16 Momente der Schwerelosigkeit.

An einem dieser unsinnigen Montagmorgen bin ich enttäuscht und schwerelos von der Badezimmerwaage gefallen. Ich war schwerelos, als ich feststellte, dass ich nicht Superman bin (und auch nicht Catwoman). Und als ich feststellte, dass ich eigentlich vom Mars komme und dort als Fructoman die Gesellschaft vor Eintagsfliegen beschütze, war ich auch schwerelos. Als ich Roger war, der Mann ohne Gelenke, und mich im Kleinkunstverein Buxtehude durch einen Tennisschläger quetschte, war ich schwerelos. Als ich mich schwarz anmalte weil Obama Präsident geworden war, da auch. Als ich es einmal geschafft hatte in der S-Bahn von der Sternschanze bis zum Dammtor durchgehend geräuschlos zu pupsen, da war ich schwerelos. Als ich behauptete, ich sei eine Miesmuschel und alle unbedingt mein Mies sehen wollten. Als ich einer Gruppe nach Karottenpüree riechender Kikakinder erklärte, was die Welt wirklich über Karottenpüree denkt. Als ich eines Morgens als rotgesichtiger Hulk aufwachte und der Arzt meinte, das sei keine Grippe. Als ich ihm die Meinung sagte. Als ich mich in einer meditativen Phase in die Denkstrukturen eines trockenen Stücks Brot versetzte und da nicht wieder herausfand. Als ich feststellte, dass alle lügen. Als ich feststellte, dass ich wie die anderen bin. Als die anderen das auch feststellten. Als die Welt so war wie sie ist. Da war ich schwerelos.

Und als Neil Armstrong als erster Mensch den Mond behüpfte, da hüpfte ich mit ihm.

Fernsehgespräche.

Günter mach das weg da. Ich kann das jetzt nicht sehen.
Das ist aber deine Lieblingsserie.
Aber sie hat gesagt: Du hast ihn umgebracht!
Na, dann ist er der Umbringer, das macht doch nichts.

Günter? Was gibt’s heute?
Deine Lieblingsserie oder, äh, Olympia.
Ich bin dann mal telefonieren.
Ja, kein Problem. Ich bin dann hier.
Auf dem Sofa?

Gisela?
Ja, Günter?
Der Walter wird ja jetzt bald fünfzig.
Ja, Günter?
Dann hat er, wenn man ihn nach Joopi Heesters berechnet, noch mehr als die Hälfte vor sich.
Ja, Günter.
Boah, wie langweilig.

 

Ziellinie.

Wenn du erschöpft hinter der Ziellinie kniest,
um dich herum in die Gesichter siehst,
wenn Übelkeit dich quält und plagt,
wenn niemand nach deinem Namen fragt,
wenn der Hundertmeterlauf zu Ende ist,
dann weißt du, dass du Letzter bist.

Wenn Laufen nichts bringt, geh einfach schwimmen,
da kannst auch du noch was gewinnen.
V-förmiger Oberkörper, Bauchmuskeln bis zum Hals,
springst du ins Wasser und gewinnst, falls
du nicht hüpfst wie ein Korken oder Flummi,
mit Schwimmflügeln in rot aus Gummi.

An die Medaillen kommst du niemals ran,
Verlierer stellen sich hinten an.

Doch dann, ganz am Ende, im Dunkeln ein Licht:
Du gewinnst mit dem dusseligsten Gesicht.
Denn, das geht jetzt ganz tief rein,
die Letzten werden die Ersten sein.

Grabsteininschrift.

