Zipfelmann.

Ich bin der Zipfelmann! Ich habe meine irrwitzige Zipfelmütze auf (grau-grün-gestrickte Ringel, roter Bommel an rotem Band, Freundschaftsabzeichen vorne und hinten), und bin, im Prinzip, unbesiegbar. Ich schleudere jedem meinen wild wirbelnden Bommel ins Angesicht, drohe mit einer Geste des Widerwillens noch größeres Ungemach an, und setze mich auf den letzten freien Platz in die S-Bahn, die zu voll, zu laut, zu rumpelig und zu spät in die falsche Richtung fährt. Ich wollte nach links (U-und-S-Bahn-Fahrplan-mäßig gesehen) und sie fährt nach rechts. Meine Gesichtsfarbe gleicht sich der meines Bommels an, aber ich überspiele die Peinlichkeit durch einen gezielten Griff nach meinem Smartphone. Ich schicke mir in rasender Geschwindigkeit eine SMS, eine Mail, einen Tweet, eine WhatsUp-Message und einen I-Like-meinen-Status auf meine eigene Facebook-Seite. Es macht Plimm, Plimm, Plick und Blobb. (Blobb für die veraltete Form der Selbstbenachrichtigung-weil-Selbstanruf). Ich gehe ans Smartphone (ich halte eine Glasscheibe an mein Ohr) und grüße mich. Nebenbei mache ich von mir, der S-Bahn, der Welt da draußen und der Welt in mir drinnen Fotos und eine schnelle Gegenlicht-Auraaufnahme als HD-Video. Die Bilder poste ich sofort an mein Moodboard bei Pinterest, das Video auf meinen Göttliche-Aura-YouTube-Channel. Während ich mir androhe, dass das Gespräch aufgezeichnet wird und ich mich gefälligst an die Spielregeln zu halten habe (es gibt gar keine Spielregeln, es ist alles nur Show, ich grüße mich nochmals), gucke ich meinen nächsten Sitznachbarn mitleidig an: Er liest ein Buch. Brille. Manuelles Umblättern. Wenn ich blättere (ich lese nicht wirklich, ich blättere nur um), tippe ich auf die Glasscheibe meines Smartphone und bekomme für jede sich wie von selbst umblätternde Seite einen so dermaßen sauberen Umblätter-Raschellaut zu hören, dass das wirkliche Umblättern des echten Buches meines nächsten Sitznachbarn wie eine quietschende Tür klingt (was ich nicht hören kann, da ich ja mit einem Ohr telefoniere, mit dem anderen den letzten Musikdownload checke, ein grässlicher, mir von meiner Song-Shop-Community empfohlener Song einer jungen Singer/Songwriterin namens Andrea Online/Offline). Ich nicke mir beständig beim Sprechen (immer noch mit mir selbst) zu, zähle parallel den Stream der bisher eingegangenen I-Like-it-nots-und-dein-Status-interessiert-mich-nicht und sage ab und zu laut „Ähem“. Die Leute sollen ja nicht denken, ich wäre irgendwie durchgeknallt. Dann lasse ich meinen Zipfelmann-Bommel kreisen, hüpfe einen unwirklich realistisch aussehenden Harlem-Shuffle (im Sitzen, es ist viel zu eng zum Aufstehen), und kreische einmal ganz ganz laut: Wie geil ist das denn? Ich bin der Zipfelmann! Ich bin unbesiegbar. An der ersten nächsten Haltestelle steige ich aus. Wie gesagt, ich wollte ja eigentlich nach links.

2 comments on “Zipfelmann.

  1. schindelschwinger sagt:

    KILIBUH?

  2. Kay Hüttner sagt:

    Killefitz!

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