Im Anzug.

Ich gehe heute im Anzug zur Arbeit. Vor dem Helm ziehe ich mir natürlich die bis zu einer Temperatur von minus 280 Grad wasserdichten, geruchsunempfindlichen und schmutzwasserabperlend beschichteten hellgrauen Moonboots an. Damit stakse ich wie auf gargekochten Kartoffeln die Treppen runter, kann aber auf keinen Fall umknicken oder etwa den mittleren rechten Zeh brechen. Hüpfen geht auch nicht, man läuft eben so, wie man auf dem Mond Gassi gehen würde. Deswegen ja auch der Helm. Wenn ich mit meinem sonnenbrillenglasspiegelndem Rundumschirmhelm in die S-Bahn einfalle und auf alles trete, was sich fest und fußförmig anfühlt, ist das für mich ok. Die anderen Fahrgäste glotzen natürlich und finden das gar nicht ok. Geschimpft wird, wenn ich alleine eine Vierer-Sitzecke besetze. Neulich hielt mir doch ein erboster Mitfahrer ein Schild vor den Helm: Fahrräder und Raumanzüge sind zwischen 6:14 Uhr und 23:42 leider nicht erlaubt.

Schlimm wird es nachmittags im Büro. Wenn die Sonne trotz edelstahlgerahmten sonnenlichtabsorbierenden Jalousien vor den Fenstern auf meinen Schreibtisch brennt und mich langsam erhitzt. Irgendwann fange ich an zu sieden. Eine nassfeuchte Suppe bahnt sich innen im Anzug ihren Weg nach unten in die Moonboots, sammelt sich dort und verdampft wieder nach oben, wo sie den Helm von innen beschlägt. Ich erzeuge sozusagen mein eigenes Mikroklima inklusive Verdunstung der Weltmeere, Abschmelzen der Polkappen und Wolkenbergen. Ich sehe nichts mehr und quietsche beim Sitzen. Eigentlich ist es ja mehr ein Quatschn, ohne e. Hole ich mir z.B. rechts einen Ordner: Quatschn, greife ich links zum Telefon: Quatschn. Kratzen am Rücken oder Ellenbogen wenn’s juckt geht übrigens auch nicht.

Abends spare ich mir die Mühe und gehe im Anzug ins Bett. Vorher dusche ich noch kurz ohne Helm und Boots, das lässt die Feuchte des Tages glatt und sauber durchlaufen. Danach liege ich meist mit seitlich ausgestreckten Armen auf dem Bauch im Bett und starre durch den Helm auf mein Kissen. Gegen elf geht dann von alleine das Licht aus.

Leider habe ich nicht viele Freunde, Hunde jaulen laut auf, wenn sie mich sehen, und Kinder laufen verschreckt zu ihren Vätern, die drohend ihre Fäuste schütteln. Vielleicht sollte ich einen anderen Beruf ergreifen. Imker oder so was. Irgendwas ohne Menschen.

One comment on “Im Anzug.

  1. Interessant wäre jetzt, welche Polkappen genau hier schmelzen…
    Ansonsten kann ich nur sagen, irgendwas ohne Menschen ist auf die Dauer auch öde. 😉

    Grüße aus der Postkartenlandschaft
    Daniela

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