Kurze Liebesgeschichten.

Als sie sich kennen lernten, waren sie beide um die siebzehn. Später war sie dann immer die jüngere.

Sie lernten sich kennen und heirateten bald. Sie fuhren einmal in Urlaub nach Sankt Moritz. Nach der Scheidung bekam sie den Wagen, das Haus und die Kinder. Er behielt die Skisachen.

Nach der Hochzeit liebten sie sich genauso wie davor. Es war nichts anders. Außer, dass er ihr keine Blumen mehr mitbrachte.

Sie war klüger, er konnte besser kochen.

Die meisten Tage ihrer sehr langen Ehe verbrachten sie Händchen haltend und auf Kissen gestützt am Fenster. Irgendwann grüßten sie nur noch die Nachbarn, die sie wirklich mochten. Sie starben am selben Tag, er morgens, sie mittags. Sie wurden mit ihren Kissen begraben. Niemand hatte je von einer glücklicheren Ehe gehört.

Er behauptete, dass sie gesagt hätte, er hätte den Verstand eines elfjährigen. Sie nickte. Er lächelte zufrieden. Mehr war nicht.

Nach jedem Streit lagen sie sich heulend in den Armen. Irgendwann stritten sie sich nicht mehr und lagen sich trotzdem in den Armen. Nur so. Für gut.

Am Ostseestrand. Pinkelnd.

Der Ostseestrand ’ne lange Gerade,
leicht plätschernd klatscht da keine Welle,
ich pinkel eine kleine Delle.

Die Luft ist lau, das Wasser trübe,
das macht ja nix, ich übe.

Es rauschelt nichts, noch hör ich’s atmen,
dies Meer, dies glatte, kräuselnd meine Haare,
kein Windchen weht, kein Fähnchen dreht,
ich habe keine große Eile,
und pinkel noch ’ne Weile.

Von weitem hört man Hunde bellen,
einen oder zwei, vielleicht auch vier.
Mir reicht’s, das ist so öde hier.

Der Ostseestrand am Weihnachtsmorgen,
steh pinkelnd hier, hab keine Sorgen.
Das Meer wird langsam etwas gelber,
versuch’s doch mal, pinkel doch selber.

Weihnachtsgrüße.

Euch allen da draußen in den tosenden Winterstürmen, den Schneebergen und den Verwehungen, den Tiefsttemperaturen und den fünfzig verschiedenen Begriffen für Schnee, Schneefall und Eisesglätte, und ihr da hinten auf den billigen Weihnachtsplätzen in den sonnigen Gefilden des Südens (ja, ihr abtrünnig Urlaubmachenden), ihr da zwischen den Tannenspitzen, den glitzernden Eiszapfen und niemals wieder dahinschmelzenden Fahrbahnrandschneemassen, ihr Gläubigen und Ungläubigen, ihr Kirchgänger, ihr Leichtmütigen und in gehobener Weihnachtsstimmung Herumlaufenden, ihr Geschenkbeladenen und von Geldentwertung Betroffenen, ihr krisengebeutelt standhaft den Wogen der Zeit Entgegengehenden, ihr Gesunden und ihr Kranken, ihr Furchtlosen und ihr Mutigen, ihr Kauflustigen und ihr sonst und überhaupt Lustigen, ihr Weihnachtsmänner und Weihnachtsmännerinnen, ihr von Dü (Fondue) oder Kartoffelsalat mit Würstchen Essenden, ihr Wassertrinker und Weingenießer, ihr Gartenbauer und Baumfäller, ihr SUV- und Fahrradfahrer, ihr Läufer und Gewichtheber und Muckitrainierer, ihr Waschbrettbäuchigen und ihr Waschtrommelbauchträger, ihr Schnellfahrer und Langsamparker, ihr Ampelrotignorierer und Fußgänger, ihr Fotografen und Webseitenbauer, ihr Designer und Werber und Anwälte und Häuserbauer und Ladenbesitzer, ihr Kindererzieher, ihr Dicken und ihr Dünnen, ihr Großen und ihr Kleinen da draußen, ich, äh, Mist, jetzt habe ich den Faden verloren. Sag du doch auch mal was, Gisela.

Ja, Günter? Fröhliche Weihnachten euch allen.
Sag ich doch.

Der neue Gott.

