Himmelweits Schildkröte.

Über Himmelweits Vornamen gibt es verschiedene Ansichten, manche sagen, dass er gar keinen habe, andere gehen von einem „H“-Vornamen aus: Habakuk, Hagedorn oder Hannemann Himmelweit oder so ähnlich, den Rest interessierte nur das, was Himmelweit den Tag über an Weisheiten von sich gab, egal mit welchem Vornamen.
Neulich hatte Himmelweit behauptet, die Welt wäre eine umgedrehte Schildkröte und hieße nicht „Welt“ sondern „In den Innereien eines Tieres“. Was er damit meinte, blieb verborgen, aber komisch war es schon. Himmelweit hatte kaum noch Zähne im Mund, und die, die er noch besaß, hatten diese gelb-schwarze Farbe, die jedermann sofort abstoßend findet. Lebensunterhaltmäßig war Himmelweit mit guten Ratschlägen und Flaschensammeln unterwegs. Mit Flaschensammeln verdiente er weitaus mehr als mit den Ratschlägen, was nicht zuletzt an seinen Zähnen lag. Sobald er den Mund aufmachte, guckten die Leute angewidert weg und klappten die Ohren zu.
Himmelweit lebte unter dieser Brücke runter zum Hafen, die eine Zeitlang wegen eines aufgebauten Zauns, dann wegen eines abgebauten Zauns und zuletzt wegen des ersten Obdachlosen-Dixi-Klos durch die Presse ging. Die Stadtverwaltung war auf die Idee gekommen, die Penner unter der Brücke dadurch zu vertreiben, dass sie die Brücke einzäunte, was zu Protesten von engagierten Bürgern führte, was wiederum zum Abriss des Zauns und zum Aufbau des besagten Dixi-Klos führte. Wenn Himmelweit mal musste, strullerte er jetzt außen an das Klo, aus einer inneren Protesthaltung heraus, wie er behauptete.
Himmelweit hatte den Satz mit der Schildkröte und den „Innereien eines Tieres“ den aufgeregten Lokalreportern vom Fernsehen in die Kamera gesprochen, als diese wissen wollten, was er von der Situation mit und ohne Zaun hielt. Seitdem umgab ihn eine Aura von Bildung und Undurchschaubarkeit. Kein Mensch hatte eine Ahnung, was er mit den „Innereien eines Tieres“ meinte, aber es hörte sich nach etwas Gehaltvollem an, irgendwie philosophisch. Falls doch mal jemand nachfragte, antwortete Himmelweit mit den Unwägbarkeiten einer intransparenten Welt und dem Gegenkonzept der implodierten Schildkröte im Jetzt und zu allen Zeiten. Dazu nickte er und brummelte in seinen Bart, er müsse jetzt mal pissen. Wenn Himmelweit seine Ruhe haben wollte, benutzte er, zusätzlich zum offenen Mund, Fäkalsprache. Das half immer.
Eine Lieblingsbeschäftigung Himmelweits war das Sammeln von Papierschnipseln, auf denen die Leute irgendwas notiert hatten. Auf einem dieser Schnipsel stand: Sage einen Satz mit „Schildkröte“. Und das hatte Himmelweit dann auch gemacht.