Nashornfreund.

Als ich Norbert zu mir nahm, wog er gerade mal 300 Kilo und war ein wilder Racker. Er passte unter den Küchentisch. Das war vor drei Jahren, seitdem ist Norbert gewachsen. Er bringt eine Tonne auf die Waage und sein Horn ist etwas länger als oder mindestens so lang wie, na, ist ja auch egal, ich habe ihm verboten, sein Horn durch den Briefschlitz zu stecken.

Norbert benötigt Auslauf, deshalb habe ich letztes Jahr die Nachbarwohnung dazu gemietet und einen Durchbruch in Panzernashorngröße geschaffen. Wir laufen seitdem barfuß auf Warnemünder Strandsand von einem Ende der Wohnung zum anderen. Auf die Wände ist eine Afrika-Savannen-Panoramatapete geklebt, die meisten Möbel habe ich verkauft und mit dem Geld einen Volkshochschulkurs als Tierstimmen-Imitator belegt. Ich beherrsche das nächtliche Gebrüll sich paarender Löwen und kann eine südafrikanische Spechtart täuschend echt nachahmen. Ich habe, außer Norbert, keine Freunde mehr.

Neulich hatte ich das Gefühl, Norbert hätte mit etwas zu sagen. Er wolle jetzt gerne seine lange Panzernashornwanderung antreten, um sich eine Lebenspartnerin zu suchen, Kinder zu bekommen und um das zu tun, was Nashörner eben so tun. Ich dachte nach und beschaffte ein Laufband, das aber nach der ersten Benutzung kaputt ging. Jetzt leben wir zu fünft: Norbert, seine Frau, die beiden Zwillinge und ich. Allen habe ich auf die Nashornspitze einen roten Gummipropfen gestülpt, und, damit ich nicht so auffalle, trage ich einen Pümpel, mit dem roten Saugnapf an die Stirn geploppt.

In Norberts Familie bin ich ein voll akzeptiertes Mitglied, die Nachbarn schütteln eigentlich nur noch den Kopf: Mannomann, der Nashornmann.

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