Hallo! Ich bin dann mal der Neue hier. In meinen Fußspuren wachsen Gänseblümchen, Löwenzahn und Rosen, falls du das nicht wusstest. Ich atme Kummer ein und Glück aus, ich niese niemals und wenn ich jemandem diesen Finger an die Stirn halte, wird er augenblicklich ein freundlicherer, gesünderer Mensch.
Ich liebe alles und jeden, auch Schaben und Mäusekötel. Ich dufte nach frisch gemähtem Gras und wenn mir jemand begegnet, der mich nicht kennt, nicke ich aufmunternd und sage: Hallo, hallo! Was haben Sie für ein wunderschönes Gesicht! Oder, falls das mit dem Gesicht gerade mal nicht passt, verschenke ich kleine Päckchen mit Leckereien wie Teewurst, Senfgurken von Oma oder selbstgetrocknete Apfelchips.
Ich habe an den Seiten meiner Füße kleine Flügel, und wenn ich möchte, schwebe ich leise summend vor mich hin. Ich kann durch Mauern gucken, das Alter von Lebkuchen am Geschmack erkennen und weiß, wo Hase und Igel so tun, als würden sie sich nicht grüßen.
Ich habe ein schlichtes Gemüt, weiß aber im Prinzip alles über Kunst, gewaltlosen Widerstand und in welcher Reihenfolge Buntwäsche am besten gewaschen wird. Ich bin ein total superguter Unterhalter.
Ich könnte einen Sturm loslassen, wenn ich wollte, oder ein Rudel Wölfe. Ich kann eine Liste von hundert vollkommen überflüssigen Dingen zusammenstellen. Und das Beste zum Schluss: Ich lächle immer.

Was sagst du dazu, Gisela?
Günter. Danke, dass es dich gibt.
Bitte.

Der mürrische Weihnachtsmann.

Dies ist eine tragische Weihnachtsmanngeschichte, nur so vorweg, als Einstimmung, dass jeder auch Bescheid weiß.

Der mürrische Weihnachtsmann war der letzte seiner Art, zumindest an diesem 24. Dezember um diese Uhrzeit in diesem Regal. In gefühlten drei Minuten würde der Laden schließen und er, rot-weiß staniolverpackt, stand immer noch hier im Regal, neben den Schokoküssen, über den Marzipankartoffeln, und rechts hörte man die Chipstüten knistern. Was für eine Scheiße! So ein Mistsack, dieser verfluchte 24. Dezember, dieser miese letzte Weihnachtsverkaufstag das. In drei Tagen wäre er nur noch ein Viertel wert und würde zwischen alten Schokolebkuchen und gummeligen Rumkugeln als Grabbelware angeboten werden. Irgendein dummes Kind würde auf ihm herumdrücken, eine Mutterhand das Kind wegreißen mit dem Hinweis, der Weihnachtsmann sei ja alt und sähe auch vertrocknet aus. Und wenn es ganz schlecht liefe, würden sie ihn zurückschicken in die Fabrik, und abgerubbelt, verschreddert, gekrümelt und verkleinert als Osterhasenschokoladenmasse wiederverwerten. Meine Herrn, was für ein grausames Schicksal!

Im Moment der letzten Möglichkeit tauchte von irgendwo her dann dieses Kind mit seinen freundlichen Kinderhänden und den fröhlich glitzernden Kinderaugen auf. Es ergriff ihn, den letzten Weihnachtsmann, zaghaft zuerst, mit einem fragenden Blick zur Mutter, dann, weil diese weihnachtlich zustimmend nickte, fest und wissend: Dies ist mein Weihnachtsmann,  mein schönstes Geschenk.
Wie gut war im Grunde doch das Leben, ein Fest dieser wunderbare Tag. Still und demütig nickte der Weihnachtsmann in sich hinein und dankte seinem Schicksal. Auch ihn erfüllte nun die seligmachende Freude, die den heiligen Abend zu diesem unverwechselbaren Tag machte. Er war gerettet. Er würde kein Osterhase werden.

Draußen dann vor dem Laden zeigte das Kindlein sein kindliches Gemüt. Mit einem Riss fiel des Weihnachtsmannes rot-weiße Umhüllung, es knisterte, es knasterte und mit einem Biss in den Kopf endeten die Geschicke des letzten seiner Art. Ein später Gedanke des mürrischen Weihnachtsmannes war, wenn man es so sehen will, wohl auch eine Verfluchung: Na, schönen Dank auch.

Glückskerl, eingebildeter.

Ich bin’s, der Glückskerl. Da, wo ich bin, regnets nur, wenn es ein muss. Die Kartoffeln sind dicker als die Bauern und schmecken nach Sonne, die sowieso den ganzen Tag scheint, dass das klar ist.
Mir hat noch nie jemand aus Versehen auf den Teller gehustet. Essen schmeckt mir immer, ist immer genug, und selbst wenn es sich übersichtlich auf dem Teller verteilt, habe ich hinterher ein angenehmes Völlegefühl.
Ich hinke nicht. Andere mögen hinken, ich nicht. Wenn ich gazellengleich durch die Gegend laufe, werde ich aus den Augenwinkeln beneidet und bewundert.
Das Wasser, das ich trinke, hat immer irgendeinen leckeren Geschmack.
Ich bin noch nie krank gewesen, außer dass ich alle Kinderkrankheiten hatte, besonders die schlimmen, die man als Erwachsener nicht mehr bekommen darf.
Ich überfliege intellektuell anspruchsvolle Zeitungsartikel und verstehe sie auf Anhieb. In zwanglosen Gesprächen lasse ich ohne Schwierigkeiten Fremdwörter einfließen, dass es niemals übertrieben wirkt.
Ich weiß alles im Voraus, Unterhaltungen mit mir kann man sich sparen.
Ich bin besonders wenig eingebildet und vollkommen nicht arrogant. Ich bin kritikresistent und bei jungen Hunden und Kindern äußerst beliebt.
Ich bin total witzig.

