Le Gespenst.

Vor mir stand mitten in der Nacht, dunkel, herbstlicher Sturm draußen, magenzusammenziehend, Le Gespenst. Damit ich das auch bemerkte, spukte Le Gespenst mit einer tiefen Stimme: Buh! Ich bin Le Gespenst, dass das mal klar ist.
Es war ein echtes, einschneidezahniges Gespenst, fünfzig, plus minus hundertzwanzig Jahre, männlich, Bauchwölbung, pyjamamäßige Oberbekleidung, haarlos-mondverschlafendes Kopfgesicht. Ich hub an, dem Gespenst meine Meinung über unerwünschte nächtliche Auftritte mitzuteilen (ich war auf meinem gefühlt dritten Klogang diese Nacht), da gruselte Le Gespenst: Ismirdochegal, ich bin Le Gespenst aus Canterbury, hubuh.
Ich grunzte im Dunkeln zurück, dass das ja wohl Canterville heißen müsse und ein Stück weit Einfühlungsvermögen in die Situation stünde einem Gespenst ganz gut an, immerhin stand ich hier halb nackend herum und musste mal. Le Gespenst roch nach Amethysten oder so und nickte bestätigend zurück: Ich kann übrigens Gedanken lesen. Ich bin Le Gespenst. Ich kann alles.
Na, tolle Wurst, deutete ich in einer improvisierten Gebärde an (tatsächlich fuchtelte ich nachts in unserem Flur mit den Händen eine tolle Wurst).
Ich kann auch Gebärdensprache, sagte Le Gespenst ignorant. Ich kann das alles, hatte ich doch schon gesagt. Ich steppe dir jetzt einen Stepptanz, und du kannst entscheiden, ob ich wirklich tanzen kann.
Es ertönte (vom obigen Nachbarn in angenehm nächtlicher Lautstärke) Marc Bolans „Get it on“ und Le Gespenst steppte sich einen Glamour-Rock-Wolf den Flur rauf und runter. Ich nickte: Du kannst absolut und überhaupt nicht tanzen, ehrlich. Dann sprintete ich zum Klo.
Als ich fertig war, war Le Gespenst verschwunden. Im Spiegel, diesem verdammt mistigen Flurspiegel, erkannte ich mich, hundertzwanzig Jahre älter als üblich. Und dann steppte ich mal richtig los, aber sowas von steppend. Buhu.

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