Winterschlussverkauf.

Des Menschen höchstes Gut
ist, was er sagt und was er tut.

Alle niederen Gefühle
zeigt bei Karstadt das Gewühle.

Mensch lässt sich leicht verlocken,
von supergünstig grauen Socken.

So ist des Lebens Lauf
im Winterschlussverkauf.

Es zeigt sich in der Tat
der Mensch, der tut, was er gesagt.

Was für ein Bohei?
Die Gedanken sind frei.

Le Bart und Big Dodo erkennen sich.

Le Bart war der Meinung, er wäre ein Huckleberry, und das irgendwie schon immer. Big Dodo konnte nicht viel beitragen, er wusste nicht, was ein Huckleberry war. Vielleicht was zu trinken?
Le Bart erklärte umständlich, dass ein Huckleberry, egal welches Wetter, ob Sommer oder Winter, total egal, immer Handschuhe ohne Finger trägt. Big Dodo hatte nur halb zugehört. Sie standen vor diesem Schaufenster in der Innenstadt und betrachteten die ausgestellten Figuren. Die Figuren waren nackt, weil sie gerade umgezogen wurden. Preise waren nicht so wichtig, weil beide keine Begabung für Zahlen besaßen, wie Le Barts Vater immer meinte. Big Dodo hörte nur „ohne Finger“ und suchte mit einem Blick Le Barts Hände. Le Bart hatte Finger an beiden Händen, sie wirkten wurstelig, schienen aber ähnlich viele wie seine eigenen zu sein. Die Handschuhe sind auf jeden Fall aus Baumwolle, meinte Le Bart. Big Dodo suchte in der Umgebung nach einem Baum. Und an den Fingern abgeschnitten. Le Bart wollte unbedingt diese Handschuhe. Es war ihm ein inneres Bedürfnis. Huckleberry sein ist total cool.
Big Dodo zeigte auf einen Fernsehschirm im Hintergrund des Schaufensters, auf dem man zwei Menschen stehen sah, während hinter ihnen hektisch Leute hin und her gingen. Le Bart drehte den Kopf nach hinten, Big Dodo tat es ihm nach. Le Bart fragte mit steifen Hals, ob Big Dodo irgendwie erkennen konnte, was die beiden Figuren auf dem Bildschirm machten. Big Dodo drehte den Kopf zurück: Der kleinere guckt nach hinten, der andere spricht gerade mit mir. Le Bart dreht sich wieder um: Was sagt er denn? Ich weiß nicht, jetzt hat gerade der andere gesprochen.
Nach einer Weile fragte sich Le Bart, ob man sich, wenn man sich irgendwo selbst sah, auch erkennen würde. Und ob Big Dodo vielleicht auch eine Meinung dazu hätte, wo der ja eigentlich zu gar nichts eine Meinung hatte. Big Dodo fror und trippelte wie ein Boxer mit den Füßen. Le Bart erkannte im Bildschirm einen hüpfenden Mann. Le Bart winkte mit einer Hand, zeigte auf den Bildschirm und klopfte Big Dodo in die Seite. Big Dodo nickte. Er wusste es schon länger und hatte nur wegen Le Bart nichts gesagt. Es gab mehr als einen Huckleberry in dieser Stadt.

Später, auf dem Weg nach Hause, fragte Big Dodo ganz nebenbei, ob eigentlich jeder irgendwie ein Huckleberry werden könnte. Le Bart bejahte. Man braucht nur die richtigen Handschuhe.

 

Wie Morton Müller zum Himmel fuhr.

Fortsetzung und Schluss von
Morton Müller.
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.
Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.
Wie Morton Müller den heiligen Gral fand.
Wie Morton Müller vom Ohio kam.

