Der Mittelpunkt.

Der Mittelpunkt des Universums ist, äh, ein Punkt von der Größe einer Kugelschreiberspitze. Auf der linke Seite des Mittelpunktes lebte Jürgen, rechts Dörte. Jürgen und Dörte waren ein verhindertes Liebespaar, da eine ungeschriebene Regel (die Regel von den Ü’s auf der linken und den Ö’s auf der rechten Seite des Mittelpunkts) besagt, dass die linke und die rechte Seite niemals zueinander kommen können. Niemals. (Zur Ausnahme kommen wir gleich.)
Links des Mittelpunkts hießen alle und alles irgendwas mit ü, rechts gab es nur ö’s. Dörtes Vater zum Beispiel hieß Björn, backte Brötchen, trötete Flöte, grölte in höchsten Tönen, usw.
Nach den Maßstäben des Universums (und auch denen des Mittelpunkts) lebten Jürgen und Dörte also unendlich weit von einander entfernt. Die einzige Art der Kommunikation, die das ungeschriebene Gesetz der Ü’s und Ö’s zuließ, war das Jodeln. Jürgen jodelte seine Liebe morgens in die Weite des Universums (und damit um den Mittelpunkt herum). Dörte jödelte abends zöröck. Das war’s. Mehr ging nicht. Bis eines Tages ein Äh auftauchte: Äh, sorry auch, kann ich euch irgendwie helfen?
Das Äh war die oben schon erwähnte Ausnahme. Äh’s überwinden Zeit und Raum und Differenzen. Und Äh’s bringen verloren geglaubte Liebende zusammen. So auch in diesem Fall. Jürgen und Dörte trafen sich in der Mitte des Mittelpunkts des Universums und gründeten eine Familie. Dörte behauptete zwar, sie hätten eine Familie gegröndet und der Ört, wo das alles stattfand, hieße Grönland und nicht anders, aber das sind Feinheiten und Goldwagigkeiten, die Jürgen nicht aus der Ruhe brachten. Alles wurde gut und sie hatten zwei Kinder: Jörgen und Dürte.

Dürte?
Ja, äh, wieso denn nicht, Gisela?
Wie furchtbar.

Geistergeschichte.

Mein erster Geist war ein toter Iltis. Der lag bei uns im Garten. Mein Bruder meinte (schlau wie er war nach einem Blick in ein Tierkundebuch), das sei ein Marder. Ich verstand „Mörder“. Mein erster Geist war ein mördernder Iltis.

Der nächsten Geist begegnete mir im Traum. Es war Onkel Richard. Seltsamerweise hatte Onkel Richard in meinem Traum einen Hut auf und nannte sich Barton Balloon. Ein Ballongeist sozusagen.

Mein Lieblingsgeist ist der Geist der gegenwärtigen Weihnacht. Weihnachten ist doch sowieso irgendwie und immer.

Der neunte Geist meines Lebens war ein Idiot, der zehnte eine Heulsuse.

Ich möchte eines Tages als Kopfgeist zusammen mit dem Iltis auf einer Parkbank sitzen und Kinder erschrecken. Ich, nur Kopf mit Sonnenbrille, rufe: Buh! Der Iltis stinkt so vor sich hin.

Schmaler Grat.

Es ist ein ganz schmaler Grat zwischen Dichtung und Wahrheit, das kann ich dir sagen.
Ach?
Ja, Gisela. Da stehe ich hier an der Teppichkante, bereit für den Sprung in den Abgrund.
Den Abgrund?
Vom Teppichrand in den Schlund der Wollmaussiedlung dort links, dem Verein der Kekskrümel dort rechts oder einfach auf das Eichenholzparket ohne alles, kalt und leblos. Wie drohend ist diese Tiefe, Gisela. Oh weh.
Oh weh?
Welch schmaler Grat zwischen Dichtung und Wahrheit in diesem Moment, in dem ich mich verabschiedend in die Tiefe stürze, diese Sekunden vor dem endgültigen Filmende, dem Schluss, dem Aus.
Du redest vom Sprung von der Teppichkante, Günter.
Da trifft mich dieses Raumschiff der Außerirdischen mit Wucht und wie ein Keulenschlag an der Stirn.
Günter, wo denn?
Ok, kleine Außerirdische in einem winzig kleinen Raumschiff bei einem zufälligen kurzen Flug durch unser Wohnzimmer. Aber immerhin groß genug, um meinen Sturzflug in einen Salto rückwärts zu drehen, so schwunghaft, dass ich ohne Umschweife wieder auf dem Teppich lande.
Umschweife?
Ich lebe, Gisela, ich lebe! Ist das nicht wunderbar? Ich bin vollkommen unversehrt. Es ist ein Wunder. Ich bin dem Abgrund entronnen, dem Tod von Schippe gehüpft. Ich bin ein neuer Mensch.
Zauberhaft, mein Liebster. Und was willst du mir damit sagen?
Ich schaff das heute nicht mit dem Staubsaugen. Gisela? Wo willst du denn hin? So sag doch was.