Wah?
Wie wah?
Günter! Wenn du eins nicht bist, ist es witzig.
Aber der Rest stimmt doch, oder?
Nee, auch nicht.
Mist.

Der größte Liebhaber.

Der größte Liebhaber ist natürlich der, der mit seinen Händen ein Herz bildet und es der Liebsten zueignet.
Zueignet?
Na, so ein Herz machen, du weißt schon, wie im Fernsehen. Da machen das neuerdings alle. Beim Sport und beim Casting und bei dem anderen Casting und allen sonstigen Castings auch noch. Und Liebe ist nicht nur ein Wort, das sag ich dir.
Oha.
Man könnte natürlich auch sein herzförmig nacktes Hinterteil in die Kamera halten und seine Freundin grüßen.
Günter!
Liebe ist ja, laut Gott und der Werbung, in allem, zum Beispiel auch in einem Blinzeln. Guck doch mal, Gisela.
Mein Güte, was für ein herzallerliebstes Augenblinzeln.
Sag ich doch. Und jetzt stell dir vor, ich blinzle dich an, halte mein Hinterteil und meine beiden Hände in Herzform in die Kamera und frage dich vor all den Milliarden Leuten: Willst du meine Frau werden, Gisela?
Wie peinlich, Günter. Wir sind doch schon verheiratet.
Ich meine ja nur.
Und was machen Einarmige oder Blinde?
Äh, wie jetzt?
Ja, Günter, das frage ich dich. Wie soll ein Einarmiger mit beiden Händen ein Herz formen? Hast du daran vielleicht mal gedacht?
Äh, die machen das mehr aus dem Inneren heraus, so aus dem Herzen. Mit Gefühl.
Ach.

JoJo-Effekt.

Kürzlichst hat ja der Müller wieder angefangen zu Joggen. Wegen dem JoJo-Effekt waren bei ihm die überflüssigen Pfunde so überflüssig viel geworden, dass er wie eine aufgeplusterte Tomate rumlief und aussah wie eine menschliche Bombe kurz vor der Explosion. Dazu zwei Gedanken.

Gedanke eins: Kann es sein, dass der Müller auch dieses mal wieder mit großem Erfolg abnehmen und ein Buch darüber schreiben wird? Der Müller ist nämlich berühmt für seine Bücher übers Abnehmen.

Gedanke zwei: Was bedeutet dieser JoJo-Effekt eigentlich? Ist dick oben oder unten beim JoJo? Welche Bedeutung hat die JoJo-Schnur? Ist sie das Haar, an dem alle Dicken und Dünnen hängen? Wer ist der JoJo-Spieler? Ist er es, der bestimmt, ob jemand dick oder dünn ist? Sind wir alle fremdbestimmt? Oder Marionetten?

Günter?
Ja, Gisela?
Du hast am Kinn noch Marmelade vom Frühstück hängen.
Danke, Gisela.

Kurzseminar Evolution.

Darwin hat die Evolution erfunden. Während einer Reise um die Welt auf einem Schiff namens Beagle wachte er eines Morgens auf und dachte bei sich: Hach, ich bin ja gar kein Affe, sondern nur so ähnlich. Dass sein Schiff genauso hieß wie eine Hunderasse, interessierte ihn nicht die Bohne.

Vor Darwins Erfindung sind die Menschen nicht nur einfach da gewesen, sondern galten als Höhepunkt der Entwicklung des Lebens, zuständig für alles, was auf der Welt so kreucht und fleucht. Nach Darwins Erfindung sind wir Teil eines großen Ganzen. Neben uns auf den Ästen des Lebensbaumes sitzen Affen, Delfine und alabastafarbene Alpakas.

Darwins Ansatz zur Erklärung der Evolution ist der vom ‚Survival of the fittest‘, d.h. die Fittesten überleben. Dieser Ansatz führte zur Erfindung des Joggens und des Fitnessstudios. Darwin erklärt aber auch, warum Menschen und Faultiere ganz ohne Herumlaufen und Krafttraining überlebensfähig sind.

Tatsächlicherweise hat Darwin die Evolution nicht erfunden. Die Evolution war schon immer da. Genauso wie die Galapagosschildkröte.

Günter?
Ja, Gisela?
Sag noch mal Alabaster.
Alabasta.