Engelin 2. Der Japaner.

Das also war die Situation. Ich blickte nach einer kurzen Ohnmacht in die Augen von Engelin, die leise säuselnd um mich herumpropellerte. Ab und zu kicherte sie seltsam angenehm und verstreute Sternenstaub, ein Engel, keine Frage. Ich schluckte als Engelin in ein Taschentuch spukte und mir damit Mundwinkel und Kinn säuberte. Ganz toll, das machen Tanten an Konfirmationstagen, aber Engel?
Du hast gesabbert während deiner Ohnmacht, auch in höchster Not sollte man ein klein wenig auf sich acht geben, wer weiß, wer noch alles zu Besuch kommt. Du bist doch in höchster Not?
Ich nickte. Sie hatte fitzelige Haare und dieses komische Kleid an und diese säuselnden Stummelflügel, im Grunde, wenn man es genau nahm, war sie ein frei fliegender Ventilator.
Sagt sie doch: Und bitte keine Flügelwitze.
Denke ich: Gedanken lesen. Die kann Gedanken lesen.
Sagt sie: Ich kann natürlich keine Gedanken lesen. Niemand kann das. Fliegen ja, Gedanken nein. Aber lassen wir das jetzt, ich bin hier, um dir von IHM eine gute Nachricht zu bringen. Demnächst wird ein Mann an deine Tür kommen. Der Mann ist ungefähr so groß wie ich.
Sage ich: Also ziemlich klein, tolle Nachricht das.
Sagt sie: Er hat einen Schnurrbart und ihm fehlt an der rechten Hand der kleine Finger. Du wirst ihn sofort erkennen.
Frage ich: Yakuza? Japanische Mafia?
Sagt sie: Gartenfreund. Heckenschere.
Ach.
Ja, und jetzt kommt die Nachricht: Was der Mann dir anbietet, solltest du machen. Dann wird alles wieder gut.
Sagt IHM?
Sagt ER.
Es klingelte und ich erwartete jetzt natürlich diesen Mann ohne kleinen Finger, meinen Retter aus höchster Not. Stattdessen steht Onkel Werner vor der Tür.
Junge, was machst du denn für Sachen?
Onkel Werner nannte mich immer Junge, egal wie ich alt ich war. Trotzdem stand er mitten in der Nacht vor der Tür und bot mir eine Tüte Chips an. Das muss man erst mal bringen.
Hier, mein Junge, von der Tankstelle, für den Anfang. Da kommt noch mehr.
Ich schluckte und fühlte mich überfordert. Hinter ihm stand Ilse, seine Frau, die in ihrer Jugend als Schlammcatcherin einigen Ruhm erworben hatte. Ich deutete verlegen auf Engelin, die immer noch herumpropellerte: Das ist Engelin. Die kommt von IHM. Und von IHM kommt auch noch mehr.
Ilse setzte das verständnisvolle Gesicht einer ehemaligen Catcherin auf und trug mich zusammen mit Engelin zum Sofa. Und da saß ich dann den Rest der Nacht und durfte auf den Mann mit den neun Fingern warten, diesen ominösen Japaner.

Fortsetzung folgt.

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