Morgengruß.

Oh, guten Morgen, du Morgen, du. Guck nicht so blöde sonnenaufgängig in nebligem Rot, zeig doch mal deine Morgenzähne, dein eisglitzerndes Strassenglättegesicht, deine Schneefalten und Kälterunzeln, dein autosummendes Aufwachgehupe, du Morgenlärm, du Aufwecker der Menschheit, du Eroberer der Schläfrigen.

Dieser glockengeläutige Weckeraufwachruf, dieses summsige Brummen, Klingeln, Hämmern im Kopf, du widerborstiger Wecker, du unnützer Zeitenschinder, du elektrisches Dings mit Ausmachknopf, du überflüssigstes Stück Wachmachgerät. Ich dreh mich einfach noch mal um und tu dich ignorieren tun.

Ach, du gottgewollter Plagegeist, du morgendlicher Harnandrang, du dreisteste aller Mahnungen des täglichen Alterns. Ich hätt‘ es einfach wissen müssen: Morgens muss ich immer Müssen müssen.

Günter?
Ja, Gisela?
Ach, nichts.

Der menschliche Körper.

Der menschliche Körper ist im Grunde ganz einfach aufgebaut – wenn man einfach denkt. Ein weniger simpel strukturierter Mensch wie ich sieht da ja mehr die großen Zusammenhänge. Warum, nur mal so als Beispiel, habe ich da Arme, wo andere Lebewesen Flügel oder Flossen haben? Ich wäre auch gerne gefragt worden: Ein Auge, zwei Augen oder lieber blind und die Zähne eines Nacktmulls? Warum gibt es Tiere, die nur aus Fell bestehen, während mir ganze drei oder vier Haare auf dem Kopf verblieben sind? Kann es sein, dass es beabsichtigt ist, dass es bei mir immer genau da am Rücken juckt, wo ich nicht hinkomme, oder hat das etwas mit regelmäßigem Duschen zu tun? Und bei wem kann ich bitte meine Füße umtauschen? Mir ist zum Beispiel immer kalt und ich habe immer Hunger. Ich habe aber noch nie von einem Eisbären gehört, der in den Sommerferien unbedingt nach Mallorca in Urlaub muss. Haben Eisbären vielleicht grundsätzlich etwas gegen Spanier oder warum frieren die nie?
Und noch etwas: Warum stürzen sich die Tauben vom gegenüberliegenden Hochhaus immer wieder in die Tiefe, ohne mit der Wimper zu zucken (falls Tauben so etwas wie Wimpern haben), während mir beim Wäscheaufhängen auf unserem Balkon höhenschwindelig wird? Liegt das an den Tauben oder an meiner tiefen Abneigung gegen jegliche Art von Hausarbeit? Und warum kann ich die wöchentlichen Staubansammlungen in unserer Wohnung nicht einfach aufessen, sondern muss sie mühsam jeden Samstag mit dem Staubsauger zusammen saugen? Sag du doch auch mal was, Gisela!
Ja, äh, ich weiß ja auch nicht, Günter. Vielleicht hast du einfach nur schlecht geschlafen.
Oh, mein Gott.

Der Stiefelmann.

Stiefelmann wurde der Indianer im Tipi nebenan genannt, jedenfalls von Lord Conroy. Für alle anderen war das der verrückte Indianer, der immer in Stiefeln herumlief. Soweit dazu.

An einem Morgen im Dezember steckte Lord Conroy kurz den Kopf aus seinem Tipi hinaus in die kalte, neblige Welt des ersten Advents. Es schneite einen leisen, vereisten Kälteschnee und Eiskristalle glitzerten auf den Grashalmen. Vor dem Tipi des Verrückten stand ein behaarter, fast nackter Indianer in Ballerinas und rosafarbenem Tütü. Er hielt einen Arm elegant in die Höhe und drehte eine Pirouette. Lord Conroy schluckte, als diese haarige Primaballerina ihn ansah und meinte: Ich habe auch Pumps, rote Pumps. Willste mal sehen?

Ein paar Tage später, morgens, Nebel, traritrara, Weihnachtstag, und von den Tannenspitzen sah Lord Conroy bunte Lichtlein blitzen. Vor dem Tipi des Verrückten stand diesmal ein in samtiges Rot gekleideter, dickbäuchiger, weißbärtiger, freundlich dreinblickender älterer Herr mit einem riesigen Sack auf dem Rücken. Wieder der Blick hinüber zu Lord Conroy: Ich muss dann mal los die Geschenke verteilen.
Lord Conroy, verständnisvoll und hintersinnig wie immer, lächelte und dachte bei sich: Der Stiefelmann, das ist der Stiefelmann. Es gibt ihn wirklich.

