Fahne, Fjord und Zwiebeln.

Bo war vierzig, als er die Stadt verließ und ein Haus an einem Fjord nördlich von Schleswig kaufte. Bo lebte von Möhren und Zwiebeln, die er selbst anbaute, und wenn er gerade mal nicht anbaute, saß Bo auf einer holzgezimmerten Bank auf dem Erdwall hinter seinem Haus und guckte in die Gegend. Erdwälle wie seinen nannten die Dorfbewohner übrigens ‚Knick‘, was Bo albern fand, da sein ‚Knick‘ schnurgerade bis runter zum Fjord verlief, vollkommen knicklos sozusagen, und was keinen Knick hat, soll man auch nicht so nennen. Darüber und dass er sich letztlich doch entschied, den ‚Knick‘ wie alle anderen ‚Knick‘ zu nennen, hatte er sehr lange auf seiner Bank sitzend nachgedacht. Ausschlaggebend für seinen Sinneswandel von ‚Erdwall mit Büschen drauf zum Trennen von Feldern‘ zu ‚Knick‘ war schließlich die kurze Einfachheit des Wortes ‚Knick‘ und dass keiner seiner Nachbarn verstand, was er meinte, wenn er meinte, er hätte mal wieder einen ganzen Tag auf seinem Erdwall verbracht. Bo wollte sich in die dörfliche Gemeinschaft einbringen, und wenn alle ‚Knick‘ sagten, konnte er das wohl auch tun, selbst wenn er das albern fand.

Die erste Zeit, die Bo auf der Holzbank auf dem Knick verbrachte, war elend langweilig und ernüchternd, die Gegend, auf die Bo guckte, (ein Feld, noch ein Knick, noch ein Feld und irgendwann der Fjord) wirkte dreckig graubraun, manchmal milchig grün und meistens seltsam verschwommen. Nachdem Bo schon aufgeben wollte auf seiner Holzbank zu sitzen, er ging sogar soweit, wieder in die Stadt zurückzukehren, und nachdem er seinen Nachbarn von der Langeweile auf seinem Knick berichtet hatte, schenkte ihm Hannes von nebenan Brille und Fernglas und Bo entdeckte auf Anhieb eine ihm bisher unbekannte ländliche Weltweite. Nach einer Weile fand Bo, dass es auf dem Feld hinter seinem Haus tatsächlicher Weise zuging wie auf einem Bahnhof. Da waren Hasen und Häsinnen, große Vögel auf der Jagd nach kleinen Vögeln, Rehe, Rehherden, ja, ganze Wildschweinhorden, ein Alarm wie in einem Großzoo. Und wenn ihm das zu viel wurde, setzte Bo einfach seine Brille wieder ab und linste mit zusammengekniffenen Augen zufrieden in die ursprüngliche Verschwommenheit.

Wenn Bo auf dem Knick saß und Hunger bekam, biss er in eine seiner rohen Zwiebeln. Sofort standen ihm Tränen in den Augen und er schimpfte wie ein Rohrspatz über die Zwiebelschärfe, aber, so seine Überzeugung, ein echter Fjordanwohner isst Zwiebeln, ob das gut tut oder nicht. Hannes, sein Nachbar, klärte ihn dann auf, dass es keineswegs so war, wie Bo sich das vorstellte, und dass er der Einzige im Dorf war, der rohe Zwiebeln aß, und auch diesmal dachte Bo sehr lange darüber nach, bis er sich entschloss, auf Möhren umzusteigen. Bo wollte ein Mitglied der dörflichen Gemeinschaft sein, und wenn die keine rohen Zwiebeln aß, dann musste er das auch nicht tun.

Eines Tages hisste Bo an einer aus Dänemark mitgebrachten Fahnenstange eine aus Dänemark mitgebrachte Fahne. In Dänemark machten das alle so, sie gaben ihrer Fahne sogar einen Namen: Danebrog, und also konnte Bo wohl nichts falsch machen, denn Dänemark lag ja sozusagen um die Ecke. Bis Hannes ihm erklärte, was die dörfliche Gemeinschaft vom Hissen der dänischen Fahne hielt: Nämlich nichts. Das war der Moment, in dem Bo sich entschloss, nicht das zu tun, was die dörfliche Gemeinschaft tat, sondern das Gegenteil. Er ließ es beim Danebrog, weil der in seinen rot-weißen Farben eben viel schöner im Wind wehte als jede andere Fahne, die er kannte – außer natürlich der Fahne Guatemalas, die war unschlagbar. Bo gnirpste und gnurzelte auf seiner Bank auf seinem Knick so lange vor sich hin, bis Hannes eines Tages vorbeikam und fragte, was denn sei, ob er sich nicht mal wieder am Dorfleben beteiligen wollte, und warum er keinen mehr grüßte morgens beim Bäcker, und ob sie im Dorf irgendetwas falsch gemacht hätten. Bo knarrte und knurrte und erklärte schließlich, es wäre doch sehr nett gewesen, wenn sich das Dorf einmal im Leben nach ihm gerichtet hätte, und nicht, wie sonst immer, er nach dem Dorf. Hannes nickte, ging rüber in den eigenen Garten und zog ebenfalls den Danebrog auf, einfach so, aus nachbarschaftlicher Solidarität. Ein paar Tage später war Bos Dorf das einzige in ganz Schleswig Holstein, das ausschließlich und immer die dänische Fahne hisste, selbst wenn der Minister oder die Ministerin zu Besuch kam. Und Bo saß auf der Holzbank auf seinem Knick und guckte brillenlos zufrieden in die ruhige Verschwommenheit. Das mit dem Landleben hatte doch einiges für sich. Und das mit dem Zwiebelessen wird einfach überbewertet.

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