Die Alsta, Alta!

In die S-Bahn an der Holstenstraße Richtung Innenstadt, vorher vorbei am Jahrestreffen der wilden Anonymen am Trinkertreff, raus aus Altona Nord, hinein in die Ruhelosigkeit der Sternschanze,  Versprechen ewiger Messehallenglückseligkeit, krawalliger Mai-Demos und lebendiger Altbausanierung. (Was für ein Satz, das musst du erst mal bringen, Alter, echt.)

Ran an den Speck am Dammtorbahnhof, dieser andauernden Brückenbaustelle, schrägstaubende Sonnenstrahlen durch die Bahnhofshaube, vorbei am Uzzi-Kino oder Fuzzi oder so, zu diesem überwältigenden Anblick der sich in der Alster spiegelnden Innenstadthäuserreihen, altgraubacken mit kichererbsengrünen Dächern, wunderwunderwunderbar links das Hapag Lloyd Gebäude, und dahinter das Rathausmonstergroßehaus und dahinter die Kirchen von Sankt und Johannis und die Kreuzkümmelkirche oder so, die im Krieg zerstörte, dieses langsam zerbröckelnde Kriegskreuzworträtsel: Warum ham se die denn stehen lassen?

Und dann, nicht mehr sichtbar, der Hafen mit der Hafencity, dieser reihenweise angehäufelten Masse quadratischer Klopse mit Fenstern und Hochwasserschutztoren und einem supersozialen Wohnungsbauhausklöpschen, bekrönt von der Dingenskirchen-Opern-Ballett-Halle mit den handgepusteten Fensterchen, teurer als ein Latte Macchiato oder zwei, aber billiger als jeder Ferrari, im einzelnen betrachtet, meine ich, also pro Fenster gesehen ist die Elbphilharmonie weitaus billiger als zum Beispiel ein Einfamilienhaus.

Und zurück zur Binnenalster, du im Morgenlicht glänzende, du Edelstein, du Tropenaquarium unter den Stadttümpeln der Welt, du wunderbarstes Stück Hamburg. Alles klar bei dir? Ich seh dich.

Ey Alta, guck ma! Is das die Alsta Alta oder was jetz? Echt trocken, das Teil.
Das ist die, äh, Alster, nee ehrlich.
Ey super, ey. Guck ma Günni, die Alsta.

Ich muss dann mal aussteigen, glaube ich, sofort.

Miesepeter.

Miesepeter war der Meinung, Vokale in Wörtern seien überflüssig. Er verhunzte seinen Namen zu einem ärmlich kurzen Msptr und ärgerte sich so über Vokale im allgemeinen, dass er sein Kopfkissen knuffte, knüllte, knüddelte und vierteilte. Dann wachte er mit schlechter Laune auf.

Morgens musste Miesepeter immer. Morgenmüssen ist noch überflüssiger als Vokale, dachte er, zumindest wenn man auch schon nachts gemusst hatte.

Miesepeters Frühstück bestand aus einem Glas übriggebliebener Kapern und einem trockenen Zwieback. Die Kapern sahen aus wie Kaulquappen. Die Sonne schien. Super. Sie schien so hell, dass er die Buchstaben in der Zeitung nicht erkennen konnte. Die Zeitung war von gestern. Die von heute war mal wieder nicht geliefert worden. Draußen bellte ein Hund.

Mittags gab es nichts im Fernsehen. Nur Wiederholungen und Dekorationstipps für Frühjahrsmüde.

Nachmittags konnte er nicht schlafen, weil im Haus nebenan, über ihm, unter ihm und im Hinterhof gehämmert, gesägt, gebohrt, geschreddert, gefräst und saniert wurde.

Abends guckte er Talkshow. Er fand, dass alle, die in Talkshows etwas zu sagen hatten, Schwätzer waren, egal, welche Meinung sie vertraten. Später konnte er vor Aufregung über die Schwätzer nicht einschlafen.

Nachts träumte er dann deprimiert von einer Müllhalde.

 

Frühlingszwiebel.

Hach, ich fühle mich wie eine Frühlingszwiebel, frisch und fruchtig frühlingshaft, den Winter über verschlummert in der Erde vergraben, von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Behutsam strecke ich mich und jetzt, in diesen zauberhaft sonnenwärmeren Tagen, werde ich lebendig, beginne zu wachsen, voll Kraft und sattem Grün und dem Willen zu erblühen, und dann macht es Pffhht und ich…
Was macht das, Günter?
Pffhht.
Das hört sich an, als ob man bei einem Luftballon die Luft raus lässt.
Na ja, vielleicht auch Ppplllp.
Ppplllp?
Plopp?
Das passt zu dir, Günter. Plopp. Das kommt richtig gut rüber.
Ich ploppe und strecke mich und breche durch die Erde ans Licht und erblühe und dann…
Was dann, Günter? Nu sag doch schon.
Dann kommt dieses blöde Viech von Hund unserer Nachbarn und kackt mir in die Tulpe.
Günter! Man sagt nicht Kacken.
Schietern? Ein Häufchen machen. A-A?

