Der Schlaflose.

Der Schlaflose atmete tief und ruhig aus dem innersten Dingensbumenskirchen seiner Seele. Er schlief traumhaft fest, der Schlaflose, ohne es zu wissen. Irgendwann in der Nacht zwischen zwei und drei drehte er sich auf die Seite und träumte überzeugend, dass er nicht träumte, sondern wach mit offenen Augen die Hubbel auf der Raufasertapete zählte. Siehste, sagte er im Traum zu sich, wusste ich’s doch, ich schlafe nämlich gar nicht.  Hab ich doch schon immer gesagt.
Eine dunkle, an ein traumatisches Erlebnis erinnernde Stimme sprach zu ihm: Obacht, du schläfst doch! Nein, meinte der Schlaflose, ich schlafe auf keinen Fall. Oh, doch. Oh, nein. Und so weiter.

Nach einiger Zeit gewöhnte sich der Schlaflose an die Schlaflosigkeitsträume. Er genoss seine Auftritte als Prinz, Königinmutter oder Wetteransagerin im Vorabendprogramm. Der Höhepunkt eines jeden Traumes war erreicht, wenn er kurz aufwachte und einer ihn fasziniert anstarrenden Menschenmenge verkündete, er werde jetzt sein Leben ändern: Ich gehe nämlich an die Ostsee. Bernstein sammeln. Jawohl. Bernstein oder Muscheln. Muscheln gehen auch. Vielleicht züchte ich noch Schafe oder Hasen oder baue Plastikmüllskulpturen oder so, ihr wisst schon. Im Ernst jetzt.
Die dunkle Stimme warnte ihn noch: Obacht! Du schläfst nicht mehr. Doch der Schlaflose änderte nichts an seinem Vorhaben, erhob sich und plumpste aus dem Bett.

Günter?
Ja, Gisela?
Liegst du schon wieder neben dem Bett?
Ja, Gisela.
Das macht mich total fertig.
Mich auch, Gisela. Mich auch.

2 comments on “Der Schlaflose.

  1. schindelschwinger sagt:

    ..die beste art und weise, sich sanft aus schlaflosen träumen wecken zu lassen, ist mit folgendem titel, probier’s mal aus! hallelujah!

  2. pii sagt:

    Hätte auch ne Menge zum Thema Schlaflosigkeit beizutragen… Manchmal wache ich morgens auf und frage mich, ob ich überhaupt ein Auge zugemacht habe, gschweige denn zwei. In letzter Zeit spreche ich abwechselnd deutsch und englisch und verkaufe Kreditkarten (???? paranoid !) im Traum , der eigentlich ein Wachzustand ist ( oder umgekehrt ? ), und dann denke ich im Traum darüber nach was das zu bedeuten hat und versuche mich selber dabei zu beobachten….. Wie auch immer – ich hab’s mit Ohrstöpseln versucht und allen möglichen anderen Keulen , selbst mehr oder weniger chemischen… eines aber ist klar : Leonard Cohen würde ich nur in der aller aller aller größten Not hören! ( sorry Schindelschwinger – sonst durchaus Bewunderer deiner Kommentare !)

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