Präsidentenbrille.

Neulich saß der berühmte ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten (der Bill) in der UNO an einem langen Tisch inmitten anderer berühmter Persönlichkeiten und bat sanft und sachte um Ruhe und Aufmerksamkeit. Ihm und seinen Mitstreitern gegenüber drängelte sich die Weltpresse, um vom Präsidenten eine Erklärung zu einer nicht anwesenden weiteren Persönlichkeit zu hören, aus Anlass des Geburtstages und der Lebensleistung ebendieser Person, eines zur Zeit der Erklärung krank daniederliegenden 95jährigen südafrikanischen Freiheitskämpfers (dem Nelson). Neben dem Präsidenten saßen eine Frau und mehrere Männer, hinter ihm stand, in einem dichten Gedränge vieler unbekannter Helferinnen und Helfer, der ebenfalls sehr bekannte Ex-Generalsekretär der UNO (der Kofi) und natürlich die Schwester von Kofis Frau, die es immer wieder schaffte, zu solch offiziellen Anlässen zugelassen und bemerkt zu werden. Diesmal ging es um die Brille des Präsidenten (dem Bill), dem es im Moment der feierlichen Verlesung der Erklärung nicht im Ansatz gelang, das ihm vorliegende Schriftstück zu entziffern. Er hatte seine Lesebrille vergessen und stocherte etwas hilflos in diversen seiner Taschen und den Taschen seiner Helferinnen und Helfer herum, was nichts weiter erbrachte als ein verschrumpeltes, aber noch eingepacktes, original weißes Wrigleys Kaugummi, wahrscheinlich noch aus den Zeiten Abraham Lincolns (mit echtem Zucker). Nachdem die Presse langsam unruhig hin- und herwogte, der Präsident trotz mehrfachen Räusperns nichts weiter zustande brachte als ein unverständliches Ähäm (auf amerikanisch ungefähr EyAm oder I am, was nichts anderes heißt als: Ich bin), nahm sich Kofi, der wie immer diplomatisch im Hintergrund die Dinge regelte, der Sache an und suchte nach seiner eigenen vergoldeten Lesebrille, die er zufällig gerade heute Morgen seiner Frau geliehen hatte. Er klopfte, wie vorher der Präsident, vergebens seine Anzugtaschen ab, bis er sich hilfesuchend seiner Schwägerin zuwandte, die nur auf diesen Augenblick gewartet zu haben schien. Sie zog eine 2,49$ günstige Fertiglesebrille von Budni oder Kloppi oder dem nordamerikanischen Pendant aus ihrer wohlgefüllten Riesentasche hervor und hielt sie, dabei einen unaufdringlichen Blick in die Kameras der Weltpresse werfend, ihrem berühmten Schwager hin. Kofi griff zu, die Brille wanderte in Windeseile von Hand zu Hand, so dass schließlich der immer noch Ähäm (I am) grunzende Präsident das rettende Utensil auf der Nasenspitze sitzen hatte. Mit einem uneingeschränkte Aufmerksamkeit fordernden Blick hinweg über die fröhlichgrüngelbe mit glitzerndem Flitter besetzte Lesebrille (1.0 Dioptrien) in die nun stillgespannte Menge der anwesenden Weltpresse hub er an zu lesen. Nach drei Sätzen war allen klar, dass das Rezept für Applepie super, aber völlig fehl am Platze war. Außer dem Präsidenten hielt niemand das Gelesene für eine sauber strukturierte Rede. Nur diese grüngelbe Glitzerbrille von Budni oder Kloppi oder dem nordamerikanischen Pendant faszinierte alle. Wo man die denn kaufen könne.

Halber Mond.

Hallo, ja, hier ist der Telefon-Bernd. Ich wollte nur kurz fragen, ob Sie letzte Nacht den Mond gesehen haben. Nein? Und Ihnen ist auch nichts aufgefallen? Nicht. Gut, dann teile ich Ihnen jetzt mit, dass dem Mond eine Hälfte fehlt und sich diese Hälfte in meinem Besitz befindet. Sie könnten diese Hälfte von mir kaufen. Daran hatten Sie noch gar nicht gedacht? Ich meine ja nur. Sie könnten, wenn Sie wollten.
Wie ich das gemacht habe mit der Hälfte? Ich habe mich natürlich angestrengt, was denken Sie denn? Ich würde Ihnen meine Mondhälfte für die Hälfte überlassen, halber Mond, halber Preis. Selbstverständlich hat er Kratzer. Und Mondstaub. Was Sie mit einem kaputten Mond anfangen sollen? Das ist ein halber Mond, kein kaputter. Und meine Güte, was macht man schon mit einem halben Mond. Konkret, meinen Sie? Na, Sie malen ihn bunt an und laufen drum herum, dann hält man Sie für einen Künstler. Oder Sie legen ihn in den Garten und verlangen Eintritt: Willkommen auf dem Mond! Halbmond, na gut. Ach, Sie haben gar keinen Garten? Klar, Balkon ginge auch, vielleicht hochkant oder so.
Also gut, Sie nehmen die Hälfte und ich packe noch Spax-Schrauben und Dichtungsmasse dazu zum Festmachen. Und ein Ruderboot bekommen Sie auch noch, von mir aus auch den Gasgrill. Und sicherlich können Sie so tun, als seien Sie der erste Mensch auf dem Mond, dieser Buzz, oder wie der hieß. Armstrong, genau, Buzz Armstrong. Ein kleiner Schritt für den Buzz, ein großer Schritt für Sie.
Klar können Sie auch Ihre Frau auf den Mond schicken, Schwiegermutter dazu, und die Nachbarn mit ihren Hunden, kein Problem. Wenn’s unbedingt sein muss, verpacken wir ihn auch noch als Geschenk. Abgemacht, der halbe Mond geht dann morgen an Sie raus. Grüß Gott.