Morton Müller starb unvorhergesehen, als er meinte, bei Rot die Kreuzung Holstenstraße/Streesemannstraße überqueren zu können, frei nach Jesus, der ja auch übers Wasser gegangen war. Morton Müller wurde von drei aus verschiedenen Richtungen kommenden Autos überfahren, von einer Elektro-Byciclette angekarrt und von einem mit Wasserstoff angetriebenen Smart vorderrädrig überrollt. Fünf oder sechs simsende Fußgänger traten aus Versehen auf ihn drauf und etwa zwölf taubenähnliche Mövenvögel spickerten auf seinem Kopf herum. Nebenbei rettete er einer Gruppe Schulkindern das Leben, da eines der Fahrzeuge (die Byciclette) außer Kontrolle geraten gerade auf eine der üblichen Bushaltestellen-Katastrophen zusteuerte, als Morton Müller, wie schon erwähnt, versuchte, die gefährlichste Kreuzung Nordeuropas bei komplettem Fußgängerrot zu überqueren, etwas das niemand macht, weil es einfach nicht geht. Die Byciclette drehte kurzfristig ab nach links an den Schulkindern vorbei hinein in einen türkischen Obst- und Gemüseladen, und Morton Müller starb so, wie er gelebt hatte: selbstlos und übertrieben dramatisch. Als er von einem Hubschrauber aufgenommen in Richtung AK Altona entschwebte, meinte er, man könne sich jetzt mal in aller Ruhe die Stadt von oben angucken. Natürlich fiel er aus diesem vermaledeiten Hubschrauber und landete (nach einem Sturz von etwa um und bei dem Gewicht seines guten Freundes Hinrichsen umgerechnet in Pi-mal-Daumen-Höhenmeter) ohne weitere Umwege in einem Garten der Kleingartenkolonie „Schöne neue Welt“ in einem vor Hasen-, Reh- und Schneckenbiss abverdrahteten Geviert der letztjährigen Kleingartenkönigin Helga Schubert, die ihn, fünfundneunzigjährig, taub und fast blind, sofort mit einem Gartenstichling attackierte. Sie trachtete zunächst, eines der oberen Körperteile Morton Müllers zu erdolchen, stellte dann aber recht wütend diesen Giftzwerg zur Rede, der es wagte, ihren Siegergarten für sein Ableben zu missbrauchen. Wegen ihrer fast Blind- und ihrer vollkommenen Taubheit erstach sie übrigens den Kirschbaum und sprach mit ihrer Buchsbaumhecke, die sich weder wehrte noch Widerworte sprach. Ganz im Gegensatz zu Morton Müller, der mit allem um sich schmiss, was dieser wunderbare Garten hergab: Möhrchen, Gürkchen, Böhnchen, Kartöffelchen und, äh, sagmalschnell, Rübchen. Mit einer der Rübchen traf er dann Frau Schubert, diese wunderbare Königin der kleinen Gemüse, die ihrerseits nichts für das konnte, was sie dann tat, weil sie einfach tat, was sie als Bohnenkönigin tun musste. Morton Müller starb nämlich endgültig in dem Moment, als Frau Schubert seinen Kopf mit dem gusseisernen Tritt ihrer Gartenlaube streifte, den sie mit unmenschlichen Kräften aus dem Boden gerissen und in das schon angesprochene, gut abverdrahtete Geviert geschleudert hatte, in Richtung dieses kreischend fuchtelnden Viechs, das sie zunächst für einen Fuchsteufel, dann für einen Otter und zuletzt für einen neuseeländischen Hobbit hielt (Frau Schubert war begeisterte Kinogängerin, intellektuell bei Woody Allen beheimatet und missbilligte im Übrigen jegliches Elfengezeuchs und alles Hobbitartige). Wahrscheinlicher aber ist, dass Morton Müllers Tod ebenso erfunden war, wie die Meldungen über seine Auffahrt gen Himmel mit Regenbogen und klassischer Musik, begleitet von einem Chor holder Nymphen und engelähnlich jubilierender Fischverkäuferinnen: Hallelujah! Ein Tod, an dem Hinrichsen wie immer herumnörgelte, dass es ein etwas weniger spektakulärer Abgang in einem Ballon oder ein ruhiger Abstieg in die am tiefsten gelegene Lügenhölle doch auch getan hätten. Aber bei Morton Müller kann man sich mit nichts sicher sein. Hinrichsen für seinen Teil verweigerte sich allen Überlegungen zum Tod seines Freundes: Der alte Klabüsterer sitzt doch jetzt schon wieder auf irgend einem hohen Berg, füttert einen goldscheißenden Esel und baut an einem Schloss, in dem er und diese Frau Schubert Rübchen züchten und Karöttchen und der Chor der Fischfräuleins jubiliert den ganzen Tag, und so weiter und so fort bis in alle Ewigkeit. Ja, so wird es wohl sein mit dem Morton Müller, meinte zumindest der Hinrichsen, der alte Nörgler der. Was soll man dazu sagen?

