Ernstes Gesicht

Ich mach dann mal das ernste Gesicht, ok?
Günter, nur weil wir jetzt auf dem Friedhof sind, brauchst du nicht ernst gucken, tust du ja sonst auch nicht. Es reicht ein zurückhaltendes, intelligentes Schmunzeln.
Das kann ich nicht.
Ach ja, ich vergaß. Intelligenz.
Nee, jetzt. Immer, wenn wir bei Oma am Grab stehn, muss ich so lachen.
Wieso das denn?
Ich kann mich nicht zurückhalten.
Günter!
Pass auf, jetzt geht’s los.
Günter! Schuldenkrise.
Ach, menno.
Atomstrahlen, Umweltverschmutzung, Politikerversagen.
Ich fall gleich den Friedhofsgärtner an, Gisela, ich mach das, ehrlich.
Griechenland.
Meine Güte, ich mach mir in die Hose. Kannst du dich daran erinnern, wie Oma von der Schaukel gelupft ist? Schwung geholt, nach vorne gelehnt und: Lupf! Da war sie siebzig, Gisela, siebzig. Mach doch was, mir kommen schon die Tränen.
Mir fällt nichts mehr Schlimmes ein, Günter. Vielleicht Furzkissen?
Gisela! Das ist ja wie Folter.
Ich meine ja nur. Am fünfundsiebzigsten holte sie plötzlich dieses Dings raus. Während der Festansprache. Und dann aber losgefurzt was das Kissen hergab.
Ich brech zusammen, Gisela.
Ein Jahr später wollte sie unbedingt Einrad fahren. In der Mongolei.
Ich bin dann mal ohnmächtig.
Und hatte sie nicht beim Hotdog-Wettessen gewonnen? Mit achtzig?
Mhmpft.
Komm, Günter wir gehen.
Danke, Gisela. Ich danke dir, deinen Anverwandten, dem Friedhof, allen. Danke, danke, danke.

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