Ich hätte gerne, wenn es denn mal soweit sein sollte, folgende Inschrift auf meinem Grabstein: Günter war ein Freund aller Tiere außer Spinnen und diesen Dingern mit dem Panzer, äh…
Kaulquappen?
Nein, diese mit diesem geringelten Panzer.
Lurche? Molche? Fliegenschnäpper?
Lurche auch nicht, obwohl, ich bin ja auch kein Freund von Lurchen. Und von Molchen sowieso nicht.
Das kann ja noch kommen, Günter. Du bist ja noch jung.
Gisela! Ich würde mich nie im Leben mit einem Molch anfreunden, also will ich auch keinen auf meinem Grabstein haben. Und die Dinger heißen Kellerasseln, dass du das weißt.
Igitt.
Günter war ein Freund aller Tiere außer Spinnen, Lurche, Molche und Kellerasseln. Wusstest du, dass Kellerasseln sogar einen Atomkrieg überstehen?
Das soll jetzt auch auf deinen Grabstein? Atomkrieg? Oder war das eine Frage?
Nein Gisela, dass jetzt nicht. Aber vielleicht irgendwas mit unserer Freundschaft?
Welche Freundschaft, Günter, wir sind verheiratet, das reicht doch.
Ok, irgendwas mit dir und Liebe und Zuneigung und so. Verdammt noch mal.
Sonnenuntergänge?
Sehr gut Gisela. Günter liebte Sonnenuntergänge, Tiere und unter anderem auch Gisela.
Sehr lieb von dir, dass du mich auf deinem Grabstein erwähnst, Günter, an dritter Stelle. Direkt nach Sonnenuntergängen und Tieren. Und was ist nun mit den Molchen?
Ach, was weiß ich. Schreib einfach: Hier liegt Günter. Das versteht jeder.
Gut, Günter. Ich sorge dafür. Möchtest du Großbuchstaben?
Von mir aus.
Dann lautet es nun: HIER LIEGT GÜNTER. DAS VERSTEHT JEDER.
Alles klar.

Schietwetter.

Der Hamburger an sich, jedenfalls der Hamburger, der immer im Fernsehen zum Wetter interviewt wird, meint ja, dass das Hamburger Wetter gar nicht so schlimm ist, wie immer gesagt wird, und außerdem gibt es gar kein schlechtes Wetter sondern nur die falsche Kleidung. Ich erhebe da jetzt mal energischen Einspruch und behaupte, äh, das Gegenteil. In beiden Fällen. Das Wetter ist hier immer schlechter als wo anders und die richtige Kleidung für sintflutartige Regenfälle inklusive Hagel, Blitz, Donnergrollen und Sturmgebraus habe ich auch noch nicht gefunden. Ich will sie auch nicht finden. Ich will diese Kleidung nicht mal testen. Ich will überhaupt nichts vom Wetter. Es soll einfach nur ganz normal sein, so wie du und ich, und nicht so wie dieser Fernsehhamburger, der womöglich nicht mal von hier ist. Im Grunde sind es ja immer zwei Fernsehinterviewfragenbeantworter, nämlich ein patentgekleidetes, patentgefaltetes Ehepäärchen um die oder Mitte nahe bei fünfzig, schon immer kinderlos oder seit kurzem, seit dem die Kinder das Haus verlassen haben, das freudig durch die Stadt stampft auf der Suche nach dem mittleren-Alter-Abenteuer im Hamburg Dungeon oder Miniaturparadies oder beim Hafengeburtstag oder Alstervergnügen oder so. Auf jeden Fall immer bei schlechtem Wetter. Moment!, sagt er da in die Kamera und sie nickt dazu, letztes oder vorletztes Mal beim Hafengeburtstag war die Alster gar nicht zugefroren, geht auch nicht, sagt sie, weil der Hafengeburtstag immer im Sommer ist, und geregnet hat es nur zwischen den Regenpausen echt fiese doll, da kann man mit den richtigen Klamotten schon ganz schön was reißen, mit einer ordentlichen Regenjacke ist man da nämlich ganz weit vorne, sagt er und nickt und sie nickt auch und beide strahlen lächelnd in Kamera. Im Regen. Während im Hintergrund ein kleiner Orkan, ein ganz winziger, ein paar Häusern in Harburg die Dächer absäbelt.

Ich glaube ja, diese beiden gefragten Hamburger sind immer dieselben, von der Stadt angestellt, um im Fernsehen ein bisschen gute Laune zu verbreiten. So zum Spaß. Im Regen.