 

Nogger. Sommer.

Von Süden kommend in die Stadt hineinfahren, grinsend im Halbdunkel rechts die Köhlbrandbrücke erahnen, geschwungen wie eine Brücke über einen Fluss, die geschwungenste Brücke überhaupt, und davor, direkt neben der Autobahn, die stapelweise gestapelten Containerstapel, diese Legoklötze, diese Blechdingenskirchendinger, und links, für die Containerfrachter, die monströsen Superkrakenkräne, die jedes Kind gerne als Kind gehabt hätte, da hinten, in diesem überirdisch hellen Licht im Abenddunkel, das ist Hamburg von Süden, das Aufregendste, was man sich an Stadteinfahrt vorstellen kann.

Dann durch den Elbtunnel, diese lange Röhrenjeans, dieses elende Stück unter der Elbe, dieses Nasenloch der Stadt.

Am Ende des Tunnels die zweite Ausfahrt raus, dann wieder rechts, schon mittendrin im Stadtverkehr, wie kann man nur hier wohnen, direkt am Tunnel, an der ersten Tankstelle vorbei, an einem Rewe, einem Reifenhändler, einem Laden für Friseurbedarf, die müssen ja auch mal was kaufen dürfen, die Friseure die, dann eine Haspa, ein McDonalds, gegenüber die zweite Tankstelle und noch eine und dann keine Tankstelle mehr zwischen den ganzen Wohnblocks mit den Wohnenden.

Unter dieser elendigen S-Bahn-Brücke durch, links mal schnell abgebogen, rechts um die Kurve, jetzt auf keinen Fall abbiegen, nur rechts die Kurve, immer dem Straßenverlauf folgend, geradeaus über die Kieler, hoppla, schnell noch einen Parkplatz gesucht, gefunden, raus aus dem Auto und hoch die sechsundneunzig Stufen in den vierten Stock, Wohnungstür geöffnet, Klamotten in den Flur geworfen, Hemd aufgerissen, raus aus der Hose und hinten links in die Küche, links der Kühlschrank, die Hand ausgestreckt, unten ins Kühlfach gegriffen und gesucht und gegrabbelt und zack! hab ich das Nogger in der Hand. Meine Güte, wie lecker. Ein Eis in dieser Hitze an diesem Abend in dieser Stadt.

Wenn die Sonne baden geht.

Die Sonne hat so eine Macke,
beim Baden trägt sie Badekappe,
wo Fische ihre Runden drehn,
kann man sie beim Baden sehn.

Am Ufer eine Muschel kichert
und dem Ostseekrebs versichert:
Die badet nicht, die gluckert.
Der Krebs hat gar nicht hingeguckert.

Im Hintergrund beim Horizont,
nicht wie sonst, ganz ungewohnt,
hört man dieses Jaulen,
die Sonne war am Kraulen.

Erst schnell, dann nur noch munter,
nach fünf Minuten ging sie unter.

Verschimmelte Helden.

Der Erfinder von Nudeln mit Gorgonzola-Käse-Sahne-Soße ist ein Held und wahrscheinlich schon lange verschimmelt. Derjenige, der Nudeln mit Ketchup entdeckt hat, ist selbstverständlich auch ein Held.

Politiker sind Helden, weil sie im Grunde wie du und ich sind. Sie sind putzig anzusehen, humorvoll bei jedem Blick in die Kamera und getrieben von dem Bedürfnis Gutes zu tun. Uneitel erledigen sie ihren Job. Niemand wartet darauf, dass sie verschimmeln.

Journalisten sind von sich aus gute Menschen. Sie suchen ausschließlich nach der Wahrheit und sind uneigennützig bemüht, die Welt besser zu machen. Sie sind sehr unterhaltsame Helden. Sie finden Schimmel. Immer.

Kinder sind Helden, weil sie so supitoll jung und unverschimmelt sind. Sie sind zum Knuddeln und zum Liebhaben und die eigenen Kinder sind ja bekanntlich immer klüger als zum Beispiel schwedische Kinder oder dänische. Aber das macht nichts, alle Kinder mögen Kekse.

Ich bin ein Held. Ich habe nicht zugenommen und bin niemals mürrisch. Irgendwo an mir schimmelt es. Glaube ich.

Günter?
Ja, Gisela?
Was ist denn das grüne Zeugs da an deinem Arm?
Ach das. Spinat.
Na dann bin ich ja beruhigt.

 

Bernd Bernd.

Manche Menschen haben einfach kein Glück. Nichts stimmt bei ihnen, alles sitzt schief, da passen Vorne und Hinten einfach nicht zusammen. Und dann ein Name, der immer gleich ist, fast wie Otto Otto, nur noch schlimmer. Genau so ein Mensch war Bernd Bernd.

Bernd Bernd war nicht besonders helle, was ihn nicht weiter störte. Bernd Bernd zog selbst auf dem Rummelplatz nur Nieten. Da konnte er mit umgehen. Was ihn wirklich störte, war dieser Name. Wer möchte schon Bernd Bernd heißen?