Wie Morton Müller vom Ohio kam.

Fortsetzung von
Morton Müller.
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.
Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.
Wie Morton Müller den heiligen Gral fand.

Und dann war da die Geschichte mit der Zeit und der Uhr am Hamburger Rathaus und Morton Müllers raffiniertem Versuch, mittels geistiger Osmose oder transzendentaler Identifikation (oder so ähnlich) die Uhrzeit vorherzusagen, ohne groß auf die Uhr zu gucken, also sozusagen blind, auf dem Rathausmarkt, dem Hamburger, dem riesigen, jawohl. Wobei Hinrichsen vorher noch behauptet hatte: Erstens, man könne die genaue Uhrzeit nicht vorhersagen und zweitens, die Hamburger Bürger hätten gar kein Interesse an einem Uhrzeitvorhersager, da sie ja eine Rathausuhr besäßen, die die Uhrzeit anzeigte, und drittens mache er nicht jeden Quatsch mit, nur damit das dann abends im Fernsehen gesendet wird. Woraufhin sich Morton Müller, in einen Kaffeesack gekleidet, ein Häufchen Asche auf dem Kopf, Büßermiene, auf den Rathausmarkt hockte, den Kopf zwischen die Hände nahm und ohne viel nach oben zu gucken (dort war die Uhr, von der Hinrichsen gesprochen hatte), dreiuhrdreiundzwanzig sagte, genau als es dreiuhrdreiundzwanzig wurde. Hinrichsen schluckte, suchte nach einer Erklärung und fand keine, als Morton Müller sein Mysterium wiederholte, diesmal, zwecks größerer Aufmerksamkeit, jogamäßig beinverschränkt auf einem Bein stehend, und, flashmobmäßig angekündigt, exakt die Sekunden bis vieruhrvierundvierzig herunterzählte, natürlich unter heimlicher Verwendung eines Zauberspiegels in der Innenfläche seiner rechten Hand. Mit einem Zauberspiegel kann man übrigens alles erreichen, was man will, zum Beispiel erster Kassenwart in der Kleingartenkolonie „Schöne neue Welt“ werden oder Bundeskanzlerin oder Assistent des Chefs der Vereinigung der Burgruinenkenner oder so was.
Eine zufällig vorbeikommende, nicht ganz kleine Gruppe japanischer Touristen hielt Morton Müller Verhalten (das auf-einem-Bein-Herumstehen und das Zeitvorhersagen) für ein urhamburgisches Ritual zur Erhaltung geistiger Frische, und stellte sich, Hinrichsens Beteuerungen nicht verstehend, dass es sich um eine Blödelei, eine hamburgische, handelte, neben und um Morton Müller herum auf den Rathausmarkt und vorhersagte auf japanisch die Uhrzeit, was natürlich niemand nachprüfen konnte. Bis Morton Müller dann bei sechsuhrsechundsechzig kurzfristig seinen Zauber abbrach und den Fehler in seinen Berechnungen damit überspielte, dass er ganz ganz laut über den Zustand seines Kaffeesacks schimpfte und behauptete, er sei von Japanern umzingelt (was ja seltsamerweise stimmte und gar nicht erfunden war oder übertrieben). Hinrichsen wies dann auch das Fernsehteam vom Hamburg Journal auf die Blödelei hin, was dieses mangels anderer aufregender Geschichten einfach nicht interessierte, so dass Morton Müller es tatsächlich ins Fernsehen schaffte und mit einem kurzen: Gutnahmnd, Hamburg! das abendliche Journal eröffnete, jogaverwurstelt in seinem Kaffeesack herumhüpfend, erschöpft und für fünfzehn Minuten berühmt, zumindest im dritten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Morton Müller beschrieb vor laufender Kamera seine schamanische Herkunft vom Ohio und seine Reise hierher an diesen Zeitort,  wobei er dramatischen Blickes auf die Rathausuhr deutete, der ihn (mit zitternder Stimme unterlegt) auch wieder nach Hause bringen würde, bald schon, vielleicht. Dann machte es „Plopp“ und Morton Müller verschwand in einem undurchsichtigen Nebel, wie er so oft und unerreicht plötzlich Hamburg heimsucht, zurück zum Ohio oder von wo auch immer er gerade gekommen war. Hinrichsen blieb die Spucke weg, jawohl, die Spucke, und die Stimme auch. So konnte er dem Team vom Fernsehen tatsächlicher Weise nichts weiter berichten als: Äh, ja, wieso jetzt?

