Diät

Meine Diät beginnt morgens mit einem leeren Teller. Ich konzentriere mich, denke über mein Leben nach und trinke in kleinen Schlucken ein leckeres, lauwarmes Glas Wasser. Dann lege ich eine Haselnuss in die Mitte des Tellers und stelle mir vor, wie man daraus Nutella macht, wie Nutella aussieht, schmeckt, riecht, ob Nutella besser kalt oder warm schmeckt, wie viel Nutella man wohl an einem Stück essen kann, und ob Nutella schädlich für irgendwas am Gehirn ist. Anschließend versuche ich mental und dann mit Messer und Gabel die Schale der Haselnuss zu knacken. Das Frühstück entlässt mich entspannt und zufrieden in den neuen Tag.

Bis zum Mittag halte ich mich mit den Erinnerungen an frühere Vormittage am Leben, Vormittage, an denen ich auch mal das eine oder andere Fischbrötchen gegessen oder diese oder jene Currywurst verschlungen habe. Ab und zu lege ich mir ein Kopfkissen auf die Fensterbank und denke darüber nach, ob ich, wenn ich noch mehr abnehme, überhaupt noch zu sehen bin.

Mittags gibt es einen gedanklich warmen Toast mit einem halben Meter Belag oben drauf. Tatsächlich esse ich ein Salatblatt, von dem der Strunk und die Ränder entfernt wurden. Dazu gibt es kein Salz.

Nach dem Mittag schlafe ich mit einem Völlegefühl im Magen ein und dämmere drei Stunden apathisch vor mich hin. Alle halbe Stunde muss ich aufs Klo. Ich fühle mich sowas von entschlackt, so überaus entleert, wie eine Suppenterrine ohne Suppe aber mit Kelle.

Abends lange ich nochmals ordentlich zu. Ich esse einen Rinderbraten, dreißig Hot Dogs, zwölf in Öl gebratene und in Butter geschwenkte Riesengarnelen und eine Möhre. Mir geht es gut. Bis auf die Möhre war das Abendessen erstunken und erlogen. Ich bin so dünn, dass ich im Spiegel immer an mir vorbeigucke.

Fernsehabend

Du, Gisela?
Ja, Günter?
Der Tzolumbo, der hat doch ein Holzbein, oder?
Äh, du meinst?
Nee, jetzt unterbrich mich mal nicht. Der Tzolumbo hat ein Holzbein und hieß in Wirklichkeit Peter Sellers. Oder?
Wenn du das meinst.
Also, vielleicht auch anders. Ist auch egal, weil, wo ich eigentlich draufhinauswill ist diese Gechichte mit…
Gechichte?
Jetzt lass doch mal, Gisela.
Sag mal Geschichte.
Gechichte.
Ich wusste es. Wie der Kohl. Der hat auch immer Gechichte gesagt. Oder: Das ist jetzt ein gechichtlicher Moment. Ohne s. Wie furchtbar, Günter.
Ja und?
Jetzt sag mal: Mexico City.
Mexico Sity.
Super, Günter. Wie der Valerien, der Harry, der. Der konnte auch kein Tz sprechen. Sag mal Sven.
Tzven. Tzolumbo.
Das heißt Sven und Kolambo, Günter. Kolambo.
Aber geschrieben heißt der Tzolumbo.
Meinetwegen. Und der Schauspieler heißt Peter Falk. Und der hat ein Glasauge, kein Holzbein.
Du bist aber auch, Gisela. Meine Güte. Glasauge oder Holzbein, das ist doch fast dasselbe.
Günter, die Werbung ist zu Ende. Mach mal wieder laut.

Herbstn

Im glühend trüben Morgengraun
aus verklebten Augen den Tag anschaun,
über den Holstenplatz hastet ein Pudel.

Die S-Bahn quietscht, der Pudel furzt,
es ist des Herbstn’s früher gnurz,
ein Lamm fällt dort vom Baum.

Ein Trunkenbold die Arme hebt,
wedelt, schreit: Das Lamm, es lebt!

Die Blätter welken vor sich hin.
Ergibt das irgendeinen Sinn?

Du, Günter?
Ja, Gisela?
Was soll denn das mit dem Pudel?
Der? Nichts weiter. Der lief da so längs.
Ach.

