlung des Hundezüchterverbandes und der Verleihung der Preise für den Hund des Jahres, und so weiter und so fort. Was heißt denn jetzt: Schnapp? Wieso Schnapp? Wuff! Jawohl! Wuff, und ich glaube, ich geh dann mal.

Ernstes Gesicht

Ich mach dann mal das ernste Gesicht, ok?
Günter, nur weil wir jetzt auf dem Friedhof sind, brauchst du nicht ernst gucken, tust du ja sonst auch nicht. Es reicht ein zurückhaltendes, intelligentes Schmunzeln.
Das kann ich nicht.
Ach ja, ich vergaß. Intelligenz.
Nee, jetzt. Immer, wenn wir bei Oma am Grab stehn, muss ich so lachen.
Wieso das denn?
Ich kann mich nicht zurückhalten.
Günter!
Pass auf, jetzt geht’s los.
Günter! Schuldenkrise.
Ach, menno.
Atomstrahlen, Umweltverschmutzung, Politikerversagen.
Ich fall gleich den Friedhofsgärtner an, Gisela, ich mach das, ehrlich.
Griechenland.
Meine Güte, ich mach mir in die Hose. Kannst du dich daran erinnern, wie Oma von der Schaukel gelupft ist? Schwung geholt, nach vorne gelehnt und: Lupf! Da war sie siebzig, Gisela, siebzig. Mach doch was, mir kommen schon die Tränen.
Mir fällt nichts mehr Schlimmes ein, Günter. Vielleicht Furzkissen?
Gisela! Das ist ja wie Folter.
Ich meine ja nur. Am fünfundsiebzigsten holte sie plötzlich dieses Dings raus. Während der Festansprache. Und dann aber losgefurzt was das Kissen hergab.
Ich brech zusammen, Gisela.
Ein Jahr später wollte sie unbedingt Einrad fahren. In der Mongolei.
Ich bin dann mal ohnmächtig.
Und hatte sie nicht beim Hotdog-Wettessen gewonnen? Mit achtzig?
Mhmpft.
Komm, Günter wir gehen.
Danke, Gisela. Ich danke dir, deinen Anverwandten, dem Friedhof, allen. Danke, danke, danke.

Vorstellung

Hallo, mein Name ist Gordon Blau. Meine Mutter nannte mich so, nachdem sie in einem feinen Restaurant gegessen und dortselbst niedergekommen war. Ich wurde 40 Tage zu früh geboren. Sie sagte, als sie mich das erste Mal sah: Meine Güte, Gordon! Was siehst du so blau aus.
Meine früheste Erinnerung ist die an ein Brot mit Teewurst und Ketchup. Beim Essen von Spargelcremesuppe überkam mich ein Brechreiz.
Mit fünfzehn stellte ich fest, dass es immer an der Stelle, an der ich mich gerade aufhielt, regnete und nach Giraffen roch. Mit fünfzehneinhalb machte ich mich auf die Suche nach dem berühmten blauen Nilpferd. Kurz darauf klärte meine Mutter mich auf und ich vergaß das blaue Nilpferd.
Mein Vater fuhr Bahn auf der Strecke Hamburg-München. Zum sechzehnten Geburtstag schenkte er mir einen Fahrplan.
Mit zwanzig küsste ich eine Inderin. Sie schmeckte nach Gandhi.
Mit einundzwanzig verlor ich zum ersten Mal absichtlich gegen mein Gewissen.
Mit vierundzwanzig starb mein erster Hund. Er hieß Waldi. Mit fünfundzwanzig gewann ich durch Zufall den Nobelpreis für Tierliebe. Mit sechsundzwanzig stellte ich fest, dass es dafür gar keinen Nobelpreis gab.
Mit Anfang dreißig wollte ich ein berühmter Schriftsteller werden. Mit Ende dreißig erfuhr ich, dass alle berühmten Schriftsteller tot oder vor ihrem Berühmt sein gestorben waren. Seit dem schreibe ich Bedienungsanleitungen für Pfandflaschenautomaten.
Mit vierzig sitze ich oft am Fenster meiner Wohnung und beobachte Vögel. Neulich habe ich eine einäugige Taube gesehen. Im Prinzip hat mich das gewundert. Aber nur im Prinzip. Eigentlich bin ich ein sehr fröhlicher Mensch.

Wünsche

Ich wünsch mir einen Flummi, allein schon wegen des Namens. Außerdem habe ich schon sehr lange keinen mehr gesehen. Das ist ein Zurück-in-die-Kindheit-Wunsch.

Dann wünsche ich mir eine evolutionäre Idee, in etwa wie die, die derjenige hatte, der die Flügel oder die Augen erfunden hat. Natürlich die Flügel eines Engels und die Augen einer Kuh, denn das sind die schönsten.

Dann wünsche ich mir das Gemüt eines alternden Hundes, der die kalten Tage an der Heizung, die warmen im Schatten und die restlichen im Hundehimmel verbringt. Ohne murren und knurren.

Außerdem hätte ich gerne bis ins hohe Alter hinein (und auch jetzt schon) die Fähigkeit, mich überraschen und verblüffen zu lassen. Zum Beispiel durch einen guten Gedanken (oder ein Furzkissen).

Ewigen Sonnenschein und Regen des Nachts. Oder umgekehrt und einen Regenschirm.

Immer ein Spagetti-Eis in der Hinterhand zu haben. Sollte irgend etwas schief gehn, die Stimmung gegen Null oder Krankheit mir den Tag versauen, Rechnungen nicht bezahlt oder der Müll nicht geleert werden, dann hilft ein Spagetti-Eis. Immer.

Der Bär

Als der Bär das erste Mal in unsere Straße kam, hielten ihn alle für einen dicken alten Mann, der so tat, als sei er ein Bär. In Wirklichkeit war er doch ein Bär, dem es nur super gut gelang, so zu tun, als sei er ein dicker Mann, der einen Bären imitiert. Man merkte es unter anderem daran, dass er auf einem Auge schielen konnte, wenn er wollte.
Was jetzt?
Wie, was jetzt?
Was merkte man unter anderem daran? Welche Augenfarbe hatte denn der Bär? Und woran hast du erkannt, dass es keine Bärin war?
Blaubraungrüngelblich. Er hat im Stehen gepinkelt und gestunken. Und ich habe noch nie von einem dicken Mann mit einem vollkommen unlustigen Gemüt gehört, der von sich aus auf einem Auge geschielt hätte, so zum Spaß.
Na, das ist jetzt ja aber mal ein Beweis.
Sag ich doch. Also, der Bär nannte sich Hartmut und behauptete, er könne uns vor Schutzgelderpressung beschützen. Um das zu demonstrieren, holt er ein langes Bärenmesser, eine Axt, ein Seil und ein Stück Kreide aus seinem Bauchsack. Dann schielte er wieder auf einem Auge.
Was für ein Blödsinn.
Wieso?
Bären haben keine Bauchsäcke.
Nee, jetzt, der hatte aber einen. Mit dem Messer hat er dann vom Seil ein Stück abgeschnitten, mit der Kreide einen Kreis auf den Bürgersteig gemalt und ist dann Seil gesprungen. Fünfundvierzig Minuten.
Wie langweilig ist das denn?
Dabei hat er die Axt mit dem Stiel auf dem Kopf balanciert.
Ach.
Und Werner saß auf seinem rechten Fuß.
Tatze. Bei Bären heißt das Tatze.
Ok, Tatze.
Und das Schutzgeld?
Das weiß ich jetzt auch nicht mehr.
Günter?
Ja, Gisela?
Aber nicht, dass du mir den Bären mit nach Hause bringst.
Manno.