Wie Morton Müller den heiligen Gral fand.

Fortsetzung von
Morton Müller.
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.
Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.

Und dann war da die Sache mit dem Gral, dem heil’gen, dem Jesus sein Becher, wie Hinrichsen das nannte, aus dem der selbige in der besagten Nacht seine letzten Schlucke Fanta geschlubbert hatte, bevor er über die Wupper juppte, aber das wusste Hinrichsen doch schon, das weiß doch jeder. Was man nicht wusste in Hamburg, was nur Morton Müller beantworten konnte, war die Frage, warum der Gral, dieses unscheinbare Becherchen, ausgerechnet im Museum für Kunst und Gewerbe aufbewahrt wurde und nur Morton Müller davon wusste und zufällig auch der einzige war, der die Kombination der Hintertür des MfKuG (Museum für Kunst und Gewerbe, ausgesprochen: Muffkuck) kannte, diese berühmte Zahlenreihe 1-2-3-4, die sich einst der erste Direktor des Muffkuck als Namen für seine vier Söhne gewünscht hatte (er und seine liebreizende Frau hinterließen der Welt stattdessen vier liebreizende Töchterchen, die alle nach der beliebten festkochenden Kartoffel Sieglinde gerufen wurden, nämlich Sieglinde-eins-bis-vier), so dass Morton Müller alle, die ihn kannten und die ihm wie immer glaubten, dazu einlud, ihm, dem großartigen (aber klein gewachsenen) Gralsritter in das Abenteuer zur Wiederauffindung des heiligen Bechers zu folgen, nachts, im Muffkuck, leise die geheime Kombination für sich murmelnd: 1-2-3-4, 1-2-3-4.
Und tatsächlich fand Morton Müller in einem Regal mit anderen elektronischen Ikonen den Gral, etwas moderner zwar, etwas näher dran am heutigen Menschen (der Gral stand neben einer elektronischen Kugelkopfschreibmaschine), etwas greifbarer als so ein Blechbecher, er war nämlich jetzt ein iPhone, kaum zum Trinken zu gebrauchen, doch mit dem Foto eines silbernen Becherchens als Hintergrundbild, in den Farben changierend, bei Bewegung gluckernd, aber eben nicht wirklich und wahrhaftig und ewige Jugend versprechend oder Schönheit, Reichtum, vollkommene Macht oder was man sich sonst so vorstellt. Und doch war Morton Müller, fand er, gralsmäßig damit so weit vorne, dass man ihn von den hinteren Reihen aus kaum noch entdecken konnte, wie er auch zum alten Hinrichsen bemerkte, der den Gral missgünstig verdattert das neue Babylon nannte, das goldene Kalb, den Dämon Mammon. Den Memmerich nannte ihn darauf der Morton Müller, den Miesepeter, den Macker, den Hamburger. Woraufhin sich des Muffkucks iPhone mit einem leisen Schnaufer: Pfft! verabschiedete, weil der Akku nämlich alle war. Das war’s dann mit dem Gral gewesen, grunzte da der alte Hinrichsen. Ich hasse Leute, die „war gewesen“ sagen, antwortete Morton Müller, denen hau‘ ich gerne auch mal eins aufs Maul, den war-Gewesenen, dies sage ich dir, Hinrichsen. Nein, das sage ich dir, Morton Müllerchen. Nenn mich niemals Müllerchen, du. Ich bitte dich, Morton Müller, um Himmels Willen, im Angesicht des Grals, schlage mich nicht schon wieder mit dieser Pute.

Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.

Fortsetzung von
Morton Müller. und
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.

Und dann behauptete Morton Müller, er hätte sich mehrere Nächte mit einem Klopfgeist namens Pretty Belinda um die Ohren geschlagen. Pretty Belinda hätte ihn nachts aus dem Schlaf geklopft und behauptet, auf einem Boathouse zu leben und die Wellen seien im Moment so hoch und der Wind sei so scharf und die Luft wäre voll böser Ahnungen und ob Morton Müller ihr da nicht ein wenig beistehen könnte so mitten in der Nacht, wobei Morton Müller selbstverständlich annahm, dass alle wussten, was ein Boathouse war, nämlich ein Hausboot der Extraklasse, was Morton Müller dann auch bewies, indem er alle mit an den Hamburger Hafen nahm, wo doch tatsächlich das Boathouse im Wellengekröse lag, unterhalb der berühmten unfertigen Elbphilharmonie, wo laut Morton Müller sein Klopfgeist Pretty Belinda arbeitete, nicht als Opernsängerin, wie alle gehofft hatten, sondern als Reinigungsfachkraft für Außenfenster. Und wirklich, weit hinten oben an der Elbphilharmonie hing Pretty Belinda, ganz klein anzusehen an mehreren Seilen gesichert, außen an einem der zehntausend Fenster und putzte den Dreck ab von den Schornsteinen der Riesenkreuzfahrtschiffe, die an einem Liegetag im Hafen so viel Abgase in die Stadt verpusteten, wie zehntausend, ach, was sag ich, elftausend Kühe es nicht in hundert Jahren schafften. Woraufhin der alte Hinrichsen meinte, das sei an Übertreibung das Übelste, was ihm je untergekommen wäre, Kühe hätten gar keine Schornsteine, was ihm prompt einen Schlag mit Morton Müllers Putenoberkeule einbrachte. Außerdem, so Hinrichsen, gäbe es in Hamburg vielleicht gerade mal zwei Kühe, nämlich seine Frau und ihre Schwester, und überhaupt seien Kreuzfahrten viel zu teuer. Was ihm gleich noch einen Nasenstüber mit einer Hasenpfote brachte, von denen Morton Müller immer eine oder zwei anbei hatte, eine Hasenpfote gegen Angst, die andere fürs Glück, wie er sagte. Und weiter gings, näher ran an Pretty Belinda, diese brunhildenhafte Fensterputzmama, durch die Hafencity, vorbei an den frischen Gebäuden, die Hinrichsen als lackierte Malzbonbons bezeichnete, hin zur Elbphilharmonie, Kopf in den Nacken und hochgerufen zur schönen Belinda: Belinda, Belinda, wo sind deine Kinder? Na, wie auch immer, Pretty Belinda musste arbeiten, winkte kurz von oben herunter und putzte, was das Zeuch hielt. Mit was fürn Zeuch putzt die denn so, wie Hinrichsen, dieser Putzteufel, begierig zu erfahren wünschte. Und Morton Müller nickte, was er nur dann tat, wenn ihn etwas wirklich irritierte: Woher sollte er denn wissen mit was man zehntausend Fenster putzt? Mit zehntausend Putzlappen vielleicht? So war das gewesen mit Pretty Belinda, der traumhaften Fensterputzerin des Morton Müller.

Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.

… Fortsetzung von Morton Müller.

Morton Müller behauptete, alle Hobbits wären Kopffüßler, weil sie ja sonst von der Erde herunterfielen, da unten, auf der gegenüberliegenden Seite in Neuseeland. Filme mit Hobbits werden immer in Neuseeland gedreht, meinte Morton Müller, das muss ja einen Grund haben. Allerdings glaubte ihm niemand, dass den Hobbits die Füße direkt aus dem Kopf wuchsen, Füße, mit denen sie dann so dicht über dem Boden herumwatschelten, dass sie doch tatsächlich das Paradies sehen konnten. Das Paradies nämlich, so Morton Müller, befände sich vor aller Augen, sichtbar für jeden, der nur richtig hinguckte, im Kopf, am Kopf oder nahe am Kopf vorbei am Boden. Und die Hobbits hatten es gesehen.
Da klabüstert sich aber einer was zusammen, kommentierte das der alte Hinrichsen, und was es denn in Neuseeland in Fußhöhe so Wunderbares zu sehen gäbe, zwischen all den Kiwis und diesen Unmengen Schafskötel, die da herumliegen, bei den Neuseeländern, diesem seltsamen Menschenschlag. Woraufhin Morton Müller seinen Körper auf einen Tisch wuchtete, entgeistert in die Runde starrte und ohnmächtig hintüber fiel. Fürderhin würde er, so seine ersten Worte nach Wiedererwachen, für seine Behauptungen Beweise vorlegen, niemand solle jemals von ihm sagen, er sei ein Lügner. Dann zeigte er, wie immer in solchen Momenten, seine Fahrradklingel herum und dozierte über die Gobi, anschließend gab er dem alten Hinrichsen aber so einen mit einer schmackhaften Putenoberkeule (an der noch etwas Rotkohl haftete), dass dieser kleinlaut eingestand, noch nicht einmal in Bottrop gewesen zu sein, was ja bekanntlich ziemlich weit vor Neuseeland liegt.
Irgendwann an diesem Abend kam Hinrichsen auf die Idee, dass, wenn diese Hobbits auf der anderen Seite der Erdkugel auf dem Kopf gingen, damit sie nicht herunterfielen, und er selbst ein Hobbit wäre, was, Gottseisgedankt, nicht der Fall war, und er würde da unten in Neuseeland leben oder vielmehr seine Rente genießen, dass er dann ja wohl davon ausgehen dürfte, dass die auf der anderen Seite, also wir hier oben, genauso auf dem Kopf gehen müssten, schon wegen der ausgleichenden Gerechtigkeit und weil sie ja sonst ebenfalls herunterfielen. Hinrichsens Idee kam so schwerfällig rüber wie Hinrichsen selbst, der weit über das Doppelte von dem wog, was alle dachten. Außerdem würden, wenn er, wie gesagt, ein Hobbit wäre, die neuseeländischen Kopffüßler als einzige Menschen „richtig“ gehen, alle übrigen auf ihren zwei wackeligen Beinen wären nur schweratmige Arschkrampen. Was wiederum Morton Müller so in Rage brachte, dass er wütend behauptete, die Erde sei eine Scheibe, und Scheiben hätten die Veranlagung, ein Oben und ein Unten zu besitzen, je nachdem, wie rum man sie gerade hält. Und wo er wäre, da wäre auf jeden Fall Oben, sonst würde er ja auf dem Kopf gehen, was er nicht tat, wie man sehen konnte, und auch gar nicht wollte, wo er doch schon bei einem einfachen Handstand umkippte. Da stimmten ihm alle spontan zu, noch nie hatte jemand Morton Müller einen passablen Handstand stehen sehen, geschweige denn irgendwelche Füße direkt an seinem Kopf, obwohl er ja bei seiner geringen Größe ziemlich weit unten ging. Schlussendlich verabschiedeten sich alle zufrieden aber nachdenklich nach Hause und fragten einander: Hatte Morton Müller vielleicht doch schon mal das Paradies gesehen, da unten in den Bereichen in denen er lebte? Man wusste es nicht.

