Sommerfrische.

Am Ende wird mir ja doch jeder zustimmen, wenn ich sage, wie es ist, also fange ich besser gleich an: Wenn man oben am Rand steht und guckt und sieht die Luft vor sich, die nicht nur flimmert, die in Hitzewellen den Pommesduftschwaden der Frittenbude hinterher wabert, am Geschmack von Sonnenmilch entlang, auf der Suche nach Schatten, zwischen den schlafenden Vätern neben ihren schnatternden Müttern, vorbei an den sandbuddelnden, wassergießenden Kindern, den aufgeblasenen Schwimmflügeln, den rotweißen Schwimmringen und gelben Schwimmwassersonstwasenten, den davontreibenden Gummibooten, beobachtet von den müden Strandvolleyballerjungs, den Frisbeespielern, den lauen Badenden, den am Wasserrand rauf und runter wandernden Strandbernsteinsammlern, die immer was finden in den rostbraun vertrockneten Schlickbergen, den Dorschanglern an der Mole und den Krebskescherkindern, den ganz ganz ganz weit raus schwimmenden Angebern, den körperigen Rettungsschwimmern und -schwimmerinninnen, den gar nicht schwimmenden Fußwasserplatschern (huch was ist das kalt), den das Wasser meidenden Omas mit ihrer omafaltigen Omahaut im hellen Sonnenlicht (jede Falte ein Schatten), den immer frischen, pfeilschnell durchs Wasser gleitenden Freistilopas mit und ohne Bauch, den dicken Onkels mit oben ohne und den dicken Tanten im Overall, den Kusinen und Kosengs am Familienstrandbadenachmittag um vierzehnuhrfünfundreißig, der heißesten Zeit dieses Sommers, der wolkenlosesten, der windlosesten Zeit des Tages mit den schnappatmenden Fischen und der vollkommen beruhigten See, den weit draußen unhörbar kreischend Bananenboot fahrenden Jugendhelden, dem Strandsand, heiß wie geschmolzenes Glas, den Sonnenbrandgesichtern, der eiskalten Cola und den frischen Pommes mit Mayo vom Imbiss, den Blick zum Horizont gerichtet, wo in dunstiger Ferne Himmel und Ostsee einander Hallöchen sagen, dem vollkommenen Augenblick absolut unvergesslich glücksbehafteter Sommersonnenhitze. Das ist so warm. Das ist so einmalig hitzeprickelnd. Das ist der Sommer.

Das ist doch so. Das stimmt doch. Da wollte ich nur mal dran erinnern.

Habakuk bläst.

Anfang Februar fing es bei Habakuk aus ihm nicht geläufigen Gründen an zu blasen. Kurze, leise Ausbrüche, bis auf weiteres geruchs- und farblos. Habakuk dachte an die Karottensuppe vom Mittag als Ursache, vielleicht ein welker Salat. Karotten sind bekannt für Wirkungen. So verging die erste Stunde. Habakuk blies noch drei Stunden weiter und ging nach Hause. Er windete den Rest des Tages und die Nacht durch, morgens war er mit seinen Lüften lauter als der Wecker. Zur Arbeit schrieb er eine Mail, er getraute sich nicht, am Telefon den Wind in seinem Rücken erklären zu müssen.

Drei Tage später gab es die ersten Anzeichen von Erschütterungen. Habakuk eruptierte zunächst geräuschlos, als ein Höhepunkt des allseits vorhandenen Blasens sozusagen. Habakuk verzweifelte jedoch nicht, nach wie vor hielt er an der Karottensuppentheorie fest (und an dem welken Salatblatt). Theorien geben bei Ungewissheit Zuversicht.

Nach fünf Tagen sprach Habakuk mit seinem Hausarzt, ob es vielleicht etwas anderes sein könnte. Ein schief gewickelter Darm, eine Komplikation der Niere, ein Schluckauf? Der Arzt hatte noch nie, auch nicht in der einschlägigen Winde-Literatur von einem Schluckauf mit solchen Auswirkungen gehört. Schluckauf geht nach oben, nicht nach unten. Habakuk (von manchen auch schon Habakak gerufen) wies auf seine Kopfstand-Fähigkeiten hin, da wäre dann unten oben und Schluckauf als Erklärung der Lüfte sehr wohl möglich.

