Keine Ahnung.

Ich hatte ja keine Ahnung, dass wenn ich mir etwas angucke, was rot ist, dass mir dann von den Quanten nur die roten Lichtwellen entgegen gewabert werden.
Ach. Ich auch nicht.
Und dass es neben Atomen auch Quarks gibt und ominöse Teilchen, die sich Strings nennen.
Oder Günter. Es gibt auch Teile namens Günter.
Und Bananen sind krumm, weil ich, ich weiß jetzt auch nicht. Aber ein Atom oder auch mehrere…
Ja?
Nee, im Ernst. Der Mensch besteht aus Atomen, oder? Und ein Tisch ja auch.
Ja. Äh. Auch.
Der Tisch ist tot. Der Mensch lebt.
Ja?
Woher weiß das das Atom?
Was jetzt?
Na, dass es einmal lebt und einmal tot ist.
Keine Ahnung. Aber gut, dass du danach fragst.

Gottheit

Der nächste bitte. Aha. Sie waren also als Gottheit zuständig für, äh, ich kann das jetzt nicht entziffern…
Giraffengeruch.
Ah, ja. Und Sie suchen nach, helfen Sie mir schnell…
Einer neuen Tätigkeit.
Giraffengeruch, neuer Job. Da gucken wir mal. Nein, das sieht jetzt schlecht aus. Könnten Sie auch etwas anderes anbieten?
Und was wäre das so?
Als ehemalige Gottheit können Sie doch mehr als nach Giraffen riechen.
Ich rieche nicht nach Giraffen. Ich lasse riechen, nach Giraffen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Dafür werde ich angebetet. Und ehemalige Gottheit würde ich auch nicht sagen. Ich bin immer noch der Gott des Giraffengeruchs, auch wenn niemand etwas von mir wissen will. (Zornerbebten Angesichts lässt die Gottheit einen knorrigen alten Baumstamm vor dem Fenster der Frau von der Arbeitsuchanstalt umkippen.)
Huch! Zu wenig Giraffen, wie? Und Panzernashorn? Könnten Sie irgend etwas Panzernashornmäßiges? Riechen oder Schnauben oder so?
Nein, tut mir leid. Panzernashorn macht meine Cousine.
Gorilla? Können Sie Gorilla? Beim Hagenbeck wird doch immer Gorilla gesucht.
Nein, auch nicht. Und bei Hagenbeck war ich schon. Die machen jetzt in Aquarium. Und Fisch möchte ich nicht.
Gut, dann kommen Sie nächste Woche noch mal vorbei. Ich will sehen, ob ich bis dahin irgendwas habe, was ihren göttlichen Fähigkeiten entspricht.
Ah, das wäre sehr schön.
Vielleicht irgendwas mit einer sitzenden Tätigkeit? Oder etwas, womit Sie anderen eine Freude bereiten?

Ideen?

Vielen Dank, dass Sie heute bei uns vorbeischauen, Rupert?
John, nennen Sie mich John.
Also, John.
Äh, lieber George. Nennen Sie mich lieber George.
Ok, George. Sie schreiben. Woher kommen Ihre Ideen? Unsere Zuhörer möchten wissen…
Gisbert. Nennen Sie mich Gisbert, und wir kommen miteinander klar.
Gisbert. Wir sprechen gerade von Ihrem Einfallsreichtum.
Randolf wäre auch nicht schlecht.
Gut, Randolf. Ihre Bücher quellen ja geradezu über vor Ideen.
Quollen.
Quollen? Was ist das jetzt für ein Name?
Mein letzter Roman wurde vor sieben Jahren veröffentlicht. Der quoll über vor Ideen.
Sie lieben es ja, Ihre Leser in die Irre zu führen. Was erwartet uns denn in Ihrem neuesten Buch?
Ich schreibe Romane, keine Bücher. Im Übrigen ziehe ich Albert vor.
Albert, von mir aus. Albert, zurück zu Ihren Ideen.
Ja, die. Ich denke nach, denke nach und dann sind sie plötzlich da.
Das ist jetzt überraschend.
Nicht wahr?
Vielen Dank, Albert, für dieses interessante Gespräch hier bei uns im Sender.
Deirdre. Wie finden Sie denn Deirdre?
Auch nicht schlecht, Deirdre. Bis bald.

Das lange Elend

Herr Schnippkoweit, in Ihrer Bewerbung schreiben Sie, Sie werden „Das lange Elend“ genannt. Gibt es dafür einen Grund?
Ja, verschiedene Gründe.
Mögen Sie uns diese mitteilen?
Nein.
Herr Schnippkoweit, in ihrer Jugend sollen Sie einmal vom Drei-Meter-Turm gesprungen sein. Ohne zu springen, gewissermaßen.
Ja.
Und machen Sie heute noch solche Sachen?
Eigentlich nicht. Ich bin neulich unter einer Brücke durchgegangen, wenn sie so etwas meinen.
Mhm. Das ist jetzt nichts besonderes. Als langes Elend haben Sie doch sicherlich Erfahrung im Umgang mit Beleidigungen und Schmähungen, Herr Schnippkoweit. Erzählen Sie doch mal.
Äh, ja, wie jetzt? Was wollen Sie denn wissen?
Wie das so ist, da oben, menschlich und philosophisch gesehen.
Hier oben scheint öfter die Sonne. Und es regnet früher.
Können Sie spezielle Kunststücke, Herr Schnippkoweit?
Nein.
Vielleicht Peddingrohrflechten oder Oregami?
Auch nicht.
Haben Sie Erfahrung im Flugzeugbau?
Eigentlich nicht.
Haben Sie uns hier unten etwas zu sagen, etwas mitzuteilen? Eine Botschaft vielleicht.
Äh. Nein.
Vielen Dank. Wir werden uns bei Ihnen melden.