Der Dollste

Hans! Meine Güte, wie siehst du denn aus?
Das? Das ist nichts weiter. Ich beschäftige mich im Moment ja mit Sartre und mit Gesichter machen.
Jean-Paul Sartre?
Äh, Moment. Ja, genau der, ich hatte seinen Vornamen jetzt nicht so parat.
„Zur Freiheit verurteilt.“
Äh, wie jetzt?
Hat er gesagt, der Sartre.
Oh, da bin ich wohl noch nicht hingekommen. Das ist ja interessant. Was soll das denn bedeuten?
Das fragen wir dich, Hans. Und was ist mit den Gesichtern? Warum machst du Gesichter?
Ich verstehe von dem Sartre ja nicht viel, der ist doch schon tot, oder?
Ja, wieso?
Na, dem hätte ich was erzählt. Zur Freiheit verurteilt, was soll das denn nun wieder. Und da mache ich eben Gesichter. Vorhin, beim Reinkommen, da ging es um das Geworfensein, und da habe ich das Eselsgesicht gemacht, das habt ihr bestimmt gemerkt.
Äh, jetzt irgendwie schon aber auch nicht direkt, Hans. Das sah eher nur wie eine Grimasse aus.
Ok, ich muss vielleicht noch üben. Aber Spiderman krieg ich ganz gut hin und den Hulk und Lois Lane.
Ja, klar. Spiderman trägt eine Maske, der Hulk ist grün und Lois Lane? Die Freundin von Supermann? Wie sieht das denn aus?
Soll ich mal? So und so. Super oder?
Klasse, Hans. Und was kannst du noch?
Das am-dollsten-auf-der-Welt-Pischen-müssen-Gesicht, cool, nicht?
Toll. Wirklich beeindruckend. Wann machst du denn dieses Gesicht?
Morgens, direkt nach dem Aufwachen.
Ach, danke Hans. Das tat mal wieder gut mit dir.

Wärest du bereit?

Wärest du eventuell, falls die Umstände es erlaubten, sobald mein Vater und dein Vater und meine Mutter und die deinige sich einigen und die entsprechende finanzielle Unterstützung zur Verfügung stellen, wärest du dann willens, dich mit mir, ich spreche da jetzt nur von uns beiden, dich mit mir zu einer gemeinsamen Zukunft, und ich bringe an dieser Stelle mit Zuversicht das Wort „rosig“ zur Sprache, zu einer Zukunft zu verbinden, die enger nicht sein kann zwischen zwei Menschen, die sich lieben und achten, ja, ich versteige mich dazu zu behaupten: die sich mögen, die sich, ähem, wie zwei Piraten, ach, was sage ich, drei oder fünfzehn Piraten, eine regelrechte Piratengroßfamilie, durchs Leben schlagen werden, gemeinsam, vereint, Hand in Hand, du weißt schon was ich meine…
Oh, Günter…
Moment, da kommt noch mehr…
Oh, Günter…
So wie wir uns das vorgestellt haben, du und ich, wir beide, auf einer Trauminsel, auf dem Weg hinunter ans Wasser im Sonnenuntergang, Palmen, weißer Sandstrand, deine Mutter…
Oh, Günter…
…dein Vater, die Geschwister, Onkel, Tanten, Nichten und Neffen, hinter und neben uns und um uns herum, während wir beide uns die Zusage geben, die Bestätigung, dieses einzige wahre Wort der Liebe: Ja, ich will!
Oh, Günter…
Willst du mich heiraten, äh, Cynthia?
Äh, Günter…
Was zögerst du mein Liebling? Ich bin’s, dein Einziger, dein Immerwährender, dein Liebling…
Du kannst mich in solchen Momenten ruhig Gisela nennen, das ist kein Problem, das macht gar nichts.
Ach?
Und wer ist eigentlich diese Cynthia? Und kommen deine Eltern auch mit? Was soll das denn kosten? Und überhaupt, was verstehst du den unter einer rosigen Zukunft…

Die traurigste Geschichte der Welt

Ok, die traurigste Geschichte der Welt ist jetzt so traurig, dass, wenn man sie liest, einem ungefähr nach dem dritten Satz, und die Geschichte hat sehr kurze Sätze, die Tränen kommen, was nichts anderes heißt, als das man anfängt zu lesen und losheult. Im Prinzip weint man ja schon, wenn man nur den Titel der Geschichte anguckt, und nach dem fünften Satz hört man dann auf zu lesen oder zu gucken oder zu blinzeln, weil man sowieso nichts mehr erkennt. Außerdem erinnert einen die Geschichte an all die vielen traurigen Begebenheiten, an die man sich manchmal eben erinnert, an die man sich aber nicht immer erinnern will, zumindest nicht dann, wenn man eigentlich sehr konzentriert versucht, die traurigste Geschichte der Welt zu lesen. Das ist der Punkt. Die Geschichte ist so unglaublich traurig, dass es, soweit ich das weiß, noch nie jemandem gelungen ist, sie wirklich zu Ende zu lesen.
Ach?
Ja. Sie handelt von, tja, Liebe, vom Leben und vom Essen.
Vom Essen?
Ist aber nur eine Vermutung.
Nee.
Wenn ich’s doch sage.