Weitere Theorien, Mitte bis Ende Februar, waren die Austreibung eines bösen Geistes, Moby Dick (Da bläst er, der weiße Wal!), ein Wetterphänomen (draußen ein Hoch, drinnen ein Tief), Verdrängung oder der Flügelschlag eines Schmetterlings am Rande von Kuala Lumpur (im Rahmen der Chaostheorie hätten die davon ausgehenden Winde dann Habakuk wie jeden anderen treffen können).

Anfang März gründete Habkuk die erste (freie) Winde- und Lüftegruppe. Er eruptiert noch heute.

Zipfelmann.

Ich bin der Zipfelmann! Ich habe meine irrwitzige Zipfelmütze auf (grau-grün-gestrickte Ringel, roter Bommel an rotem Band, Freundschaftsabzeichen vorne und hinten), und bin, im Prinzip, unbesiegbar. Ich schleudere jedem meinen wild wirbelnden Bommel ins Angesicht, drohe mit einer Geste des Widerwillens noch größeres Ungemach an, und setze mich auf den letzten freien Platz in die S-Bahn, die zu voll, zu laut, zu rumpelig und zu spät in die falsche Richtung fährt. Ich wollte nach links (U-und-S-Bahn-Fahrplan-mäßig gesehen) und sie fährt nach rechts. Meine Gesichtsfarbe gleicht sich der meines Bommels an, aber ich überspiele die Peinlichkeit durch einen gezielten Griff nach meinem Smartphone. Ich schicke mir in rasender Geschwindigkeit eine SMS, eine Mail, einen Tweet, eine WhatsUp-Message und einen I-Like-meinen-Status auf meine eigene Facebook-Seite. Es macht Plimm, Plimm, Plick und Blobb. (Blobb für die veraltete Form der Selbstbenachrichtigung-weil-Selbstanruf). Ich gehe ans Smartphone (ich halte eine Glasscheibe an mein Ohr) und grüße mich. Nebenbei mache ich von mir, der S-Bahn, der Welt da draußen und der Welt in mir drinnen Fotos und eine schnelle Gegenlicht-Auraaufnahme als HD-Video. Die Bilder poste ich sofort an mein Moodboard bei Pinterest, das Video auf meinen Göttliche-Aura-YouTube-Channel. Während ich mir androhe, dass das Gespräch aufgezeichnet wird und ich mich gefälligst an die Spielregeln zu halten habe (es gibt gar keine Spielregeln, es ist alles nur Show, ich grüße mich nochmals), gucke ich meinen nächsten Sitznachbarn mitleidig an: Er liest ein Buch. Brille. Manuelles Umblättern. Wenn ich blättere (ich lese nicht wirklich, ich blättere nur um), tippe ich auf die Glasscheibe meines Smartphone und bekomme für jede sich wie von selbst umblätternde Seite einen so dermaßen sauberen Umblätter-Raschellaut zu hören, dass das wirkliche Umblättern des echten Buches meines nächsten Sitznachbarn wie eine quietschende Tür klingt (was ich nicht hören kann, da ich ja mit einem Ohr telefoniere, mit dem anderen den letzten Musikdownload checke, ein grässlicher, mir von meiner Song-Shop-Community empfohlener Song einer jungen Singer/Songwriterin namens Andrea Online/Offline). Ich nicke mir beständig beim Sprechen (immer noch mit mir selbst) zu, zähle parallel den Stream der bisher eingegangenen I-Like-it-nots-und-dein-Status-interessiert-mich-nicht und sage ab und zu laut „Ähem“. Die Leute sollen ja nicht denken, ich wäre irgendwie durchgeknallt. Dann lasse ich meinen Zipfelmann-Bommel kreisen, hüpfe einen unwirklich realistisch aussehenden Harlem-Shuffle (im Sitzen, es ist viel zu eng zum Aufstehen), und kreische einmal ganz ganz laut: Wie geil ist das denn? Ich bin der Zipfelmann! Ich bin unbesiegbar. An der ersten nächsten Haltestelle steige ich aus. Wie gesagt, ich wollte ja eigentlich nach links.

Käse essen.

In einem wohlsortierten Kaufmannsladen erstand ich ein Stück Käse der riechenden Sorte, genauer gesagt: Alten „Alter Mommark“. Der riecht schon von Geburt an. Dieses Stück Käse versuchte ich zu essen.

