Abenteuer.

Ich bin, wie schon berichtet, Abenteurer. Meine letzte Tollkühnheit hatte mich als Kapitän eines Luftschiffes in die Nähe des Nordpolarkreises und dort zum Absturz gebracht, was mir, wenn man es genau nimmt, drei Jahre Einöde, Einsamkeit und rohen Fisch mit gnurpseligen Stücken meiner Lederschuhe zum Essen auf einer den Lofoten vorgelagerten kleinen Insel einbrachte. Aus naheliegenden Gründen entschloss ich mich (nach meiner Rettung durch einen seltsamen Eskimo, der weiß Gott nicht mindestens 50 verschiedene Begriffe für Schnee kannte, sondern höchstens drei, und diese während der vierwöchigen Rettungsmission andauernd wiederholte und erklärte und wiederholte), keine weiteren Abenteuer anzugehen, sondern meine Zeit mit geselligen Abenden in meiner Heimat am Holstenplatz zu verbringen. Was mir fehlte, waren Gemütlichkeit und etwas anderes zu Essen als Seetang mit Salzkruste.

Kaum hatte ich mich zu Hause im vierten Stock einigermaßen wieder hergestellt, zog ich folgerichtig meine feinste, aus Seehundfell angefertigte Eskimojacke an und ging barfuß und unten herum nackt hinüber zum Griechen. Ich wurde ob meines Aufzuges belächelt, nicht bedient und von der Polizei nach Hause geleitet, mit dem Hinweis, dieses Auftreten fürderhin zu unterlassen. Fürderhin!, das muss man sich mal vorstellen. Verweise auf meine zahlreichen Abenteuer und das Verhalten von Eskimos in der Nähe des Nordpolarkreises wurden übrigens ignoriert. Oben im vierten Stock nahm ich einen wärmenden Schnaps zu mir, zog meinen Vogeler-Apparat über und sprang vom Balkon. Anstatt, wie von mir geplant, beruhigend über die Dächer zu gleiten, landete ich derangiert auf der vor dem Haus gelegenen Verkehrsinsel. Ohne Umschweife wurde ich in die elbnah gelegene Verrücktenheilanstalt Wiedhöfter Sand eingeliefert, die ist vollkommen ebenerdig und hat eine angeschlossene Abteilung für Luftschiffkapitäne und Eskimofreunde. Dort sitze ich nun und berichte von meinem Leben. Ich und meine mit mir einsitzenden Kollegen arbeiten übrigens an einem umfänglichen Fluchtplan, bei dem ein einheimischer Sargträger, ein Vogelstimmenimitator und der Erfinder der singenden Säge eine Rolle spielen. Man mag das nun glauben oder nicht, aber so ist es.

Häuptling Günter.

Seit ich mich zum Häuptling ernannt habe, sitze ich die meiste Zeit so rum, hauptsächlich im Wohnzimmer auf dem Fernsehsessel.  Wenn nichts weiter los ist, brülle ich zwei-, dreimal sehr laut: Hurrarr! und klatsche in die Hände, woraufhin meine Frau selbstverständlich nicht erscheint. Wenn ich ehrlich bin, würde ich auf Hurrarr! auch nicht erscheinen. Was soll dieses Hurrarr! überhaupt bedeuten?
Das frage ich dich, Günter.
Nach dem Hurrarr! scharre ich etwas verlegen mit den Füßchen, die in Mokassinchen stecken, im Sand. Den Sand habe ich extra aus Warnemünde mitgebracht und vor dem Fernsehsessel verteilt. Nur zum Scharren.
Toll, Günter. Der bleibt da nur so lange, bis ich gestaubsaugt habe.
Hatte ich schon erwähnt, dass es das Vorrecht jeden Häuptlings ist, sehr sehr viel Sand aus Warnemünde mitzubringen? Sehr, sehr, sehr viel Sand, Gisela.
Hast du.
Na denn. Ab und zu gehe ich nach hinten in den Garten und hole mir aus dem Stall eine Hühnerhabichtfeder.
Wir haben keinen Stall, Günter, keine Hühner und auch keinen Hühnerhabicht. Wie kommst du nur auf so was?
Das war bildlich gemeint, meine Güte. Die Feder stecke ich mir ins wallende Haar, wobei meine Kette aus Bärenklauen, die über meiner behaarten Brust hängt, leise klappert.
Dein wallendes Haar?
Ja, Gisela?
Wo ist das denn jetzt gerade?
Menno.

 

Hans. Symptome.

Ich stehe ja nie vor elf auf, außer Freitags, ist doch klar, oder?
Ganz klar, Hans.
Am Wochenende oder in der Woche wenn es schneit, regnet, die Müllmänner lärmen oder der Postbote kommt, schlafe ich auch schon mal länger. Je nachdem wie es gerade passt.
Ach.
Wenn ich wach werde, öffne ich immer zuerst das linke Auge, damit fühle ich mich einfach besser. Falls ich doch einmal mit rechts aufwache und zufällig in einen Spiegel gucke…
Ja, Hans?
…mache ich das Auge wieder zu und tue so, als wäre ich blind.
Sehr gute Idee das.
Ich huste übrigens immer morgens.
Mit dem linken Auge oder wie jetzt?
Nein, nein. Zuerst öffne ich das linke Auge, dann das rechte und dann kommt ein kurzer Husten. Soll ich mal?
Lieber nicht, Hans. Warum hustest du denn?
Wegen der Schildkröten, wenn ihr wisst, was ich meine.
Schildkröten?
Irgendwer hat mir erzählt, Schildkröten werden zu Kämmen verarbeitet und Haifischflossensuppe. Das muss ja nicht sein. Aus Protest huste ich.
Aber nur kurz?
Worauf ich eigentlich hinaus will…
Das würde uns auch interessieren, Hans, brennend.
…ist, das ich seit neuestem Symptome habe.
Symptome.
Ja, Hallos und solche Sachen.
Hallos?
Hallosinationen.
Ach das, Hans. Das must du nicht so ernst nehmen. Das kommt vom Schlafmangel.
Wirklich? Dann geh ich jetzt mal lieber ins Bett.
Tu das, Hans. Süße Hallos.