Der Hase.

Als Jesus zum ersten Mal einen Hasen sah, dachte er für sich: Äh, warum hat der Hase denn so lange Ohren? Erstaunlich daran war, dass er ‚Äh‘ gedacht hatte und dass er wusste, dass dieses Tier mit den langen Ohren ein Hase war und, nur so als Beispiel, kein Günter. Sonst hätte er ja wohl zu sich gesagt: Äh, warum hat der Günter denn so lange Ohren? Wobei er natürlich festgestellt hätte, dass ich gar keine lange Ohren habe, oder Gisela?
Ja, Günter.
Jesus sah also diesen Hasen mit seinen langen Ohren und lief zu ihm hin und der Hase blieb sitzen, was Hasen sonst nicht tun, und Jesus zog vor Freude den Hasen an seinen Ohren und der Hase ließ das zu, was Hasen normalerweise auch nicht tun, und Jesus sagte: Hallo Langohr. Hörst du, Gisela?
Ja, Günter. Jesus sagte zum Hasen: Hörst du, Gisela?
Nee, Gisela, das hat er natürlich nicht gesagt. Woher sollte er dich denn kennen? Und du siehst doch auch gar nicht aus wie ein Hase. Obwohl, äh, zeig doch mal deine Zähne.
Günter!
Hallo Langohr, sagte Jesus also zu dem Hasen, und: Jetzt hoppel mal da übers Wasser. Und der Hase tat, was Jesus ihm gesagt hatte. Jesus fing an zu lachen und lief dem Hasen hinterher. Und das war dann dieser berühmte Moment, von dem immer alle reden.

Günter?
Ja, Gisela?
Ist Jesus echt übers Wasser gehoppelt?
Ach, was weiß ich. Jetzt kommt Quo Vadis im Fernsehen. Mal sehn, was da so alles passiert.

Hamburg. Schlump.

Schlump ist die U-Bahn-Station am, äh, Schlump. Oh, du mein Schlump. Jemand, der dort einsteigt, geht nicht in die Hölle, sondern in den Schlump. Wem dort schlecht ist, dem wird schlumpig. Wer mal müssen müsste, muss woanders Schlumpen. Wer im Imbiss an der Ecke Pommes Mayo bestellt, bekommt Schlumpe. Schlump ist die Warze auf der Nase Hamburgs. Schlump ist der Wurmfortsatz Eimsbüttels und Eimsbüttel ist ja sowieso, allein schon wegen des Namens. Willst du nach Eimsbüttel, nimmst du am besten die U3 zum Schlump. Was ist ein Schlump? Und was ist ein Büttel? Ein Eims?

Neulich gingen ein kleiner und ein großer Schlump zum Schlump. Plötzlich entdeckte der kleine Schlump inmitten dieser Ansammlung von Teer, Beton, Gehwegplatten und Füßen eine Blume. Oh, eine Schlumpe, sagte der kleine Schlump, und freute sich ein Loch ab. Das ist eine Blume, antwortete der große Schlump sehr sachlich. Blume? Eine Blume? Was ist eine Blume? Das ist eine Schlumpe! Ok, das ist eine Schlumpe.

„Ich lass mich nicht schlumpen“ bedeutet nichts weiter, da es das Wort „schlumpen“ gar nicht gibt.

Schlump ist neben Bottrop meine Lieblingsortsbezeichnung. Wohnte ich nicht hier, wo ich wohne, wohnte ich am Schlump.