Bei meinem Kaufmannsladen wird Käse grundsätzlich so in Folie gepackt, dass dort, wo man die Folie einfach aufwickeln könnte, ein unglaublich überflüssiger, riesiger, sich nicht ablösender Aufkleber pappt, der sich nicht ablösen lässt. Auf dem Aufkleber steht (wahrscheinlich) in ganz, ganz kleiner Schrift: „Dieser Aufkleber lässt sich nicht ablösen, bitte puhlen Sie den Käse an irgendeiner anderen Stelle auf.“

Ich konnte aufgrund einer bei Käseaufklebern häufig vorkommenden Sehschwäche das Kleingedruckte nicht entziffern, tat dann aber intuitiv das, was alle machen, die mit altem „Alter Mommark“ in Folie mit Aufkleber zu tun haben: Ich puhlte am Aufkleber rum, riss, zerrte, zupfte, nuckelte, zapfte, zuckte und rammte schließlich eine Gabel in eine zufällig ausgewählte andere Stelle des Käsestückchens, wobei die Folie wie selbstverständlich aufplatzte. Kleine, übelriechende Endprodukte eines Jahrhunderte alten Reifeprozesses rieselten heraus auf Tisch, Fußboden und T-Shirt. Ich wischte mit der Hand nach. Das hätte in diesem Moment jeder getan. T-Shirt, Tisch, Fußboden und meine Hand rochen wie abgestorben.

Mit Gabel, Messer, den artistischen Fähigkeiten eines Käsesommeliers und ohne die Finger zu gebrauchen, gelang es mir, zwei Scheiben Käse so auf einem Graubrot zu platzieren, dass es mir das sichere Gefühl gab: Alles wird gut, das kannst du jetzt essen. Ich aß, es bröselte, die Scheiben kippelten, ich riss den Mund auf, hob das Brot in die Höhe, schob den Mund darunter und wartete. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Der alte „Alter Mommark“ begleitete mich dann noch drei Tage durch mein ereignisloses Leben, er, ich und mein Magen hatten eine Art Pakt geschlossen: Wir werden niemals auseinander gehn.

Alter „Alter Mommark“ riecht übrigens so wie die Ostsee, wenn sie nach einem langen Sommer ohne Sauerstoff umkippt, und vor einem, wenn man gerade mal ein bisschen herumschwimmt, tote Fische vorbeiwuppern und am Ufer andocken bei den feuchten, seit Wochen am Strand liegenden, rotkotfarbenen Algenbergen, in die eintausend Hunde ihr Geschäft gemacht haben, nachdem sie von den beim Essen heruntergebröselten Randstücken des alten „Alter Mommark“ probiert haben. Das sollte mal auf einem der Aufkleber stehen.

Nashornfreund.

Als ich Norbert zu mir nahm, wog er gerade mal 300 Kilo und war ein wilder Racker. Er passte unter den Küchentisch. Das war vor drei Jahren, seitdem ist Norbert gewachsen. Er bringt eine Tonne auf die Waage und sein Horn ist etwas länger als oder mindestens so lang wie, na, ist ja auch egal, ich habe ihm verboten, sein Horn durch den Briefschlitz zu stecken.

Norbert benötigt Auslauf, deshalb habe ich letztes Jahr die Nachbarwohnung dazu gemietet und einen Durchbruch in Panzernashorngröße geschaffen. Wir laufen seitdem barfuß auf Warnemünder Strandsand von einem Ende der Wohnung zum anderen. Auf die Wände ist eine Afrika-Savannen-Panoramatapete geklebt, die meisten Möbel habe ich verkauft und mit dem Geld einen Volkshochschulkurs als Tierstimmen-Imitator belegt. Ich beherrsche das nächtliche Gebrüll sich paarender Löwen und kann eine südafrikanische Spechtart täuschend echt nachahmen. Ich habe, außer Norbert, keine Freunde mehr.

Neulich hatte ich das Gefühl, Norbert hätte mit etwas zu sagen. Er wolle jetzt gerne seine lange Panzernashornwanderung antreten, um sich eine Lebenspartnerin zu suchen, Kinder zu bekommen und um das zu tun, was Nashörner eben so tun. Ich dachte nach und beschaffte ein Laufband, das aber nach der ersten Benutzung kaputt ging. Jetzt leben wir zu fünft: Norbert, seine Frau, die beiden Zwillinge und ich. Allen habe ich auf die Nashornspitze einen roten Gummipropfen gestülpt, und, damit ich nicht so auffalle, trage ich einen Pümpel, mit dem roten Saugnapf an die Stirn geploppt.

In Norberts Familie bin ich ein voll akzeptiertes Mitglied, die Nachbarn schütteln eigentlich nur noch den Kopf: Mannomann, der Nashornmann.