Komischer Mann. So groß.
Finde ich auch.

Nichts Besonderes passiert

Ja, nee, hier ist nichts weiter los. Vor mir auf der Treppe sitzt ein betrunkener dicker Mann und starrt sinnentleert auf eine tote Taube. Zwei abgemagerte Männer halten einen Esslöffel über einen Bunsenbrenner und kochen ihren nächsten Schuss. Ein Mann versucht seinem Wolfshund ‚Sitz‘ beizubringen, ohne etwas zu sagen. Er guckt einfach zu Boden und der Hund setzt sich langsam auf seinen eingezogenen Schwanz. Dann guckt der Mann zufrieden in die Runde, ob jemand geguckt hat.
Auf der anderen Straßenseite stehen zwei schwarze Männer mit hellgrauen Sommeranzügen, der eine ein rotes, der andere ein grünes Hemd an. Der mit dem roten Hemd hat einen Koffer. Sie stehen etwas irritiert vor den Leuten vom Trinkertreff. Es sieht aus, als hielten sie das für ein normales Verhalten hier bei uns im Viertel.
Trinkertreff? Ja, da kommen sie aus allen Stadtteilen hier zu uns und trinken und unterhalten sich und gestikulieren und rauchen und trinken und brüllen und wedeln mit den Armen und pinkeln irgendwo in die Büsche. Neben die Hundescheiße. Oder genau drauf, das weiß ich jetzt auch nicht. Bei jedem Wetter morgens ab acht. Es gab schon Überlegungen, den Trinkertreff zu überdachen. Arm? Ja, das würde ich schon sagen, arm im Geiste und arm auch sonst.
Vorne am S-Bahn-Eingang stehen Zeitungsverkäufer und die, die mit den Zeitungsverkäufern nicht ins Geschäft kommen wollen, hasten vorbei, den Leuten von Unicef oder Rotem Kreuz oder Tierschutzbund in die Arme. Denen kann man nicht entkommen. Schlimmer noch ist nur die Hundescheiße, in die du ständig trittst. Oder auch nicht. Ich weiche aus, wo es geht. Vorhin zuerst dem einen Haufen, dann der Bananenschale und dem normalen Dreck. Da steht plötzlich dieser Junkie vor mir, grinst mich an: Da haste aber Glück gehabt, wa? Haste mal ’n Euro? Und dann fängt es dermaßen an zu regnen, dass ich ihm den Euro gebe. Warum? Na, die Verrückte, die sonst immer hier rumläuft in ihren Schlafklamotten, und die jeden anhaut wegen einem Euro, die war heute nicht da. Aber sonst ist nichts Besonderes passiert.

Dackelliebe

Die Dackelhündin Lydia schüttelte ihr Dackelhaar,
sie blinzelte nach rechts, nach links, und alles wegen diesem Dings.

Wie hieß er noch? Ach, Gottchen: Walter. War ein Pudel, im richtigen Alter.
Sein Herrchen, was machte es noch gleich? Ja klar, Internetstartup und ziemlich reich.

Spätabends mit Frauchen in die Singlebar, auch Walter war mit Herrchen da.
Der machte einen auf Krösus und Fett, Walter selbst war ziemlich nett.

Noch später dann, im Morgengrauen, müde, zerzaust, kaum Selbstvertrauen,
kam Lydia ein letzter Gedanke: Ich trau mich nicht und schwanke.

Das wird so nix mit Walter, der Pudel hat den falschen Halter.
Was soll das auch, dies rumgejuckel, herausgekommen wäre ein Puckel.

Oder ein Padel. Oder ein Packel. Oder ein Dadel. Oder so.

Knieknirschen

Hans, was geht?
Sagen wir mal so, es ist ja allgemein bekannt, dass ich mich unheimlich bemühe, cool rüberzukommen.
Ja, das ist wirklich unheimlich.
Ihr kennt mich ja schon ein bisschen länger und wisst, was ich meine. Das ist nicht einfach da draußen.
Ja, Hans, da sind wir bei dir. Wir unterstützen dich, warum auch immer.
Es ist zum Beispiel so, dass, wenn ich einen Raum betrete, die Leute kurz innehalten und mich mit stockendem Atem anstarren. Dann ziehe ich ’ne Lippe, in etwa so, und bestelle einen Drink.
’ne Lippe. Mhm. Irgendwie Billy Idol, aber wir haben verstanden. Und was ist dein Problem?
Beim Stehen und Rumgehen ist ja noch alles in Ordnung, aber beim Hinsetzen knirschen meine Knie.
Knirschen? Du setzt dich an einen Tisch und es knirscht und knackt und quietscht wie eine Tür in einer Gruft?
Genau. Es knirscht so wie bei einer Dose abgelaufenem Thunfisch, wisst ihr. Wenn sie gerade jemand aufmacht.
Toller Vergleich, Hans. Die Dose stinkt, du quietschst.
Und so, wie die stinkt, fühle ich mich.
Um das für uns nochmal zu wiederholen: Du kommst in ein Restaurant, cool wie ein Finne, schmeißt ’ne Lippe in die Runde, Totenstille, und während du dich an deinen Tisch setzt, knirscht du wie Quietsche-Entchen quietscht. Haben wir das richtig verstanden?
Ja. Das ist so peinlich.
Danke für das Gespräch, Hans. Wir müssen jetzt mal ganz schnell vor die Tür.