 

Morgen: Apfelbaum.

Und wenn ich wüsste, dass ich morgen einen Apfelbaum pflanzen müsste, würde ich noch heute die Welt untergehen lassen. Äh. Wenn es morgen Pflaumen regnete, würde ich heute doch keinen Apfelbaum pflanzen, wie albern wäre das denn? Und wenn es mich morgen nicht mehr gäbe, würde ich heute noch einen Saum an meiner neuen Hose umnähen lassen. Oder einen Flohzirkus gründen. Oder mich gedanklich auf Weihnachten vorbereiten. Oder jemandem beim Bungee-Jumping zugucken. Oder Einparken lernen und Skateboard fahren. Oder im Kopf multiplizieren. Eine Schnürsenkel- und eine Kleiderbügel-Fabrik bauen. Einen Eimer mit Quark füllen, einen anderen mit Stollen, beides zusammen kippen und abwarten, was passiert. Ein Huhn jagen. Einen Roman schreiben, eine Kurzgeschichte und eine zwanzigtausend Verse lange komische Oper. Die Demokratie neu erfinden. Den Ablasshandel wieder einführen. Mit einer Zeitmaschine ins Jahr meiner Geburt reisen und zugucken, wie ich, noch im Kreißsaal, meinen ersten Witz erzähle. In unserem Viertel den herumliegenden Müll einsammeln und demjenigen ins Wohnzimmer kippen, der ihn verursacht hat. Und wenn das alles nichts nützt und die Welt doch morgen untergehen sollte, dann würde ich auf den Apfelbaum zurückkommen, ihn einpflanzen und zugucken, wie er wächst.

Günter?
Ja, Gisela?
Man gut, dass die Welt morgen nicht untergeht.
Du sagst es.

Ich bin dann mal krank.

Günter?
Jaähuhäh?
Könntest du heute den Müll raus bringen, Staubsaugen, Fensterputzen, kurz den Einkauf besorgen, die Blumen gießen, den Rasen mähen, die Hecke schneiden, das Wohnzimmer wie besprochen umräumen, den Keller tapezieren, das Gäste-WC neu kacheln, das Haus streichen, und beim Wagen die Reifen wechseln?
Ja, äh, kein Problem. Ich bin ja eigentlich krank, aber macht nix.
Oh, das hatte ich jetzt gar nicht bemerkt. Was hast du denn?
Schnupfen, Halsschmerzen, Gliederschmerzen, kalte Füße, leichtes Fieber und leichtes Schwindelgefühl, Taubheit im linken, Kribbeln im rechten Arm, nicht erklärbare Schweißausbrüche, Hustenanfälle, Schluckbeschwerden, ich kann mich nicht mehr bücken, kann nicht mehr sitzen, trockene Haut, raue Haut, ausgetrocknete Augen mit zeitweiliger Blindheit, Orientierungslosigkeit, schwachsinnige Anwandlungen, ich vergesse alles, was mir erzählt wird und ich weiß nicht mehr, wie alt ich bin.
Ach? Und seit wann hast du das?
Seit gerade eben.
Das ist schlimm. Dann lass das mit dem Reifenwechsel mal sein.

The Loch.

Ich bin Künstler und angelegentlich meiner Geburt wurde das erste Schwarze Loch entdeckt. Das war derselbe Tag, an dem Andy Warhol verschwand. Ich glaube deshalb an Seelenwanderung und universale Zusammenhänge. Ich fühle, was Andy gedacht hat und uns eigentlich mitteilen wollte. Diese Gedanken sind das Pfund mit dem ich wuchere.  Manche nennen mich unergründlich. Ich selbst möchte lieber mit meinem Künstlernamen angesprochen werden: The Loch.

Wenn ich will, kann man mich nicht sehen, hören, schmecken oder riechen. Ich kann atmen ohne CO2 auszustoßen, das heißt, ich lebe nachhaltig, klimaneutral und kann bedenkenlos in einer Biotonne entsorgt werden.
Im Grunde bin ich wie eine Raufasertapete. Man fühlt mich, kann mich aber nicht fassen.
Ich beherrsche Fango und Spagat.

Ich bin mehr Wert als die Summe meiner Teile. Für mein rechtes Knie zum Beispiel würde ich keinen Pfifferling bekommen.
Ich rette gerne Menschen, zum Beispiel Ai WeiWei.