Fortsetzung folgt…

 

Morton Müller.

Was soll man schon sagen über Morton Müller, den Mann, der behauptet, er sei mit King Kong verwandt, obgleich er weder die entsprechende Größe besaß, noch überhaupt eine Ähnlichkeit bestand. Er war ganze einszweiunddreißig groß, spärlich behaart und einem großen, haarigen Affen so ähnlich wie eine Zwiebelmettwurst einem Gnu. Und niemand hätte ihn jemals als Gnu bezeichnet, geschweige denn als Mettwurst aus Zwiebel. Er war, man darf es so sagen, ein Meister im Behauptungen auf- und im Sachen anstellen. Außerdem mochte er es gerne dramatisch. So kam er, wenn man ihn fragte, wie es ihm denn ginge, immer gerade von irgendwoher, neulich von einer Expedition ins Amazonasbecken, wo es ihm gelungen war, Hubertus Humperdinck aufzuspüren, den Erfinder des Kugelschreibers. Reiner Zufall, wie Morton Müller entschuldigend hinzufügte. Leider hatte noch nie jemand von Hubertus Humperdinck gehört und der Kugelschreiber wurde in Ungarn erfunden, von einem Ungarn mit ungarischem Namen, nicht von jemandem namens Hubertus Humperdinck, was sich ja eher belgisch anhört. Oder er berichtete über Satellitentelefon aus der Wüste Gobi, die er gerade ohne Fahrrad aber mit Fahrradklingel durchquerte. Die Fahrradklingel zeigte er nach seiner Rückkehr jedem, der ihm irgendwie nicht glauben wollte. Gerne telefonierte Morton Müller Freunde und Bekannte nachts aus dem Bett und besprach Anrufbeantworter bis zum Abpiepsen mit Blödsinn, Halbwahrheiten und Geschichten, die immerzu fremdartig beunruhigend und unglaublich klangen. Das führte in Mortons Bekanntenkreis zu einer enorm hohen Zahl von Geheimnummern, die sich kein Mensch mehr merken konnte, weswegen auch kaum noch telefoniert wurde. Morton Müller gelang es immer, auf diesen paar Häppchen Wahrheit herumzureiten, die bekanntlich in jeder Geschichte stecken, und er wusste, wo Bartels den Most holt, wie der alte Hinrichsen das nannte: Der klabüstert dich voll, das haste nicht gesehen! Womit er nicht meinte, Morton Müllers Geschichten wären erfunden, nein, alles, was von Morton Müller kam, klang weit ausholend dramatisch, übertrieben glaubwürdig und gut möglich.
Nebenbei, nur ganz kurz erwähnt, hatte Morton Müller nur einen Fuß (an einem Bein, am anderen Bein hatte er einen anderen Fuß). Der Fuß war so groß, dass er, wenn Morton sich auf den Rücken legte und den Fuß in die Höhe hielt, genügend Schatten für ein Mittagsschläfchen spendete. Und nun zu den tatsächlichen Begebenheiten aus seinem Leben.

Fortsetzung folgt….