Telefon-Bernd.

Ja. Hallo. Hier ist der Telefon-Bernd. Was kann ich für Sie tun? Das geht doch nicht. Telefon-Bernd. Wer meldet sich denn so? Ist ja klar, dass der jetzt aufgelegt hat.

Hallo, hier ist der Bernie. Meine Güte, so schnell kann man gar nicht auflegen.

Hallo, mein Name ist Bernd. Bernd Bond. Wieso lachen Sie denn jetzt so scheckig, ich erledige hier nur meine Aufträge. Ach, Sie hatten eine Frage? Na, das ist jetzt aber. Ob man Buchsbaumhecken zweimal im Jahr schneiden kann? Ich glaube, es hackt. Mein Name ist Bernd Bond, nicht Bonnie Bonduelle. Die rufen Sie jetzt bitte mit der Durchwahl 36 an, die hilft Ihnen weiter. Nee, dafür nicht.

Hallo. Hier ist der flotte Bernd. Sie hatten um Rückruf gebeten. Ach, Sie waren das gar nicht? Kann ich trotzdem etwas für Sie tun? Ich soll Sie wilde Tiernamen nennen? Wieso dass denn jetzt? Ach ja, das ist ja die hotte Hotline. Also, Sie wünschen einen wilden Tiernamen. Etwas schmutziges. Hmh. Moment, ich überlege noch. Ich habs: Wildsau. Soll ich noch mal? Aufgelegt. Mist, das ist heute wirklich nicht mein Tag.

Hallöchen. Hier spricht der Bernd. Ich rufe Sie an, weil, nein, ich spreche jetzt nicht für mich, sondern für alle Verzweifelten dieser Welt. Sie sind gar nicht verzweifelt? Wie geht das denn? Vielleicht ein ganz kleines bisschen? Eine Sorge, ein Kummer, ein Kümmerchen? Dann weiß ich jetzt auch nicht. Sie standen ganz oben auf meiner Liste.

Hallo? Hier wäre der Bernd gewesen, der Telefon-Bernd.

Le Gespenst.

Vor mir stand mitten in der Nacht, dunkel, herbstlicher Sturm draußen, magenzusammenziehend, Le Gespenst. Damit ich das auch bemerkte, spukte Le Gespenst mit einer tiefen Stimme: Buh! Ich bin Le Gespenst, dass das mal klar ist.
Es war ein echtes, einschneidezahniges Gespenst, fünfzig, plus minus hundertzwanzig Jahre, männlich, Bauchwölbung, pyjamamäßige Oberbekleidung, haarlos-mondverschlafendes Kopfgesicht. Ich hub an, dem Gespenst meine Meinung über unerwünschte nächtliche Auftritte mitzuteilen (ich war auf meinem gefühlt dritten Klogang diese Nacht), da gruselte Le Gespenst: Ismirdochegal, ich bin Le Gespenst aus Canterbury, hubuh.
Ich grunzte im Dunkeln zurück, dass das ja wohl Canterville heißen müsse und ein Stück weit Einfühlungsvermögen in die Situation stünde einem Gespenst ganz gut an, immerhin stand ich hier halb nackend herum und musste mal. Le Gespenst roch nach Amethysten oder so und nickte bestätigend zurück: Ich kann übrigens Gedanken lesen. Ich bin Le Gespenst. Ich kann alles.
Na, tolle Wurst, deutete ich in einer improvisierten Gebärde an (tatsächlich fuchtelte ich nachts in unserem Flur mit den Händen eine tolle Wurst).
Ich kann auch Gebärdensprache, sagte Le Gespenst ignorant. Ich kann das alles, hatte ich doch schon gesagt. Ich steppe dir jetzt einen Stepptanz, und du kannst entscheiden, ob ich wirklich tanzen kann.
Es ertönte (vom obigen Nachbarn in angenehm nächtlicher Lautstärke) Marc Bolans „Get it on“ und Le Gespenst steppte sich einen Glamour-Rock-Wolf den Flur rauf und runter. Ich nickte: Du kannst absolut und überhaupt nicht tanzen, ehrlich. Dann sprintete ich zum Klo.
Als ich fertig war, war Le Gespenst verschwunden. Im Spiegel, diesem verdammt mistigen Flurspiegel, erkannte ich mich, hundertzwanzig Jahre älter als üblich. Und dann steppte ich mal richtig los, aber sowas von steppend. Buhu.