Ich stehe für Freiheit, Gelassenheit und Mut zur Lücke. Ich baue Ikea-Regale zusammen wie andere Brücken oder Hochhäuser.
Ich kann meinen Arm von vorne über den Kopf auf den Rücken legen und mich an der Kniekehle kratzen. Im Grunde bin ich ein sehr kurzer Mensch mit langen Armen.

Ja, Hans, äh. Vielen Dank jetzt für diese Zusammenfassung deiner Stimmungslage. The Loch? Wie kommst du nur auf so was?

Kleinkrieg.

Gisela, du hast die Post nicht mitgenommen.
Ach, tut mir leid, hab‘ ich vergessen.
Aber du hast gesagt, du nimmst die Post mit.
Ja, ich weiß, kann ja wohl nicht so schlimm sein.
Versprochen ist versprochen.
Meine Güte!
Na, macht nix.
Wieso macht das jetzt nichts?
Wegen der Wäsche im Trockner.
Sag nicht, die ist da immer noch drin?
Nee, jetzt nicht mehr. Aber als ich gesehen habe, dass du die Post nicht mitgenommen hast, habe ich die Wäsche extra lange im Trockner gelassen.
Das geht ja noch.
Und vorher habe ich einmal richtig doll reingepupst.
Äh, wie jetzt?
Tür auf, reingepupst, Tür zu. Eine Stunde gewartet, dann aufgehängt.
Günter! Der Trockner steht mindestens eins zwanzig hoch auf der Waschmaschine. Da kann man nicht einfach reinpupsen.
Leiter aus dem Keller geholt, Tür auf, reingepupst, Tür zu, Leiter wieder in Keller.
Mein Gott.
Du hast die Post nicht mitgenommen.
Mach ich nie wieder, ehrlich.

Am Anfang war es Zucker.

Am Anfang war da dieses Wort,
dann war es nicht mehr dort,
war an einem andren Ort,
sehr weit fort.

Zur Mitte kam’s dann wieder,
sang wunderbare Lieder,
in Strapse und im Mieder,
über Holundersaft und Flieder.

Wir tanzten uns in Rhythmus,
wo man immer mit muss,
und ganz, ganz, ganz, ganz, ganz zum Schluss,
gab es dann noch Gruß und Kuss:

Alles Liebe, schöne Grüße,
deine Süße*.

*Entweder ist das ein Gedicht über eine verlorene Liebe oder über jemanden, der sich entschlossen hat, abzunehmen und dem Zucker ade zu sagen. Ich bin mir da nicht ganz im Klaren.

Und gewidmet ist dieses Gedicht Sandra Mundt vom Samundi Blog, die mich freundlicher Weise in ihre Blogroll aufgenommen hat…

Sportverletzung.

Wie ich neulich gehört habe, wird eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung voraussichtlich belegen, dass regelmäßiges Laufen die Denkfähigkeit erhöht. Man gut, denn dann ist folgendes Geschehen nicht auf meine mangelnde Intelligenz zurückzuführen.

Mir ist also erst gestern bei der Vorbereitung zum Laufen folgendes passiert, nämlich dass ich beim Zusammenbinden meiner Laufschuhe ein Stück vom Fusselteppich mit einbezogen habe, rechte Seite rechter Schuh, was ich wirklich nicht bemerkt hatte, kann ja mal vorkommen.
Ich stehe also da im Flur und stelle nix weiter fest, außer eben dieses unangenehme Festhängen am Fusselteppich und, beim ersten Läufertrippelschritt, ein seitlich vorwärts geneigtes Vornehintenüberkippen gegen die Flurwand, an das Regal an dem der Spiegel lehnt, um den Milchtopf mit den Regenschirmen herum, auf den Haufen alten Drahtzeugs, hinein in den Papiermüll, den Plastikmüll, den sonstigen Müll und den Abfall für die Biotonne, am Boden ankommend gefolgt vom umkippenden Riesenspiegel, aufgespießt von den am ehemals an der Wand hängenden Regal hängenden Autoschlüsseln, angepiekst von einer Gabel, die jemand absichtlich so deponiert hatte, dass sie bei einer Verkettung unglücklicher Umstände wie diesen folgerichtig in meinem Kopf landen musste.

Der Notarzt behauptete, mein Gehirn sei kleiner und säße, anders als bei allen anderen Läufern, viel weiter hinten, deswegen könne die tief in der Stirn steckende Gabel keine bleibenden Schäden angerichtet haben. So oder so ähnlich, das sei eine einfache Sportverletzung.