Bernd Bernd ist doch kein Name.
Doch, ein Doppelname. Mein Vorname ist Dieter.
Dieter Bernd Bernd?
Nee, war gelogen. Nur Bernd.
Und mit Nachnamen?
Auch Bernd.
Wie blöde ist das denn?

So ging es schon seit Jahren, seit seine Mutter wieder geheiratet hatte, einen Herrn Bernd von der Stadtreinigung. Seitdem hatte er dieses Problem. Der Bernd. Bernd.
Was kann ich denn dafür, dass der Junge auch Bernd heißt? So einen Zufall soll das erst mal geben, meinte der Herr Bernd, der mit Vornamen Liebling genannt wurde, der Herr Bernd, der Liebling, der.

Eines Tages, so schwor sich Bernd Bernd, wenn ich groß genug bin, geh ich zur Namensumbenennungsstelle und nenne mich Benno. Das schwöre ich.
Benno Benno? Oder wie jetzt?
Das sehn wir dann. Aber auf keinen Fall mehr Bernd.

Engelin. Jahresendgespräch.

Engelin musste zu ihrem Jahresendgespräch mit Gott. Er nannte das „Fördern und Fordern“. Engelin war sehr aufgeregt, Gott nicht.

Die erste (unüberwindlich scheinende) Hürde auf dem Weg zum Gottgespräch war die Himmelstür. Sie war etwa eine Milliarde hoch zehn mal die Wurzel im Quadrat von elf mal größer als Engelin. Engelin zog an der Klingelschnur, eine Mikrosekunde später öffnete sich exakt in Höhe von Engelins Kopf ein kleines Fensterchen. Ein kleines Männchen (Typ Torwächtergiftzwerg) steckte den Kopf raus und raunzte unverständlich: Was wünschen Sie bitte?
Haben Sie mal ein Kaugummi?

Nach einigem Hin und Her saß Engelin dann mit Gott zusammen bei ihrem ersten Fördern und Fordern Gespräch. Gott knabberte Haferkekse, Engelin kaute auf ihrem Kaugummi herum. Gott pupste leise, was Engelin doch erstaunte, und Gott zog eine Augenbraue nach oben, mehr nicht. Wahrscheinlich, dachte Engelin, glaubt er, dass er das darf.

Engelin bekam eine Fünf für ihr Benehmen in öffentlichen Räumen, das lief, laut Gott, unter Fordern. Sie möge sich zukünftig doch etwas zurücknehmen. Engelin fragte Gott, mit wem er denn seine eigenen Fördern und Fordern Gespräche führte. Gott zog wieder eine Augenbraue nach oben (diesmal die andere). Die führe ich mit mir selbst. Na, da gibt’s dann wohl eine sechs fürs Pupsen, oder?

Engelin bekam zur Erhaltung ihres Selbstvertrauens fünfzehn neue Federn pro Flügel.

Fix. Detektiv. 06. Spuren. Schluss.

Klar und übersichtlich ergrübelte Fix schließlich ein Verbrechen aus Leidenschaft: Der Indianer Kotopax, voll leidenschaftlicher Eifersucht auf den Hund der Lola Montez (denn Lola liebte den Hund mehr als ihn), will diesen töten und kann es nicht. Stattdessen hängt er den Hund zum Trocknen an eine Wäscheleine. Leidenschaftlicher als das geht ja gar nicht, dachte Fix.

Als Fix am nächsten Tag auf der alljährlichen Spendengala für südamerikanische Indianervölker dem Indianer Kotopax gegenüberstand, erkannte er sofort, dass dieser keine Tellerlippe hatte. Und zur Eifersucht auf einen Hund gab es auch keinen Grund, denn Kotopax sah aus wie die bolivianische Ausgabe eines supererfolgreichen amerikanischen Schauspielers, dessen Name Fix verdammt noch mal nicht einfiel. Außerdem war Kotopax total nett und voll in Ordnung.

Fix musste mitten in der Nacht zur Toilette. Das wollte er zwar nicht, aber er tat es trotzdem.

Am Morgen des letzten Tages seines ersten Falls erfuhr Fix, dass Lola Montez die Stadt verlassen hatte. Zusammen mit dem Chef der Firma in der Fix Buchhalter war. Ohne den Hund. Mist.
Dieses Biest Lola Montez hatte ihn mit einer nicht vorhandenen Hundeentführungserpressung beschäftigt, damit er nicht bemerkte, wie sein Chef die Konten der Firma plünderte. So einfach war das. Der ganze Fall war eine Erfindung.

Fix ging raus vor die Tür und brüllte so laut er konnte: Mphft!? Vor ihm saß Peggy Sue, Lola Montez vermeintlich wäscheleinengetrocknete Foxterrier-Basset-Mischung mit so was von original Basset-Ohren, originaler geht nicht. Fix nickte. Er hatte einen Hund.